Der Afghanistaneinsatz der Niederlande


V. Die Verlängerungsdebatte in den Niederlanden

Am 30. November 2007 gab die Regierungskoalition in einem Artikel 100-Brief bekannt, dass der niederländische Einsatz in Uruzgan um weitere zwei Jahre verlängert würde.[1] Ein wesentlicher Unterschied zu der Entsendedebatte war, dass in der Zwischenzeit Parlamentswahlen stattgefunden hatten und aus dem Ergebnis des Urnenganges vom 22. November 2006 eine neue Regierungskoalition hervorgegangen war. Drei Monate später trat das neue Kabinett, bestehend aus den Parteien CDA (acht Minister), PvdA (sechs Minister) und ChristenUnie (zwei Minister), seine Regierungsgeschäfte an. Die in Bezug auf den Afghanistaneinsatz wichtigsten Mitglieder in diesem Kabinett waren Jan Peter Balkenende (CDA), der weiterhin als Premierminister fungierte; Maxime Verhagen (CDA), der Bernhard Bot (CDA) als Außenminister ablöste; Eimert van Middelkoop (ChristenUnie), der als Nachfolger von Henk Kamp (VVD) das Verteidigungsressort übernahm; Bert Koenders (PvdA), der Agnes van Ardenne-van der Hoeven (CDA) als Minister für Entwicklungszusammenarbeit folgte und Wouter Bos (PvdA), der als Vize-Premierminister und Finanzminister vor allem zum Ende der Legislaturperiode des Kabinetts Balkenende IV eine entscheidende Rolle in der Uruzgan-Debatte einnahm. Auf eine Mitte-Rechts-Regierung folgte also eine christlich-soziale Koalition. Verschob sich dadurch aber auch der Akzent der Politik in eine christlich-humanitärere Richtung?

Die Argumente der Regierung – neue Akzente?

US-Marines der OEF in Afghanistan
US-Marines der OEF in Afghanistan, Quelle: Cpl. Jemssy Alvarez Jr./Wikimediacommons

Im Wesentlichen baute der Verlängerungsbeschluss vom 30. November 2007 auf den Entsendebeschluss auf. So blieben der grundsätzliche Rahmen des Einsatzes erhalten: Die geteilte Führung über das südliche Regionalkommando mit Großbritannien und Kanada wurde aufrechterhalten und auch die Komplexität und Risiken der Mission blieben laut Regierungsbrief weiterhin auf einem hohen Niveau. Der bisherige Einsatz hatte die niederländischen Streitkräfte vor eine harte finanzielle und materielle Belastungsprobe gestellt, darüber hinaus stieß man personell an die eigenen Grenzen, denn es wurde prognostiziert, dass nach einer vierjährigen Einsatzzeit 17.000 niederländische Militärs in Uruzgan gedient haben würden.[2] Weitere zwei Jahre auf dem Niveau der ersten Entsendephase hätten die vergleichsweise kleinen niederländischen Streitkräfte vor ein Kapazitätsproblem gestellt. Daher strebte die Regierung eine sukzessive Truppenreduktion von 1.400 Soldaten zu Beginn des neuen Mandates auf etwa 1.100 bis 1.000 im Verlauf des Verlängerungsmandates an.

