II. Terrorismus bis 9/11

In den 70er Jahren fanden auf niederländischem Boden einige Terroranschläge statt. Am bekanntesten ist eine Reihe süd-molukkischer Aktionen zwischen 1970 und 1978. Die süd-molukkischen Aktivisten kämpften für die Anerkennung und die Unterstützung ihres Strebens nach einem unabhängigen süd-molukkischen Staat auf der Insel Ambon, ihrer Heimat in Indonesien. Nach 1978 ebbte die süd-molukkische Gewalt ab. Neben der Unzufriedenheit in den eigenen Reihen über die Gewalt, spielte dabei auch die sozial-wirtschaftliche Integrationspolitik eine Rolle, die die Regierung inzwischen hinsichtlich der molukkischen Jugendlichen führte.

Anfang der 70er Jahre fingen auch linke Aktivisten in den Niederlanden an, für Unruhe zu sorgen. Die maoistische Stadtguerilla-Gruppe „Rode Jeugd“ führte verschiedene gewalttätige Aktionen aus, bei denen zwar große Sachschäden entstanden, jedoch keine Menschen getötet wurden. 1971 jagten sie das Auto des Eindhovener Polizeipräsidenten J. Odekerken in die Luft, verschickten unter anderem an Außenminister Norbert Schmelzer Drohbriefe, warfen Molotowcocktails in die Häuser anderer Agenten und setzten das Amerika-Institut in Amsterdam in Brand.  Es entstand vor allem großer Sachschaden, Menschen kamen nicht zuschaden. Dasselbe galt für die Aktionen einen anderen bekannten linksradikalen Gruppe: der „Revolutionaire Anti-Racistiche Actie“ (RaRa). Diese linke Aktionsgemeinschaft beschäftigte die Terrorismusbekämpfer Mitte der 80er und Anfang der 90er Jahre.

Neben diesem „eigenen“ Terrorismus erfuhren die Niederlande auch die Folgen des importierten Terrorismus. Wie in anderen west-europäischen Ländern waren auch in den Niederlanden palästinensische Kommandos aktiv. Ihr erster terroristischer Anschlag hatte bereits 1969 stattgefunden. Mitglieder der „Volksfront voor de bevrijding van Palestina“ (PFLP) warfen damals eine Handgranate in die Wohnung des israelischen Botschafters in Den Haag. Bei dieser Aktion wurde niemand verletzt. Am 14. März 1971 jagten palästinensische Kommandos von „Al-Fatah“ in Rotterdam einen Öltanker in die Luft. Ein Jahr später versuchten Mitglieder der Organisation „Zwarte September“ – eine Abspaltung der „Al-Fatah“-Bewegung – zwei Gas- und Öl- Anlagen in Ravenstein und Ommen in die Luft zu jagen. Es handelte sich um dieselbe Gruppe, die später im Jahr während der Olympischen Spiele in München elf israelische Sportler und Offizielle als Geisel nahm. Das Drama endete in einem Blutbad.

Im September 1974 nahmen Mitglieder des pro-palästinensischen „Japanse Rode Leger“ in Den Haag den französischen Botschafter und seine Mitarbeiter als Geiseln. Im September 1975 gelang es der staatlichen Sicherheitsbehörde („Binnenlandse Veiligheidsdienst“, BVD) die geplante Entführung eines Zugs von Moskau nach Hoek van Holland durch die syrische Organisation „Saiqa“ zu vereiteln. Auch diese Aktion sollte der Unterstützung der palästinensischen Sache dienen.

Schließlich waren auch berüchtigte ausländische Gruppierungen wie die RAF, die IRA und die ETA in den Niederlanden aktiv. Während Schießzwischenfällen mit flüchtigen RAF-Mitgliedern kam 1977 in den Niederlanden Polizist Arie Kranenborg ums Leben und einige andere Polizisten wurden (schwer) verletzt. Ein Jahr später erschossen RAF-Mitglieder bei einer Passkontrolle in Kerkrade zwei niederländische Zollbeamte. Die IRA erschoss 1988 den britischen Botschafter und seine Angestellte. Zehn Jahre später war sie für den Tod von drei britischen Soldaten verantwortlich.

