BeNeLux - NRW: Grenzüberschreitende Beziehungen


X. Vom Streitfall zum ”Mustergarten Europas” – Drei Beispiele aus dem deutsch-niederländischen Grenzgebiet*

Nach dem Zweiten Weltkrieg forderten viele Niederländer deutsche Gebiete als Ausgleich für die von deutschen Soldaten gefluteten Polder und weitere schwere Kriegszerstörungen. Bis hin zur Weser und zum Rhein reichten die Forderungen im Extremfall. In Zeiten des sich verschärfenden Kalten Krieges lehnten Briten und Amerikaner diese Ansprüche jedoch ab; auch viele Niederländer hielten Annexionen für das falsche Signal. Aus den Gebietsansprüchen wurden ”Grenzkorrekturen”, mehr ein Faustpfand für die noch ausstehenden Verhandlungen über Wiedergutmachung als ein ernst zu nehmender Landgewinn. Trotzdem löste die Bekanntgabe der Grenzänderungen am 28. März 1949 eine Welle des Protests unter den Deutschen in der britischen Zone aus.

Elten – 14 Jahre niederländisch

23. April 1949, 12 Uhr mittags: Die Atmosphäre war gespannt, als in Elten unter dem Schutz von Militärpolizei der niederländische ”Landdrost” Adriaan Blaauboer einzog. Die ”Grenzkorrekturen” betrafen das niederrheinische Elten mit seinen rund 3500 Einwohnern unmittelbar, ebenso wie Tüddern im Selfkant und einige andere kleine Gebiete. 38 Familien hatten den Ort noch schnell verlassen, bevor die Niederländer kamen. Die Verunsicherung war auf beiden Seiten groß, die neue Besatzungsmacht fürchtete Widerstand, die Eltener Bevölkerung Vergeltungsmaßnahmen. Zwei Wochen lang riegelte die niederländische Militärpolizei Elten völlig ab. Aber alles blieb ruhig.

Die Eltener mussten sich nun auf niederländische Behörden, Gerichte und Berufsverbände einstellen; der Weg zur Arbeit im nahgelegenen Emmerich wurde zum genehmigungspflichtigen Grenzübertritt. Sie merkten jedoch schnell, dass die niederländische Regierung weder auf Rache sann noch zwangsweise Niederländer aus ihnen machen wollte. Die Neubürger galten zwar vor dem Gesetz als Niederländer, behielten aber ihre deutsche Staatsangehörigkeit. Der Schulunterricht fand weiterhin auf Deutsch statt mit zwei Wochenstunden Niederländisch. Fehlende demokratische Mitwirkungsrechte wurden durch eine ”Commissie van Advies” abgemildert, eine Art Gemeinderat mit beratender Funktion.

Für Elten bot die Sonderstellung ungeahnte Vorteile: niederländische Fördermaßnahmen, etwa ein umfangreiches Wohnungsbauprogramm, und zugleich finanzielle Unterstützung der nordrhein-westfälischen Landesregierung, um die Grenzkorrekturgebiete an sich zu binden. Der Fremdenverkehr boomte. Ströme von Touristen besuchten den Eltenberg, mit rund 80 m nun einer der höchsten Berge der Niederlande.

Als 1957 die Verhandlungen um einen deutsch-niederländischen Ausgleichsvertrag begannen und sich eine Rückgabe der betroffenen Gebiete an die Bundesrepublik abzeichnete, verfolgten die Eltener die Entwicklung mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Die Rückgliederung am 1. August 1963 nutzten findige Geschäftsleute zu einem Coup, der als ”Eltener Butternacht” bekannt wurde: Aus allen Teilen der Niederlande fuhren LKW in den Ort, beladen mit zollpflichtigen Waren. Um 0.01 Uhr wurden mit Elten auch die rollenden Butterberge deutsch – zollfrei. Viele Deutsche denken heute kaum noch an die umstrittene Westgrenze, zu dominant ist die Erinnerung an die Ostgrenze, zu dominant aber auch die Erfahrung grenzüberschreitender Zusammenarbeit.

Rhein-Ems-IJssel – Die erste Euregio

Während die Niederlande und die Bundesrepublik Deutschland auf höchster diplomatischer Ebene noch um einen Ausgleichsvertrag zur Normalisierung ihrer Beziehungen rangen, beschlossen einige Gemeinden im Grenzgebiet um Enschede und Gronau bereits 1958, enger zusammenzuarbeiten. 1965 präsentierten diese kommunalen Interessengemeinschaften eine Ausstellung über die Entwicklung des Gebiets zwischen Rhein, Ems und IJssel. Das Schlagwort ”Euregio” bündelte unterschiedliche Aktivitäten und weckte Interesse in Brüssel. Unterstützung fand die Idee insbesondere bei Alfred Mozer, einem Europäer der ersten Stunde, der früh forderte, dass die Europäische Gemeinschaft die Regionen stärke.

