Terrorismus und Terrorismusbekämpfung



XIV. Aktionen der Molukker


Regierung im Molukker-Lager Vught1951 kamen zwischen Februar und Mai circa 12.500 Molukker in die Niederlande. Es handelte sich um Familien, von denen die Männer im Königlichen Niederländisch-Indischen Heer (Koninklijk Nederland Indisch Leger, KNIL) gedient hatten. Sie fühlten sich mit den Niederlanden und dem Königshaus verbunden und hatten deshalb während des Indonesischen Unabhängigkeitskriegs an niederländischer Seite gekämpft. Mit der Entlassung in die indonesische Unabhängigkeit im Jahr 1949 endete ihre Vorzugsbehandlung. Die Molukker hatten am 25. April 1950 auf Ambon ihren eigenen Staat ausgerufen (die Republik Maluku Selatan, RMS), aber ihr Unabhängigkeitsstreben wurde von Indonesien unsanft unterdrückt. Nach Beratungen mit der neuen indonesischen Regierung holte die niederländische Regierung die molukkischen Soldaten, die auf der Insel Ambon festgehalten wurden, in die Niederlande. Nach Ankunft in den Niederlanden wurden die KNIL-Soldaten demobilisiert und verloren ihren militärischen Status. Sowohl die niederländische Regierung als auch die Süd-Molukker gingen von einem zeitlich begrenzten Aufenthalt aus. Sie wurden in Baracken und Lagern untergebracht. Die Süd-Molukker erwarteten, dass sich die niederländische Regierung für die Anerkennung ihres Heimatlandes einsetzten würde. Viele Molukker waren der Ansicht, dass die Niederlande eine Art Ehrenschuld einzulösen haben, indem sie ihr Streben nach einem unabhängigen Staat unterstützen. Als diese Unterstützung der Niederländer auszubleiben schien, lehnten sich die Kinder der KNIL-Soldaten auf.

Übersicht über molukkische Aktionen in den Niederlanden

1970: Besetzung der Amtswohnung des indonesischen Botschafters (1 Toter)
Am Montag, dem 31. August 1970 überfielen 33 süd-molukkische Jugendliche die Amtswohnung des indonesischen Botschafters und nahmen alle Mitarbeiter als Geisel. Der Botschafter selbst schaffte es zu fliehen. Hauptwachtmeister Hans Molenaar kam bei der Geiselnahme ums Leben. Er war das erste Opfer terroristischer Gewalt in den Niederlanden. Auch wenn es eine amateurhaft organisierte Aktion war, die symbolische Wirkung auf die molukkische Gemeinschaft in den Niederlanden war groß. Die Besetzer forderten ein Gespräch zwischen ihrem RMS-Präsidenten J. Manusama und der niederländischen Regierung. Das Gespräch fand zwar statt, lieferte jedoch keine konkreten Resultate. Die Geiselnahme bildete daher den Auftakt zu einer Reihe weiterer molukkischer Aktionen.

1975: Pläne zur Geiselnahme von Königin Juliana vereitelt
Im März 1975 wurde der Plan vereitelt, Königin Juliana im Schloss Soesterdijk als Geisel zu nehmen. Die Täter konnten gefasst und verurteilt werden, da eine Verschwörung gegen das Staatsoberhaupt strafbar war.

1975: Zugentführung Wijster (3 Tote)
Am 2. Dezember 1975 fand nahe des Dorfes Wijster in der Provinz Drente die erste Zugentführung statt. Sieben süd-molukkische Jugendliche entführten den Zug von Groningen nach Amsterdam. Es gab drei Tote: Lokführer Hans Braam und die Passagiere Bert Bierling und Leo Bulter. Nach Verhandlungen wurde die Geiselnahme nach 12 Tagen, am 14. Dezember, beendet.

1975: Besetzung des indonesischen Konsulats (1 Toter)
Zwei Tage nach der Zugentführung besetzten süd-molukkische Jugendliche das indonesische Konsulat in Amsterdam. Eine Geisel starb nach einem Sprung aus dem Fenster. Am 19. Dezember ergaben sich die Süd-Molukker.

1977: Zugentführung De Punt (8 Tote)
Am 23. Mai 1977 entführten süd-molukkische Jugendliche kurz vor den nationalen Parlamentswahlen einen Zug nahe dem Dorf De Punt. Nach 3 Wochen vergeblichen Verhandelns wurde die Geiselnahme am 11. Juni unsanft beendet.

1977: Geiselnahme Grundschule Bovensmilde
Vier Süd-Molukker stürmten zeitgleich zur Zugentführung bei De Punt eine Grundschule in Bovensmilde. Sie nahmen 105 Schulkinder und 5 Lehrer als Geisel. Die Geiselnahme wurde ebenfalls am 11. Juni mit Gewalt beendet. Es gab keine Toten.

1978: Besetzung Gebäude der Provinzverwaltung Assen (2 Tote)
Am 13. März 1978 wurde das Gebäude der Provinzverwaltung Assen von drei Süd-Molukker besetzt. Der Beamte Co de Groot wurde von den Terroristen exekutiert. Am nächsten Tag wurde die Geiselnahme gewaltsam beendet. Abgeordneter Jack Trip wurde dabei verletzt und erlag später seinen Verletzungen im Krankenhaus.

Insgesamt kamen bei diesen Aktionen 15 Menschen ums Leben, darunter sechs Süd-Molukker. Nach 1978 endete die terroristische Gewalt der Süd-Molukker. Die Jugendlichen wurden sich bewusst, dass sie bei der niederländischen Regierung mit gewalttätigen Mitteln niemals etwas erreichen können – eine Einsicht, die für Kinder, die aus einer völlig militarisierten Kultur stammten, ausschlaggebend war. Ferner nahmen nun auch ihre Eltern und die molukkischen Führer Abstand vom Weg der Gewalt (zuvor hatten sie stillschweigend Verständnis und manchmal gar Zustimmung dafür gezeigt). Daneben trug eine Anzahl sozialer Initiativen, die sich für die Integration und das Mitspracherecht der Süd-Molukker einsetzten (vor allem die Errichtung der Kommission Köbben-Mantouw und des „Inspraak Orgaan Welzijn Molukkers“ im Jahr 1976), dazu bei, dass die Entrüstung und Aktionsbereitschaft innerhalb der molukkischen Gemeinschaft nach 1978 langsam nachließ.

Autorinnen: Beatrice de Graaf und Ilse Raaijmakers
Erstellt: August 2009


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Literatur

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Bootsma, P.: De Molukse acties. Treinkapingen en gijzelingen 1970-1978, Amsterdam 2000.

Demant, F. et al.: Teruggang en uittreding. Processen van deradicalisering ontleed, Amsterdam 2008.

Duyvesteyn, I./Graaf, Beatrice de (Hrsg.): Terroristen en hun bestrijders vroeger en nu, Amsterdam 2007.

Eikelenboom, S.: Niet bang om te sterven. Dertig jaar terrorisme in Nederland, Amsterdam 2007.

Klerks, P.: Terreurbestrijding in Nederland, 1970-1988, Amsterdam 1989.

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