Die aus drei verschiedenen ideologischen Beweggründen entstandenen Bewegungen, die politische Gewalt nutzten – gewalttätige süd-molukkische Jugendliche, linke Aktivisten wie die „Rode Jeugd“ und palästinensische Kommandos – kehrten wiederholt in das Bedrohungsbild zurück, dass die Terrorismusbekämpfer entwarfen. In den 90er Jahren fanden noch ein paar politisch motivierte, gewalttätige Aktionen statt. So verübten RaRa, ETA und IRA regelmäßig Bombenanschläge. 1990 tötete die IRA aus Versehen zwei australische Touristen. Zudem waren Milieuaktivisten besonders aktiv.

Genauso wie bei der RaRa wurden diese Formen der politischen Gewalt damals nicht als „terroristisch“ bezeichnet. Hinter den Kulissen wurde über die Aktionen jedoch in Termini wie „Terror“ und „Terrorismus“ gesprochen. Im sogenannten „Terrorbrief“ von 1973 drangen diese Begriffe auch nach außen. In den 80er Jahren entwickelte der BVD jedoch eine bewusste Politik der Deeskalation und Störung. Der Sicherheitsdienst sprach damals nicht von Terroristen, sondern hantierte lieber mit dem Begriff „politisch gewalttätiger Aktivismus“. Das Etikett „Terrorismus“ wurde nur dann gebraucht, wenn es sich vermeintlich um eine gegen Menschenleben gerichtete Gewalt mit einer gesellschaftlich zerrüttenden Wirkung handelte.

Das Nichtvorhandensein eines öffentlichen und politischen Drucks, den gewalttätigen Aktivismus als „terroristisch“ zu bezeichnen, hielt auch in den 90er Jahren an. Das lag unter anderem auch daran, dass die Bedrohung in dieser Periode von einzelnen kleineren separatistischen, ausländischen Bewegungen ausging, die in den Niederlanden selbst kaum über eine Basis verfügten. Im Allgemeinen mussten Polizei und Justiz dem Terrorismus auch nur begrenzt Aufmerksamkeit schenken. In Folge dessen fand bis 2001 kaum eine Kenntnisentwicklung oder der Aufbau von Sachverstand statt. So warnte der BVD beispielsweise bereits 1992 vor islamistischem Radikalismus – die Entscheidungsträger schenkten dem jedoch keine Aufmerksamkeit.

Kurzum, es herrscht eine auffallende Diskrepanz: bis 2001 waren in den Niederlanden mindestens 19 Menschen bei terroristischen Anschlägen ums Leben gekommen, darunter sechs Terroristen. Trotz dieser hohen Anzahl schenkten die Medien diesem Thema – ausgenommen anlässlich von konkreten Anschlägen und Zwischenfällen – kaum Beachtung. Auch die Bevölkerung schien sich darüber keine Gedanken zu machen. Es wurden keine neuen Gesetze zur Bekämpfung der terroristischen Gewalt erlassen, und – abgesehen von den „Bijzondere Eenheden“ [Spezialeinheit der Polizei] und einer (unzulänglichen) Zentralisierung der polizeilichen Aktivitäten - veränderte sich die Infrastruktur auf dem Gebiet der Sicherheit und Terrorismusbekämpfung kaum. Wie ist das zu erklären? Dies hing einerseits eng mit der Politik der für die Terrorismusbekämpfung Zuständigen und andererseits mit dem bereits angesprochenen fehlenden öffentlichen und politischen Interesse an diesem Thema zusammen.


Autorinnen: Beatrice de Graaf und Ilse Raaijmakers
Erstellt: August 2009