Die Regierung war sich der Kapazitätsgrenzen ihrer Streitkräfte sehr wohl bewusst. Dies beweist eine Aussage des Verteidigungsministers Van Middelkoop über die Kosten des Einsatzes, die sich innerhalb des ersten Jahres in Uruzgan fast verdoppelt hatten.[3] Dadurch entstand ein enormer Druck für den Verteidigungshaushalt. Dieser Punkt war einer der wichtigsten Aspekte in der Diskussion rund um die Verlängerung und konnte letztendlich nur über einen komplizierten Finanzierungsplan gelöst werden. Mit Hilfe der Zusagen militärischer Beiträge durch Frankreich, der Slowakei, Ungarn und Tschechien wurde zudem die grundsätzliche Forderung nach Unterstützung durch die NATO erfüllt. Dadurch konnte laut der Regierung die Basis für eine sukzessive Verminderung der Truppengröße um 15 bis 20 Prozent gelegt werden.[4] Aufgrund ihrer zuvor noch oppositionellen Forderungen (Hervorhebung des zivilen und humanitären Charakters der Mission) forcierten innerhalb der Regierung vor allem die PvdA-Minister eine stärkere Betonung der zivilen Komponente des Einsatzes.[5] So trat der Sozialdemokrat Bert Koenders in seiner Funktion als Entwicklungshilfeminister besonders für diesen Aspekt ein und versprach in der abschließenden Debatte im Auswärtigen Ausschuss und Verteidigungsausschuss, bis zum 1. August 2009 die Befehlsgewalt über das PRT an einen zivilen Vertreter zu übertragen: „Ich würde das auf jeden Fall eine Ergebnisverpflichtung für die Regierung nennen. Daher bin ich mehr als bereit, dieses Datum anzustreben.“[6]

Ein dominierender Aspekt des Artikel 100-Briefes der Entsendedebatte war die operationale Trennung der Befehlslinien zwischen Operation Enduring Freedom (OEF) und ISAF. Dieser Punkt dominierte auch die damalige parlamentarische Entsendediskussion. Der Ton des Verlängerungsbeschlusses lautete dahingehend jedoch ganz anders: Lediglich in einem Satz wurde erwähnt, dass sich die „Absprachen zwischen ISAF und OEF über die voneinander getrennten Zuständigkeiten […] als deutlich und praktikabel erwiesen“[7] haben. Auch hierauf hatte vor allem die PvdA, in ihrer vorherigen Oppositionsfunktion, besonders viel Wert gelegt. Umso erstaunlicher ist, dass aus dem Verlängerungsbrief sogar eine Wertschätzung für die Arbeit der OEF sprach, da das Ziel dieser Operation zweiteilig sei und der allergrößte Teil der Mission sich mit dem Aufbau und der Ausrüstung der afghanischen Sicherheitskräfte befasse.[8] Während die US-Truppen 2005 noch als „Terroristenjäger“ bezeichnet wurden, viel dieser Aspekt in der Verlängerungsentscheidung der Regierung völlig aus der Betrachtung und wurde durch die positive Funktion der Operation innerhalb des staatlichen Aufbaus ersetzt.

Beim Vergleich von Entsende- und Verlängerungsbeschluss fallen sowohl Anknüpfungspunkte als auch Akzentverschiebungen auf. Der Verlängerungsbeschluss knüpft an die grundsätzlich idealistisch geprägten Ausgangsargumente zur Wahrung der internationalen Rechtsordnung (Artikel 97 der niederländischen Verfassung) an und bekräftigt die Solidarität mit der NATO. Zur Legitimation des Einsatzes verwies die Regierung zusätzlich auf die Bitten der afghanischen Regierung und der Vereinten Nationen, die ein weiteres Uruzgan-Engagement wünschten. Jedoch nimmt die machtpolitische Komponente in der Verlängerung einen viel größeren Raum ein. Da sich innerhalb des NATO-Bündnisses und seiner assoziierten Partner beim ISAF-Einsatz kein Nachfolger für die Übernahme der Verantwortung in Uruzgan bereitgefunden hatte, konnten die Niederlande gegenüber der NATO viel fordernder auftreten. Dies wurde mit der Formulierung eigener Interessen kombiniert. Man wollte so in Bezug auf die Ausgestaltung des Engagements in Uruzgan die eigene Strategie und vor allem die Kontrolle über die eigenen Truppen (auch in Verbindung mit der Funktion einer Führungsnation) beibehalten. Wie schon zuvor erwähnt, fällt im Vergleich zur Entsendedebatte ein Aspekt besonders ins Auge: Die Trennung zwischen der ISAF und der OEF, die im Artikel 100-Brief vom 22. Dezember 2005 noch viel Raum in der Argumentation eingenommen hatte, spielte in der Verlängerungsdebatte so gut wie gar keine Rolle mehr. Im Gegenteil versuchte die Regierung noch, die positiven und für die eigene Mission nützlichen Aspekte der OEF in den Mittelpunkt zu stellen. Implizit wurde mit der Akzentverschiebung der OEF von der „Terroristenjagd“ hin zur Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte sogar die niederländische Exit-Strategie verbunden. Je schneller die Afghanen selber in der Lage sein würden, für ihre Sicherheit zu sorgen, desto eher könne sich die internationale Gemeinschaft zurückziehen.[9] Die Regierung knüpfte somit auch in der Verlängerungsdebatte an die breite Argumentationsbasis an und gab damit den Parlamentsparteien erneut eine Möglichkeit, sich in ihrer eigenen Abwägung an ausgewählte Argumente, die im Artikel 100-Brief erläutert wurden, anzuschließen.

