Die Akte Theo van Gogh



IV. Marokkaner und Hofstadgruppe


Die Marokkaner

Im Fokus der Aufmerksamkeit befindet sich in dieser Diskussion eine besondere Bevölkerungsminderheit. Die Marokkaner, aus deren Mitte der Mörder Theo van Goghs stammt, werden zumindest vom Volksmund als Schuldige an der Misere benannt. Andere – auch islamische Minderheiten, wie die Türken – werden als vergleichsweise unproblematisch eingeschätzt. Doch was ist dran an dem „Problem mit den Marokkanern“. Es scheint, auch wenn keine Zahlen vorliegen, dass die marokkanische Jugend das Rückgrat der Kleinkriminalität in den Niederlanden bildet.

Straßenraub, Autoaufbrüche, Wohnungseinbrüche, aber vor allem auch einfache Pöbeleien sind das, was das Sicherheitsgefühl der Bürger am gravierendsten unterminiert. Real existierende Probleme mit Bildung und Sprache werden so mit Vorurteilen vermischt – die Geburt eines Sündenbockes. Das geht soweit, dass über Marokkaner die ernstzunehemd rassistische Geschichte verbreitet wird, dass nur die „Dümmsten der Dümmsten“ von den Einwanderungsagenten angeworben wurden. Wahr ist aber auch, dass die Marokkaner zwar nicht die größte, aber die am schnellsten wachsende Bevölkerungsminderheit in den Niederlanden stellen.

Die Hofstadgruppe

Die niederländischen Behörden hätten gewarnt sein können. Im Frühjahr besuchte eine Expertengruppe aus Frankreich das Land, um sich über die Integrationspolitik des Nachbarn zu informieren. Die Experten reisten schockiert wieder ab. Ihr Fazit: „In den Niederlanden nutzen islamistische Fundamentalisten die bürgerlichen Freiheiten gegen ihre neue Heimat, die ihrer Ansicht nach nur von Schwulen und Drogenabhängigen bewohnt wird.“ Nach dem Mord an Theo van Gogh wurde wild spekuliert. Etwa 50.000 gewaltbereite beziehungsweise fundamentalistiche Moslemextremisten gebe es im Land, so eine der im öffentlichen Raum kursierenden Zahlen. Einige wenige Personen hat die Polizei bislang gefunden. Aber diese haben es in sich. Es sind die Mitglieder der sogenannten Hofstadgruppe, der auch Mohammed Bouyeri angehören soll.

Geistiger Kopf der Gruppe war offenbar ein Syrer, der über Verbindungen zu einer ägyptischen Terrorgruppe verfügen soll und sich noch immer auf der Flucht befindet: Möglicherweise ist er sogar in Deutschland untergetaucht. Die anderen Mitglieder sind Anfang bis Mitte 20 und haben alle eine gewalttätige Vorgeschichte und zum Teil auch schon wegen Terrorverdachts Bekanntschaft mit der Polizei gemacht. Einer von ihnen wollte sich beispielsweise den Terroristen in Tschetschenien anschließen, ein anderer plante offenbar einen Anschlag auf die Fußball-Europameisterschaft 2004 in Portugal. Bei ihrer Festnahme wurden zahlreiche „Entwürfe“ für Anschläge gefunden. Mögliche Ziele: Der Flughafen Schiphol, das Parlament in Den Haag oder das Kernkraftwerk in Borsselen. Die Hofstad-Vereinigung ist zwar eine kleine, aber zu allem bereite Gruppe, deren Existenz viele Niederländer nach allen Ereignissen noch einmal schockiert: Sie hätten zwar nach den Ereignissen des Novembers vieles vermutet: An tatsächlich existierende Terroristen im Lande haben sie bis dahin nicht wirklich geglaubt.

Autor: Jan Kanter
Erstellt: Dezember 2004
Aktualisiert: Februar 2010


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Buruma, Ian: Die Grenzen der Toleranz. Der Mord an Theo van Gogh, München 2007.

Mak, Geert: Der Mord an Theo van Gogh: Geschichte einer moralischen Panik, Frankfurt a.M. 2005.

Scharathow, Wiebke: Diskurs – Macht – Fremdheit. Gesellschaftliche Polarisierungstendenzen und die mediale Konstruktion von „Fremdheit“. Die niederländische Debatte nach dem Mord an Theo van Gogh, Oldenburg 2007.

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