V. Deutsche klären mehr Straftaten auf, Niederländer zeigen mehr Fälle an

Im Jahr 1999 überraschten die Nijmegener Wissenschaftler Peter Tak und Jan Fiselier die Fachkreise von Justiz und Polizei mit einer Studie, nach der die Polizei in Nordrhein-Westfalen dreimal so viele Straftaten aufklärt wie ihre niederländischen Kollegen. Während die Polizei in Nordrhein-Westfalen etwa 50 Prozent aller angezeigten Straftaten aufklärte, erreichte die Quote nach Aussagen der Wissenschaftler in den Niederlanden nur 15 Prozent.

Das Untersuchungsergebnis war vor allem deshalb auffällig, weil sich beide Länder in ihren Grundgegebenheiten sehr ähneln: die Kriminalitätsraten sind fast gleich hoch, Bevölkerungszahl und Verstädterungsgrad, selbst die personelle Ausstattung der Polizei entsprechen einander weitgehend. Eine abschließende Erklärung mochten Tak und Fiselier für die Unterschiede in der Aufklärungsrate nicht geben. Aber sie führten ihr Ergebnis zum Teil auf die unterschiedliche Handhabung von Anzeigen durch die Polizei zurück. So gilt in Deutschland das Legalitätsprinzip, das die Polizei verpflichtet, jeder Tat nachzugehen. Die holländische Polizei und Staatsanwaltschaft dürfen in gewissem Rahmen nach dem Opportunitätsprinzip verfahren. Nicht jede Tat wird also verfolgt.

Inflationärer Gewalt-Begriff

Margaret Egelkamp bietet mit ihrer Untersuchung eine weitere Erklärung. Ihr Vergleich niederländischer und deutscher Großstädte hat gezeigt, dass die Zahl der angezeigten Straftaten in den Niederlanden innerhalb von zehn Jahren deutlich stärker gestiegen ist als in Deutschland. Die Opferbefragungen zeigen dagegen ein anderes Bild. Hier liegen die deutschen mit den niederländischen Städten gleichauf. Egelkamp zieht daraus den Schluss, dass sich das Verständnis davon, was eine Straftat ist, in den Niederlanden weit stärker verschoben hat als in Deutschland. Sie spricht von einer Inflation des Begriffes Gewalt.

Eine Studie von Caroline Liedenbaum aus diesem Jahr bestätigt die Ergebnisse ihrer Kollegen. Liedenbaum verglich die Städte Münster und Utrecht miteinander und kommt zu dem Ergebnis, dass die Aufklärungsrate in Münster wesentlich höher ist als jene in Utrecht. Dagegen wurden in Utrecht fast doppelt so viele Straftaten registriert wie in Münster. Auch Liedenbaum schließt daraus, dass der Unterschied in der Wahrnehmung dessen liegt, was als Straftat verstanden und von den Bürgern angezeigt wird. Allerdings stellt ihre Untersuchung heraus, dass ein großer Unterschied in der Aufgabenverteilung innerhalb der Polizei besteht. So weist Utrecht deutlich mehr Schutzpolizisten auf als Münster, hat aber wesentlich weniger Kapazitäten bei der kriminalpolizeilichen Arbeit. Das schlägt sich darin nieder, dass die Aufklärungsrate der deutschen Polizei vor allem bei Fällen von Betrug und Straßenraub wesentlich höher ist als in Utrecht.

Autor: Karsten Polke-Majewski
Erstellt: August 2008