Die Argumente der parlamentarische Debatte – Wandel oder Kontinuität?

Niederländische Soldaten kontrollieren Händler auf dem Bazar
Niederländische Soldaten kontrollieren Händler auf dem Bazar, Quelle: isafmedia/cc-by

Aus den Parlamentswahlen vom 22. November 2006 war der CDA als einzige Partei hervorgegangen, die ein weiteres Mal an der Regierung beteiligt war. Neben GroenLinks und der SP, die in der Opposition blieben, war der CDA somit die einzige, für diese Betrachtung relevante, Partei, deren Ausgangsposition vergleichbar blieb. Wie schon im Februar 2006, als der CDA die Entsendung der Soldaten befürwortet hatte, wich er auch in der Verlängerungsdebatte von dieser Haltung nicht ab. „Wir sind davon überzeugt, dass es sich um eine vertretbare Mission handelt, mit wirksamen Sicherheitsgarantien und unter einem robusten Mandat.“[10] Wie schon zwei Jahre zuvor, verlief die Argumentation auf einer Linie mit dem Regierungsbeschluss. Durch die Verlängerung würde sich das Land seiner internationalen Verpflichtung stellen, dem afghanischen Volk beim Wiederaufbau zu helfen. Aber auch ein wohlüberlegtes Eigeninteresse trage zu der Entscheidung bei: „Afghanistan den Taliban zu überlassen bedeutet sehr wahrscheinlich ein Drogenparadies, eine instabile Region und einen Freihafen für internationale Terroristen“[11] , argumentierte die Sprecherin für Auswärtige Angelegenheiten, Karien van Gennip, in der Abschlussdebatte des Parlaments zur Verlängerung des Einsatzes. In der parlamentarischen Diskussion musste sich die Regierung in Bezug auf die Finanzierung und die Frage der Ablösung nach 2010 in zwei Punkten besonders verteidigen. Zum einen forderte der CDA hier, – in Übereinstimmung mit den meisten anderen Parteien – dass durch den Einsatz die generelle Schlagkraft der Streitkräfte und die sicherheitspolitischen Ambitionen nicht leiden dürften. Zum anderen betonte die Partei, dass die NATO für einen Nachfolger ab 2010 verantwortlich sei und nicht die Niederlande.