Mozers Engagement für ein Europa der Bürger gründet in seiner Biografie. 1905 als Sohn einer deutschen Mutter und eines ungarischen Vaters in München geboren, floh der Sozialdemokrat 1933 aus Emden in die Niederlande und schloss sich dem Widerstand an. Er tauchte nach dem Einmarsch der Deutschen unter, blieb nach Kriegsende in den Niederlanden und wurde internationaler Sekretär der sozialdemokratischen ”Partij van de Arbeid”. 1958 ging er als Kabinettschef des niederländischen Landwirtschaftskommissars nach Brüssel. Als Pensionär zog er 1970 ins Grenzgebiet und widmete sich in seinen letzten neun Lebensjahren ganz der Euregio-Arbeit.

In den siebziger Jahren nahm die bislang eher sporadische Euregio-Arbeit feste Formen an. Hierzu trug insbesondere die 1971 gegründete Euregio-Mozer-Kommission bei, die den kulturellen Austausch förderte und grenzüberschreitende Begegnungen initiierte. 1978 wählten die an der Euregio beteiligten kommunalen Verbände erstmals einen ”Euregiorat”. Die Bedeutung dieses Organs für die Euregio ist der Bedeutung des Europäischen Parlaments für die EU vergleichbar: Es entscheidet über gemeinsame Projekte und nimmt Stellung zu Fragen, die das Grenzgebiet betreffen, hat aber nicht die Befugnisse der entsprechenden Gemeindevertretungen beider Länder.

Die Euregio entwickelte sich zur Anlaufstelle für grenzüberschreitende Initiativen jeder Art. Neben der kulturellen Zusammenarbeit stehen besonders die wirtschaftliche Entwicklung der Region und die Beratung der Bürger bei alltäglichen Grenzproblemen im Mittelpunkt. Über 20 000 Anfragen gehen jährlich im Euregio-Haus in Gronau ein. ”Kruimelwerk – Kleinkram”, nannte es Prinz Claus von Amsberg, der wohl bekannteste Förderer der Euregio, ”aber besonders wichtiger ‘Kleinkram’: denn dies ist die Basis für ein größeres gegenseitiges Verständnis, für den Abbau von Vorurteilen und den Aufbau eines europäischen Zusammenlebens.”

”Euregio” ist inzwischen ein Oberbegriff für grenzüberschreitende, regionale Zusammenschlüsse. Heute gibt es annähernd 100 Euregios, davon fünf an der deutsch-niederländischen Grenze. Der 1991 zwischen Deutschland und den Niederlanden geschlossene Anholter Vertrag über grenzüberschreitende Zusammenarbeit auf regionaler Ebene schuf die rechtliche Basis für die Euregio-Arbeit. Im selben Jahr startete die EU ihr erstes Interreg-Programm. Seitdem kann jede Euregio selbst entscheiden, welche Projekte Fördermittel erhalten. Dadurch wuchs ihre Bedeutung für die Vielzahl grenzüberschreitender Aktivitäten, die auch unabhängig von einer Euregio überall im deutsch-niederländischen Grenzgebiet stattfinden – vom gemeinsamen Gewerbegebiet über Schulprojekte bis hin zu Städtepartnerschaften.

Kerkrade und Herzogenrath – Die erste grenzüberschreitende Gemeinde Europas?

Wer im deutschen Herzogenrath oder im niederländischen Kerkrade vom Mauerfall spricht, denkt nicht an Berlin. Denn auch im Westen fiel eine Mauer oder, besser gesagt, ein Mäuerchen. Mitten auf der Neustraße/Nieuwstraat zwischen Herzogenrath und Kerkrade verläuft die deutsch-niederländische Grenze.

Herzogenrath, ehemals niederländisch wie Kerkrade, fiel nach dem Wiener Kongress 1816 an Preußen. Bis zum Ersten Weltkrieg war die Grenze jedoch kaum spürbar. Stacheldrahtzäune trennten erst zwischen 1914 und 1918 und dann wieder ab 1938 die Anwohner der Neustraße von einander. Nach dem Zweiten Weltkrieg rissen die Kerkrader zwar den von Deutschen errichteten Zaun nieder, um die gesamte Neustraße zu besetzen; doch die Alliierten bauten ihn wieder auf, allerdings am östlichen Straßenrand.

