XII. Starke Polarisierung nach der Ermordung von Theo van Gogh

2004 war ein bewegtes Jahr in der Geschichte des niederländischen Terrorismus. Anschläge und Zwischenfälle dominierten die Nachrichten und hatten Politik und Öffentlichkeit fest im Griff. Anschläge in Madrid, Enthauptungen im Irak und eine Geiselnahme in einer Grundschule in Russland gerieten ins Blickfeld. Im eigenen Land wurde Anfang Juli die Terrorbedrohung erhöht. Die Polizei führte unter anderem in Rotterdam, Roosendaal und Nijmegen Verhaftungen durch. Mit Öffentlichkeitskampagnen wurde die Wachsamkeit der Niederländer in Anspruch genommen. Schließlich fand am Ende des Jahres die Ermordung von Theo van Gogh statt.

Trotz vorhandener Hinweise, dass Mitglieder eines Netzwerks radikaler Muslime in Amsterdam, von der AIVD die „Hofstadgroep“ genannt, einen Anschlag vorbereiteten, konnte der 26-jährige Mohammed Bouyeri ungestört seinen Gang gehen. Er gehörte laut der Behörde nicht zu der Gruppe von 150 radikalen Islamisten, die im Zaum gehalten werden mussten, und war nur eine „Randfigur“. Der AIVD hatte die Amsterdamer Polizei nicht über ihren konkreten Verdacht informiert. Der Publizist Theo van Gogh hatte nach der Ausstrahlung seines Films „Submission“ am 29. August 2004 zwar Morddrohungen erhalten, hatte Personenschutz jedoch zurückgewiesen. Bouyeri war deshalb in der Lage, Van Gogh am 2. November 2004 zu ermorden.

Der Mord hatte noch größeren Einfluss auf die Terrorismusdebatte als die Anschläge von Madrid, oder selbst von New York im Jahr 2001. Zugleich kulminierten sich in diesem Anschlag auf einen niederländischen Publizisten durch einen radikalen Moslem auf eigenem Boden die Spannungen, die sich in der Zwischenzeit aufgestaut hatten. Die Schlagzeilen verdeutlichten, was auf dem Spiel stand: „Die Niederlande stehen in Flammen“, „Kabinett erklärt dem Terrorismus den Krieg“, „eine Flut von Terror“ überrollt das Land. Im Gegensatz zu den früheren Anschlägen in den 70er Jahren war dieses Mal sehr wohl Sprache von einer totalen Mobilisierung, von „moralischer Panik“ und von einem harten und tatkräftigen Ton.

„Wir befinden uns im Krieg“, so Minister Zalm. Die Regierungsparteien setzten ihre Maßnahmen im „politischen Kampf“ ein: den rechten Parteien, insbesondere der VVD, der PVV und der Liste-Verdonk, musste der Wind aus den Segeln genommen werden. Niemand wollte sich vorwerfen lassen, „soft on terrorism“ zu sein. Im Rahmen der politischen und parlamentarischen Diskussion über Terrorismus und Radikalisierung knüpften zugleich immer mehr Politiker bei tiefer liegenden Ängsten und gesellschaftlichen Problemen an, wie der Integrationsproblematik, dem „multikulturellen Drama“, dem Aufkommen des Fundamentalismus und der Frage nach der Trennung zwischen Staat und Kirche.

Das machte das Terrorismus- und Radikalisierungsproblem, anders als 30 Jahre zuvor, zu einer außergewöhnlich komplexen und zugleich gefährlichen Problematik. Überall wurde zusammengetragen, was die Bildformung lange prägte.

Dadurch wurde die öffentliche Debatte bis weit in das Jahr 2007 durch die Angst vor „den Moslems“ beherrscht. Dies blieb bei (radikalisierenden) muslimischen Jugendlichen nicht unbemerkt. Sie fühlten sich durch derartige Äußerungen zum „underdog“ degradiert. Die Anzahl an gemeldeten Diskriminierungsfällen nahm zu, ebenso wie die Vorfälle, bei denen rechtsextremistische Gruppen Moscheen, islamische Grundschulen oder Kaffeehäuser beschmierten und angriffen. Dieses Gefühl der Verfremdung und des Ausgeschlossenseins wurde durch eine ganze Reihe von Verhaftungen von echten oder vermeintlichen Terroristen seit 2001 verstärkt. Das NRC Handelsblad meldete im Juni 2009, dass seit 2004 113 Terrorverdächtige festgenommen wurden, von denen nur 27 verurteilt wurden.


Autorinnen: Beatrice de Graaf und Ilse Raaijmakers
Erstellt: August 2009