Die PvdA war 2006 noch die größte Oppositionspartei und gehörte beim Verlängerungsbeschluss nunmehr der Regierung an. Im Vergleich zur Entsendedebatte, in der die Partei besonders stark die humanitären Aspekte und den Wiederaufbau der Mission im Mittelpunkt der Zusage platzierte, stellte sie nun den integralen Ansatz der Mission in den Vordergrund. Um den Afghanen eine Perspektive bieten zu können, „ist der Einsatz von Diplomaten, Sozialarbeitern, Entwicklungshelfern […] und Soldaten nötig.“[12] Leider müsse dafür auch gekämpft werden, um die Sicherheit herzustellen. Diese Neugewichtung der Argumente ist interessant, und dadurch zu erklären, dass die Partei nun aus der Regierungsperspektive den Einsatz verteidigen musste. In ihrer neuen Position hatte sie Verantwortung für die niederländischen internationalen Interessen zu tragen und daher in gewisser Weise staatsmännischer als zuvor in ihrer Oppositionsfunktion aufzutreten. Dass die Entscheidung der Partei zur Unterstützung des Verlängerungsbeschlusses jedoch nicht unumstritten war, zeigte sich, als bei einer internen Abstimmung der Fraktionsmitglieder lediglich Zweidrittel dafür stimmten.[13] Gerade hier wird ein gewisses Dilemma der Partei deutlich, denn ein Rückzug der Niederlande hätte weitreichende Folgen gehabt, weil „kein einziger Afghane […] bei einem Rückzug der Niederländer noch jemals wieder der internationalen Gemeinschaft vertrauen [würde].“[14] Daher war es der Partei sehr wichtig, eine klare Begrenzung des Einsatzes bis 2010 zu formulieren und die Ablösung der Niederlande mit dem NATO-Generalsekretär verbindlich zu vereinbaren.[15]

Auch die dritte Regierungspartei, die ChristenUnie, gehörte schon bei der Entsendung zu den Befürwortern des Einsatzes. Die Bedrohung durch mögliche neue terroristische Anschläge war ein zentrales Argument der Partei, sich für eine Verlängerung des Einsatzes und damit für den Aufbau von Frieden und Stabilität auszusprechen. Die christliche Grundüberzeugung trat dabei in der Argumentation für die Zustimmung explizit in den Vordergrund und wurde im Vergleich zur Entsendung viel deutlicher betont. Als Argument diente ChristenUnie der Wohlstand der Niederlande, welcher das Land dazu verpflichte, ärmeren Ländern beizustehen. Aus ihrer Position als Regierungspartei heraus hatte die Partei einen größeren Einfluss, ihre Werte in die Diskussion mit einzubringen und nutzte an dieser Stelle diese Möglichkeit. Sie forderte nachdrücklich eine Akzentverschiebung auf den Wiederaufbau und die zivilen Komponenten. In der abschließenden Parlamentsdebatte ging auch die ChristenUnie auf die Nachfolgerfrage ein. Sie legte dar, dass die Partei mit der Zusage des NATO-Generalsekretärs, dass die Niederländer nach diesem Mandat abgelöst werden, zufrieden sei. „Von nun an soll die NATO daher auf die Suche nach einem Nachfolger für die Niederlande im Jahr 2010 gehen.“[16] Grundsätzlich haben die Regierungsparteien sich auf einer relativ breiten Argumentationsbasis den Begründungen des Kabinetts angeschlossen. Aufgrund der in der Parteibasis nicht unumstrittenen Entscheidung, den Uruzgan-Einsatz zu verlängern, hat die PvdA ihre Formulierung bezüglich des Rückzuges forciert.