1955 entschied das niederländische Finanzministerium, den über 2,30 m hohen, maroden Stacheldrahtzaun durch einen 1,10 m hohen Maschendrahtzaun zu ersetzen. Kerkrader und Herzogenrather plädierten vergeblich dafür, ganz auf die Grenzbefestigung zu verzichten. Der 1963 in Kraft getretene Ausgleichsvertrag bestimmte die Straßenmitte als Grenze, verlangte aber weiterhin ein ”gemeinsam anzulegendes Hindernis”: Seit 1970 teilten knapp 50 cm hohe Betonblöcke die Neustraße.

Ende der achtziger Jahre forderten immer mehr Bürger – unterstützt von den Stadtverwaltungen – den Abriss des Mäuerchens. 1991 gaben sich Herzogenrath und Kerkrade den Namen ”Eurode”, der den Europagedanken mit dem ”Land von Rode” verknüpft. Diese alte Ortsbezeichnung erinnert an die gemeinsame Geschichte, die im Dialekt, dem Rödschen Platt, in Kultur, familiären Bindungen und sozialen Kontakten bis heute lebendig ist. 1993 begann der Umbau der Neustraße, 1995 begingen Kerkrade und Herzogenrath die Fertigstellung mit einem zweitägigen Fest. Der niederländische Außenminister Hans van Mierlo und sein deutscher Kollege Klaus Kinkel feierten mit.

Eurode-business-center
Eurode Business Center, Quelle: niederlandenet,Tim Mäkelburg/cc-by

Von nun an bewegten sich die beiden Orte mit Riesenschritten auf Europa zu. 1995 startete das Projekt ”Eurobabel”: Grundschüler lernen Kultur und Sprache des Nachbarn kennen. Ein Kerkrader Unternehmen entwarf ”Eurode-Häuser”: preiswerte Häuser nach niederländischem Muster, die mit dem deutschen Baurecht vereinbar sind. 1996 unterzeichneten beide Städte eine Vereinbarung über gegenseitige Hilfeleistung bei Bränden und Unfällen. 1997 schlossen sich Herzogenrath und Kerkrade auf der Grundlage des Anholter Vertrags zum Eurode-Zweckverband zusammen und setzten entsprechend der Euregio einen Eurode-Rat ein. Die Lokalpolitiker haben sich noch höhere Ziele gesetzt: „Eurode“ soll die erste grenzüberschreitende Gemeinde Europas werden.

Eine Arbeitsgruppe des niederländischen Innenministeriums beurteilte die Verwirklichungschancen dieser Vision allerdings skeptisch und bemerkte, ”dass der Ausdruck 'europäische Gemeinde' weder im Völkerrecht noch im Staatsrecht irgendeines europäischen Landes eine Bedeutung hat”. Auch mancher Kerkrader wünscht sich zwar Zusammenarbeit, aber nicht gleich einen deutschen Bürgermeister. Bei aller Europa-Euphorie, ein wenig Grenze möchte so mancher Bewohner des deutsch-niederländischen Grenzgebiets doch behalten. Grenzenlos glücklich? Deutsche und Niederländer friedlich in einer Gemeinde vereint? Na, wir wollen doch nicht übertreiben...

 


* Der Text ist erschienen in: Deutschland-Niederlande. Heiter bis Wolkig. Begleitbuch zur Ausstelung im Haus der Geschiche der Bundesrepublik Deutschland in Bonn vom 22. November 2000 bis 16. April 2001 und im Rijksmuseum Amsterdam vom 26. Mai bis 16. September 2001, Bonn 2004, S. 126 bis 131.

Autorin: Katja Protte
Erstellt: Januar 2004


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Wielenga, Friso: Die Benelux aus niederländischer Perspektive, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 2008.

Lademacher, Horst: Deutschland und Belgien, in: Walter Förster (Hrg.), Beiderseits der Grenzen, Köln 1987.

Protte, Katja: Vom Streitfall zum ”Mustergarten Europas” – Drei Beispiele aus dem deutsch-niederländischen Grenzgebiet, in: Deutschland-Niederlande. Heiter bis Wolkig. Begleitbuch zur Ausstelung im Haus der Geschiche der Bundesrepublik Deutschland in Bonn vom 22. November 2000 bis 16. April 2001 und im Rijksmuseum Amsterdam vom 26. Mai bis 16. September 2001, Bonn 2004, S. 126 bis 131.

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