Niederländische Außenpolitik


VII. Wächst zusammen, was zusammen gehört? Kooperation unter der Lupe der Bundeswehr-Sozialwissenschaftler

Wie klappt es nun eigentlich mit der Zusammenarbeit beim ersten Deutsch-Niederländischen Korps? Das fragen sich auch die Forscher vom Sozialwissenschaftlichen Institut der Bundeswehr und meinen dabei weniger, ob die Technik gut aufeinander abgestimmt ist, als vielmehr das interkulturelle Miteinander der deutschen und niederländischen Kollegen. Ulrich vom Hagen, René Moelker und Joseph Soeters haben anhand verschiedener Studien die Entwicklung und Veränderungen von zehn Jahren Zusammenarbeit evaluiert und dokumentiert. [1]

„Mein Fahrer wird ihnen etwas ganz anderes erzählen“

Obere Ränge schätzen demnach das binationale Miteinader im Allgemeinen sehr. Generalmajor Marcel P. Celie, bis 2005 Stellvertretender Kommandeur, sprach etwa von „positiven Erfahrungen“ und „verbesserten Beziehungen“ wo Offiziere intensiv zusammenarbeiten. Aber auch der Generalmajor hatte genug Bodenhaftung um zu wissen, dass das nicht selbstverständlich ist. „Wenn sie meinem Fahrer die gleiche Frage stellen, wird er ihnen etwa ganz anderes erzählen“, sagte er offen. Je höher der Rang des Bediensteten, desto mehr Sympathie empfindet er für den anderen, außerdem sind Deutsche positiver eingestellt als Niederländer, fanden die Soziologen heraus. Die Studie bezieht sich deshalb teilweise ganz bewusst auf „den Fahrer“ und vergleicht, wo es bei deutschen und niederländischen Soldaten besonders kracht, und ob es nicht vielleicht doch Eigenschaften gibt, die sie aneinander schätzen.

Arrogant - oder für den Verkehr eine Katastrophe?

Welche Vorurteile aufeinander treffen würden, stand in den beiden Ländern schon fest, bevor man sich über ein gemeinsames Korps Gedanken machte. Was ist typisch deutsch? Was typisch niederländisch? Gerade wer sich so ähnlich ist, sucht nach Unterschieden, fragt nach seiner kulturellen Einzigartigkeit. Der kleinere Partner fühlt sich in dieser Hinsicht schon mal bedroht, haben die Wissenschaftler erfahren, und auch einen Namen für diese Krankheit: „Big-Sister-Syndrome“. Deshalb werden Unterschiede schnell überbewertet: „Eigentlich sind sich die deutsche und die niederländische Nationalkultur in vieler Hinsicht recht ähnlich. Kleine Unterschiede werden hochstilisiert, führen zu nationaler Stereotypisierung und harmlosen Witzen über das Nachbarland.“ Dass die Deutschen sich zwar ordentlich benehmen können, aber auch denken, ihnen gehöre Europa, gehört demnach genauso dazu, wie die weitverbreitete Meinung, die Niederländer seien viel offener als die Deutschen, aber „für den Verkehr eine Katastrophe“.

Liebenswürdig anders sein

Wie verstehen sich unter diesen Umständen die Kollegen beider Länder, fragten sich die Wissenschaftler. „Ohne Sympathie ist Kooperation unmöglich, selbst wenn das Konzept der Organisation hervorragend, oder das Equipment vollkommen kompatibel ist.“ Sympathie ist der Zement für Interoperabilität, also der Fähigkeit unabhängiger Systeme zusammenzuarbeiten. Zu dem Zeitpunkt, als das erste deutsch-niederländische Korps gegründet wurde, gab es allerdings Zweifel, ob genügend von diesem Zement vorhanden sei. Im Laufe der Zeit müsste durch mehr Kontakte – auf beruflicher und auf privater Ebene - doch auch mehr Sympathie entstehen, so die Hypothese. Befragungen ergaben: 1995 mochten 48 Prozent der deutschen Mannschaftsdienstgrade (untere Ränge) die niederländischen Kameraden, ein Wert der 1997 auf 59 Prozent anstieg und bis 2005 beinahe stabil blieb. Die Niederländer stiegen ihrerseits mit deutlich geringeren Sympathiewerten ein: gerade mal ein Fünftel mochte die deutschen Kollegen, ein Wert, der sich bis 2005 auf fast 40 Prozent gesteigert hat. 60 Prozent der deutschen Unteroffiziere gingen mit offenen Armen auf ihre niederländischen Kollegen zu, 2005 war dieser Wert etwas darunter: Noch 54 Prozent kamen gut mit den Niederländern klar. Auf niederländischer Seite war der Einstieg sehr viel zurückhaltender: Gut ein Viertel mochte die Deutschen, 2005 waren es satte 56 Prozent. Hohe Anfangssympathiewerte fanden sich bei Offizieren: 65 Prozent der Deutschen und 44 Prozent der Niederländer mochten sich. 2005 waren es immerhin noch 56 Prozent der Deutschen, die die Niederländer nett fanden, gegenüber 64 Prozent Niederländern, die ihre deutschen Kameraden inzwischen zu schätzen wussten. Kulturunterschiede müssen aber nicht immer ein Nachteil sein, so die Soziologen, sie können unter Umständen auch liebenswürdig und anziehend wirken. Während die Deutschen am traditionellen Sinterklaasfest der Niederländer begeistert teilnehmen, freuen sich die Niederländer über den freien Tag der Arbeit am ersten Mai.