Die Oppositionsparteien hingegen verwendeten zum Teil spezifischere Argumente zur Darlegung ihres Votums. In ihrer Rolle als Regierungspartei trat die VVD seinerzeit in der Entsendedebatte sehr entschieden für die Beteiligung niederländischer Soldaten in Südafghanistan ein. Vor allem international-politische Argumente, wie das niederländische Prestige, begründeten die Haltung der Partei. An diese Grundsätze schloss auch die Analyse der Partei zur Verlängerungsentscheidung an. Die Partei – jetzt in der Opposition – hatte keine prinzipiellen Einwände gegen die Mission, jedoch gab es in Bezug auf die Kosten des Einsatzes große Bedenken darüber, ob die Streitkräfte als Organisation aus einer weiteren Verlängerung unbeschadet hinausgehen würden. Finanziell stiegen die Kosten über die Budgetplanungen hinaus, der Materialverbrauch erwies sich als viel höher als zuvor erwartet und insbesondere personell forderte der Einsatz die Streitkräfte heraus. Daher drohte die Partei mit Hinweis auf die Finanzierbarkeit seit der Bekanntgabe des notificatiebriefs der Regierung vom 29. Juni 2007 wiederholt mit einer Ablehnung der Verlängerung. Auch aus diesem Grund stellte die VVD als zweite Forderung den Rückzug nach dem Jahr 2010 auf. Während in der Entsendedebatte international-politische Argumente für die Partei ausschlaggebend waren, standen in der Verlängerung, in der sie viel kritischer auftrat, finanzielle und somit innenpolitische Argumente im Zentrum der Betrachtung. Ob die VVD tatsächlich der Verlängerung ihre Zustimmung versagt hätte, wenn die Finanzierungsfrage aus ihrer Sicht nicht ausreichend geregelt worden wäre, ist jedoch fraglich. Vielmehr ist anzunehmen, dass sie mit der Kritik ihrer neuen oppositionellen Rolle gerecht werden wollte. Ein Meinungsumschwung von einer totalen Überzeugung aus außenpolitischen Gründen hin zu einer innenpolitisch begründeten Ablehnung wäre unglaubwürdig gewesen.

Zusammenarbeit von ISAF und ANA
Zusammenarbeit von ISAF und ANA, Quelle: isafmedia/cc-by

Aus Sicht der Oppositionspartei GroenLinks bestätigten sich die Befürchtungen, die schon zur Ablehnung der Entsendung geführt hatten. Schon 2006 wurde durch GroenLinks konstatiert, dass in Uruzgan seit dem Auftreten internationaler Truppen die Lage eskaliert war und nicht stabilisiert wurde. Seitdem die NATO im Süden auftrat, sei die Lage schlechter geworden, ISAF müsse dieselben Gebiete immer wieder zurückerobern. „Grundlegende Sicherheit ist ein Wunschtraum“[17] , schlussfolgerte die Fraktionsvorsitzende Femke Halsema in der abschließenden Debatte – die Ziele seien mit militärischen Mitteln nicht erreichbar und daher sei der Realitätsgehalt der Mission anzuzweifeln. „Wir denken, dass die Mission im Süden Teil eines größer werdenden Problems ist und nicht ein Teil der Lösung.“[18] GroenLinks konnte vor allem an die pazifistischen Argumente aus der Entsendedebatte anknüpfen, da sich die Sorgen der Partei in Bezug auf die Eskalation des Einsatzes aus ihrer Sicht bewahrheitet hatten.

D66 wurde nach den Wahlen nicht erneut an der Regierungskoalition beteiligt und wechselte in die Opposition. Nach der Ablehnung der Entsendung, lehnte die Partei auch die Verlängerung des Einsatzes ab. Die Gründe hierfür waren prinzipieller Art. Der Partei fehlte das Vertrauen in die internationale Strategie für Afghanistan und sie bezweifelte die Einhaltung der Absprachen für eine Ablösung nach 2010. Die Kritik zielte nicht so stark auf die eigene Regierung, sondern vielmehr in Richtung der NATO. „Gestern stellten wir uns laut die Frage: Ist diese ISAF-Mission in Uruzgan das beste Instrument, um den Afghanen Chancen für eine bessere Zukunft zu bieten? Darauf müssen wir leider mit ‚nein‘ antworten“[19] , so der Fraktionsvorsitzende Alexander Pechthold in der Abstimmungsdebatte. Auffällig ist, dass die Partei im Vergleich zur Entsendedebatte einen ruhigen, sachlichen und deeskalierenden Ton anschlug. Sie hob die Bedenken hinsichtlich der Mission auf eine internationale Ebene, indem sie die Rahmenbedingungen der ISAF-Mission kritisierte. Dass man „leider“ der Mission nicht zustimmen konnte, klingt beinahe wie eine Entschuldigung in Richtung der Regierung, die eigentlich alles getan hatte, um die Mission gut vorzubereiten. Hieraus geht hervor, dass die Partei sich unbedingt von ihrer taktischen Ablehnung, die ihr bei der Entsendeentscheidung sehr viele Gegner eingebracht hatte, abgrenzen wollte. Daher hielt sie sich mit Kritik in Richtung der Regierung und Parlamentsparteien sehr zurück. Um dennoch dasselbe Resultat – die Ablehnung – glaubwürdig erklären zu können, suchte die Partei die Gründe in der grundsätzlichen Ausrichtung der Mission.