Miteinander warm werden

Die Haltung gegenüber dem jeweils anderen Kollegen lässt sich leichter verändern, als der Glauben an bestimmte Charakterzüge, die Nationen zugeschrieben werden, glauben die Wissenschaftler. Sie sind aber davon überzeugt, dass diejenigen deutschen und niederländischen Soldaten, die auch ihre Freizeit miteinander verbringen oder sehr viel Arbeitskontakte haben, schneller miteinander warm werden. Die Langzeitstudien hätten gezeigt, dass Deutsche und Niederländer zusammenwachsen, sich immer besser gegenseitig verstehen. Dass die Kultur des Nachbarn positiv wahrgenommen werde, helfe dabei enorm. „Sogar die Niederländer haben ihr anfängliches Zögern abgelegt und räumen der Kultur der anderen Nation Attraktivität ein.“

Nur Zusammen zum Erfolg

„Communitate Valemus“ – Zusammen sind wir stark – lautet der Leitspruch des ersten Deutsch-Niederländischen Korps. Im Westen wird innerhalb der modernen Militärsoziologie im Allgemeinen angenommen, dass ein starker Gruppenzusammenhalt von Vorteil, wenn nicht sogar eine Grundvoraussetzung für militärischen Erfolg ist, meint Ulrich vom Hagen. Besonders integrierte multinationale Einheiten würden nicht nur einen funktionalen Zweck, sondern im Prozess der Europäischen Integration auch sozio-politische Aufgabenstellungen erfüllen. „Militärische Aufgaben sind deshalb Konsequenz des nationalen und internationalen sozio-politischen Einflusses, der die Wahrnehmung von Staaten bezüglich des Aussehens und der Aufgaben ihrer Armeen formt.“ War früher die Armee die institutionelle Antwort auf eine vorhandene Bedrohung, so entstehen Aufgaben heute auf internationalem politischem Parkett. Statt Einheiten für die Verteidigung der Landesgrenzen zu schaffen, nehmen kleine spezialisierte und flexible Strukturen zu, die immer öfter für die Friedenserhaltung eingesetzt werden. Hinzu kommen neue Bedrohungen, wie Bürgerkriege, transnationaler Terrorismus, schwache Staaten, Drogenhandel und Krisen aufgrund von Ressourcenknappheit.

Vertrauen in die Professionalität des anderen

Herkömmliche Streitkräfte sind eher homogen aufgebaut. Ihre Mitglieder gehören in der Regel derselben ethnischen Gruppierung an, es gibt keine religiösen oder sprachlichen Unterschiede. Den notwendigen Zusammenhalt und die Kameradschaft beziehen sie aus persönlichen Beziehungen und dadurch, dass die Führung und Organisation ihre psychologischen und organischen Bedürfnisse erfüllt. Bei integrierten multinationalen Einheiten stellt sich vor diesem Hintergrund natürlich die Frage nach dem Zusammenhalt: Wie können sich Armeen, die sich zuvor immer über ihre Nation definierten, plötzlich in einer multinationalen Umgebung bewegen? Wie funktioniert jetzt der Zusammenhalt? Hier stellt der Forscher die Hypothese auf, dass gut ausgebildete Teams und Einheiten eine intuitive Kommunikation entwickeln, die auf gemeinsamen Erfahrungen bei komplexer Teamfähigkeit beruht. Notwendig dazu seien gemeinsamer Drill, aber auch die gemeinsamen Fähigkeiten, die „collective drills and skills“, genauso wie das Vertrauen in die Professionalität des anderen. Nur wenn dieses Vertrauen stark ist, können sich auch informelle Wege der Zusammenarbeit entwickeln.