Dass dafür die SP, die sich in der Entsendedebatte vor allem aus anti-amerikanischen und pazifistischen Gründen gegen die Beteiligung niederländischer Soldaten in Südafghanistan ausgesprochen hatte, auch die Verlängerung des Einsatzes ablehnte, ist kaum verwunderlich. Argumentativ hob die Partei eine negative Erfolgsanalyse, die hohen Kosten des Einsatzes und die geringen Unterstützung durch die niederländische Bevölkerung hervor. Der Fraktionsvorsitzende Jan Marijnissen bezweifelte zudem, dass der angekündigte Rückzug 2010 wirklich stattfinden würde, da sich schon bisher kein anderes Land zu einer substanziellen Unterstützung der Niederlande bereitgefunden hatte. Die Konsequenz der NATO hinsichtlich einer Nachfolgersuche für die Niederlande wurde ebenfalls in Frage gestellt. Auch die Argumente der Regierung, die sich auf Menschenrechte, Solidarität, Sicherheit und Glaubwürdigkeit berufe, galten innerhalb der SP als Wunschdenken. Dass der Partei ihre pazifistische Grundhaltung auch bei der Verlängerungsdebatte für eine Zustimmung im Weg stand, zeigte sich an dem aus ihrer Sicht großen Widerspruch zwischen dem Begriff Solidarität und dem Schaffen von Sicherheit durch Bombardements. Die prinzipielle, pazifistisch motivierte Ablehnung der SP wird auch dadurch deutlich, dass sie als einzige Partei im Zusammenhang mit Afghanistan von Krieg sprach.

Es zeigt sich bei der Betrachtung der Verlängerungsdebatte, dass vor allem die praktischen Missstände des Einsatzes deutlich wurden. Aus diesem Grund gab es in der Verlängerungs-debatte eine große Diskussion über die Finanzierbarkeit des Einsatzes und die Folgen des sehr intensiven Engagements der niederländischen Streitkräfte, die an die Kapazitätsgrenzen ihrer operativen Möglichkeiten stießen. Der Entsendedruck auf die Soldaten war hoch, der Materialverschleiß war groß und die Kosten beliefen sich auf ein viel höheres Niveau als vor der Entsendung erwartet. Daraus resultierend ist auch zu erklären, dass allen Parteien daran gelegen war, den Einsatz durch verbindliche Absprachen mit der NATO um ausschließlich zwei Jahre zu verlängern. Gerade der letzte Aspekt spielte danach eine entscheidende Rolle in der Zusammenarbeit des Kabinetts.


[1] Koenders/Middelkoop/Verhagen: 2006-2007, 27925, Nr. 279.
[2] Dies sind ungefähr ein Drittel aller 50.000 bei den niederländischen Streitkräften beschäftigten Militärs. Im Vergleich zu anderen, größeren Bündnispartnern ist dieser Gesamtanteil sehr hoch. Prozentual fanden sich die Niederlande laut Klep auf dem dritten Platz nach den USA und Großbritannien wieder: vgl. Klep, Uruzgan, 2011, S. 9; Im Vergleich zu den Niederlanden haben beispielsweise die britischen Streitkräfte mit einer Anzahl an 191.000 Soldaten nahezu viermal so viele Militärs beschäftigt Onlineversion.
[3] Vgl. Schaaf, M. van: Het ‚naíve‘ budget voor de missie Uruzgan, in: NRC Handelblad vom 25. Mai 2007.
[4] Koenders/Middelkoop/Verhagen: 2006-2007, 27925, Nr. 279, S. 5; Vergleiche dazu auch Holthausen: Der ‚Fall‘ Uruzgan, S. 139ff.; Nachdem ein gutes halbes Jahr später die zweite Phase des Einsatzes in Uruzgan tatsächlich begann, erwies sich jedoch, dass die angestrebten Truppenreduzierungen nicht realisiert werden konnten, da die genannten Partnerländer lediglich kleine Einheiten bereitstellten.
[5] Vgl. auch Kranenburg, M.: Eindelijk besluit het kabinet over Uruzgan, in: NRC Handelsblad vom 30. November 2007.
[6] Vgl. Baalen, H. van/Kolk-Timmermans, R. van der: Bestrijding international terrorisme, vergaderjaar 2007-2008, 27925, Nr. 294, S. 80.
[7] Koenders/Middelkoop/Verhagen: 2006-2007, 27925, Nr. 279, S. 29; Klep stellt sogar fest, dass die Regierung bei den USA um zusätzliche materielle Unterstützung und die Beibehaltung ihrer Stützpunkte in Uruzgan gebeten wurden. Laut dem Autor ein besonders interessanter Aspekt, da diese Stützpunkte zur OEF gehörten: vgl. Klep, Ch., Uruzgan, 2011. S. 129.
[8] Koenders/Middelkoop/Verhagen: 2006-2007, 27925, Nr. 279, S. 29
[9] Der Artikel 100-Brief benennt darin nicht explizit eine Exit-Strategie, weist aber an mehreren Stellen auf das Ziel hin, die Verantwortung für die Sicherheit auf die afghanischen Sicherheitskräfte zu übertragen. Daraus lässt sich aber das Exit für die ISAF-Mission ableiten, denn wenn die Afghanen selber für ihre Sicherheit sorgen könnten, ist militärische Unterstützung der ISAF-Mission nicht mehr nötig: vgl. Koenders/Middelkoop/Verhagen: 2006-2007, 27925, Nr. 279, S. 6-7, 14, 18-19.
[10] Tweede Kamer: 2007-2008, Nr. 37, S. 2964.
[11] Tweede Kamer: 2007-2008, Nr. 37, S. 2963.
[12] Tweede Kamer: 2007-2008, Nr. 37, S. 2964.
[13] Witt, R. de: Ook PvdA is voor verlenging missie, in: Elsevier vom 8. November 2007.
[14] Tweede Kamer: 2007-2008, Nr. 37, S. 2964.
[15] Vgl. ANP: NAVO bevestigt einde missie Uruzgan per brief, in: De Volkskrant vom 17. Dezember 2007.
[16] Tweede Kamer: 2007-2008, Nr. 37, S. 2956.
[17] Tweede Kamer: 2007-2008, Nr. 37, S. 2960.
[18] Tweede Kamer: 2007-2008, Nr. 37, S. 2962.
[19] Tweede Kamer: 2007-2008, Nr. 37, S. 2957.

Autorin: Johanna Holthausen
Erstellt: März 2013


Literatur

Alle bibliographischen Angaben aus dem Bereich Politik finden Sie unter Bibliographie

Holthausen, J.: Der ‚Fall‘ Uruzgan. Politische und militärische Aspekte des niederländischen Einsatzes in Afghanistan (2006-2010), Münster 2012.

Klep, Ch.: Uruzgan. Nederlandse militairen op missie, 2005-2010, Amsterdam 2011.

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