Englisch mangelhaft?

Bei der Befragung von Niederländern und Deutschen zu Zusammenhalt und Vertrauen stellte sich heraus, dass vor allem die Sprache aber auch ein unterschiedlicher Führungsstil zu Reibereien führen. Die Verständigung läuft auf Englisch – eigentlich. In unteren Rängen hapert es da scheinbar bei manchem Deutschen. „Weil der durchschnittliche niederländische Soldat besser Englisch spricht, könnte er oder sie den Eindruck bekommen, der Deutsche sei weniger qualifiziert oder erwarte sogar vom Niederländer Deutsch zu sprechen“, so Ulrich vom Hagen. Ein Niederländer im Interview: „Wenn ich mit Deutschen arbeite, spreche ich lieber deutsch. Nur um zu verhindern, dass ich alles zwei Mal sagen muss.“
Dazu kommt, dass es nicht nur eine Frage der Kommunikation ist, in welcher Sprache ein Oberstleutnant angesprochen wird: Ein „good morning sir“ scheint manchem Niederländer leichter zu fallen als „Guten Tag, Herr Oberstleutnant“. Ein anderer klagt: „Es ist immer ein Kampf, dass sich die Deutschen weigern Niederländisch zu lernen und zu sprechen und kaum Englisch können. Erst von dem Level des Offiziersanwärters an ist das Englisch brauchbar.“

Befehle versus Kameradschaft

Aber auch der Führungsstil beider Seiten scheint gewöhnungsbedürftig. Während die deutschen Soldaten an einen hierarchischen Führungsstil gewöhnt sind und Regeln strikt einhalten, geht es bei den Niederländern weitaus weniger autoritär zu. Statt Befehle gleich auszuführen werden sie erst mal diskutiert. Ein Unterschied der niederländischen Militärkultur, der allerdings nicht bedeutet, dass die Anweisung in Frage gestellt würde. Vielmehr würde diese kollektiv überprüft, ohne die formelle Autorität des Vorgesetzen in Frage zu stellen. Ein deutscher Unteroffizier kann dem durchaus etwas abgewinnen: „Bei uns laufen die Dinge über Befehle, bei ihnen über Kameradschaft.“

...und sie finden es doch cool

Bei all den Vorurteilen, unterschiedlichen Vorlieben, dem babylonischen Sprachgewirr und auf Formalität bedachten deutschen Vorgesetzten sowie respektlos erscheinenden niederländischen Untergebenen, Ulrich vom Hagen meint: „Obwohl es wenig Raum für emotionalen Zusammenhalt zwischen den Mitgliedern der unterschiedlichen militärischen Kulturen zu geben scheint, so gibt es doch Gemeinsamkeiten wenn es um die Verwirklichung einer gemeinsamen Idee auf Basis kollektiver professioneller Standards geht.“ Und was würden die „Fahrer“ sagen? Identifizieren sie sich mit dem ersten Deutsch-Niederländischen Korps? Sind sie gerne hier? Ein Niederländischer Zugführer berichtet über seine Truppe: „Meine Jungs haben kein gutes Wort für das Korps über. Diese negative Haltung ist ziemlich auffällig in den Gruppen. Aber manchmal, wenn ich sie bei der Arbeit beobachte, kann man sehen, dass sie es echt cool finden.“


[1] Auf Grundlage von: Ulrich vom Hagen, René Moelker, Joseph Soeters (Hrsg.):
Cultural Interoperability. Ten Years of Research into Co-operation in the First German-Netherlands Corps, Strausberg 2006.

Autorin: Monika Schubert-Jung
Erstellt:
Juni 2007


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Hagen, Ulrich vom/ Moelker, René/ Soeters, Joseph (Hrsg.): Cultural Interoperability. Ten Years of Research into Co-operation in the First German-Netherlands Corps Sozialwissenschaftliches Institut der Bundeswehr. Forum International Band 27, Strausberg 2006.

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