III. "Die Gewalt wächst, aber sie ist immer weniger wert"

Interview mit Margaret Egelkamp, Kriminologin.

Die Kriminalitätsrate steigt an, die Unsicherheit in der Bevölkerung wächst. Verkommene Straßenzüge und bedrohlich wirkende Jugendbanden tragen dazu bei, dass der Wunsch unter den Niederländern wächst, die Straßen mögen sicherer werden. Die Kriminologin Margaret Egelkamp aus Den Haag attestiert dem Land eine moralische Panik. Der Begriff der Gewalt werde inflationär gebraucht, eine Ideologie der Sicherheit greife um sich. "Es herrscht die Überzeugung, wenn man nur genug tut, kann man eine sichere Gesellschaft schaffen", sagt Egelkamp.

Polke-Majewski: Frau Egelkamp, Sie haben untersucht, wie sich der Gewaltbegriff in den Niederlanden in den vergangenen Jahren verändert hat. Wie unterscheiden sich Ihre Beobachtungen von dem, was Niederländer über Kriminalität denken?
Egelkamp: Ich habe in meiner Doktorarbeit Arnheim und Groningen mit Düsseldorf, Duisburg und Münster verglichen und untersucht, wie sich die Definition von Gewalt oder Körperverletzung von 1986 bis 1996 in der Rechtspraxis verändert hat. Die registrierte Kriminalität in den Niederlanden zeigt für diesen Zeitraum eine deutliche Zunahme. Die Polizei bearbeitet wesentlich mehr Delikte als früher. Aber in den Opferbefragungen findet sich dieser Anstieg nicht. Dieser Widerspruch erklärt sich damit, dass Begriffe ausgeweitet wurden. Heute bearbeitet die Polizei viel mehr Dinge, die sie vor zwanzig Jahren noch nicht beschäftigt hätten.

Polke-Majewski: Werden die Straßen also unsicherer?
Egelkamp: Umfragen der Polizei haben gezeigt, dass die Angst der Bevölkerung in den vergangenen fünfzehn Jahren kaum gestiegen ist. Verändert hat sich allerdings, wie wir Sicherheit erleben. Wir reagieren auf dieses Thema viel sensibler, was nicht ausschließt, dass es in einigen Städten echte Probleme gibt, die auch objektiv festzustellen sind.

Polke-Majewski: Inwiefern nehmen Niederländer die Gewalt anders wahr als früher?
Egelkamp: Ich habe festgestellt, dass sich in den vergangenen Jahren die Zusammensetzung jener Delikte verändert hat, die bei der Polizei angezeigt werden. Wenn man Fälle leichter Körperverletzung von 1986 mit denen von 1996 vergleicht, sieht man, dass 1996 die Zahl der Fälle, in denen das Opfer fast oder überhaupt nicht verletzt wurde, wesentlich höher ist als 1986. Statistisch müsste die Zahl eigentlich gleich sein. Aber auch bei leichten Fällen wird viel eher Anzeige erstattet. Die Polizei nimmt die Anzeigen ernst und gibt sie an die Staatsanwaltschaft weiter.

Polke-Majewski: Es geht also um Beleidigung, Bedrohung, Nötigung?
Egelkamp: Noch nicht einmal so etwas. Ein Beispiel: Ein Junge spielt auf der Straße mit seiner Spielzeugpistole und macht riesigen Krach. Der Nachbar fühlt sich gestört und versucht, den Jungen wegzuschicken. Der Junge will nicht, es geht hin und her. Schließlich nimmt der Nachbar dem Jungen die Pistole aus der Hand. Mehr ist nicht passiert. Der Junge geht nach Hause und klagt über Schmerzen in den Fingern. Daraufhin erstatten die Eltern Anzeige wegen Körperverletzung. Und die Polizei nimmt die Anzeige auch an.

Polke-Majewski: Ist also die Toleranzschwelle gesunken?
Egelkamp: Ja, ganz deutlich. Eingriffe in die persönliche Freiheit werden viel eher und auf einem niedrigeren Niveau wahrgenommen und mit dem Strafrecht beantwortet. So etwas hätte es früher nicht gegeben und die Polizei hätte die Anzeige wohl auch nicht angenommen. Der Konflikt im Beispielsfall wäre zwischen den Parteien nachbarschaftlich geregelt worden.

Polke-Majewski: Der Begriff "Gewalt" wird also inflationär verwendet?
Egelkamp: Noch bis zum Beginn der siebziger Jahre verstand man unter Gewalt eigentlich nur körperliche Gewalt. Im Laufe der Zeit wurde der Gewaltbegriff um die psychische Gewalt erweitert. Immer mehr Handlungen werden seitdem unter "Gewalt" versammelt. Heute ist es ganz normal, über verbale Gewalt zu diskutieren, obwohl dabei niemand unmittelbar verletzt wird. Früher wurde von Gewalt gesprochen, wenn ein Eingriff in die körperliche Integrität eines Menschen vorlag. Diese Grenze löst sich mehr und mehr auf. Die Gewalt wächst also, weil immer mehr Handlungen dazu gerechnet werden, und die Klagen darüber sind immer weniger wert, weil immer mehr leichte Taten darunter fallen.

Polke-Majewski: Gibt es denn nun mehr Straftaten, wenn man einer Definition von vor zehn Jahren folgt, oder werden nur mehr Dinge angezeigt?
Egelkamp: Das ist schwer zu beantworten. Ich kann nicht ausschließen, dass es auch eine tatsächliche Zunahme gibt. Aber ich kann ganz deutlich sagen, dass ein großer Teil der statistischen Zunahme darauf zurückzuführen ist, dass der Gewaltbegriff ausgeweitet wurde. Der Begriff unterliegt keiner festen Definition und verändert sich ständig. Auch strafrechtliche Tatbestände verändern sich. Der Hoge Rat (das höchste Gericht der Niederlande) hat gesagt, bei der Definition von Gewalt müssten auch gesellschaftliche Entwicklungen einbezogen werden, zumal wenn es keine gesetzlichen Vorgaben gibt.

Polke-Majewski: Frau Egelkamp, in Deutschland werden immer wieder aus Einzelfällen Modethemen, die dann die Debatte lange Zeit bestimmen, wie etwa der sexuelle Missbrauch von Kindern. Ist das in den Niederlanden auch so?
Egelkamp: Die Entwicklung der registrierten Gewaltdelikte in den Niederlanden und Deutschland verläuft fast gleich. Die Themen, die in der Öffentlichkeit diskutiert werden, sind jedoch ganz andere. In den Niederlanden beherrscht die Diskussion um die "sinnlose Gewalt" die Medien, in Deutschland ist es der Kindesmissbrauch.

Polke-Majewski: Das Besondere der deutschen Debatte ist, dass die Rufe nach schärferen Gesetzen anschwellen, während die Zahlen der Missbrauchsfälle nach Meinung vieler Fachleute zurückgehen. Gilt das für die Debatte um sinnlose Gewalt in Holland auch?
Egelkamp: Es ist so etwas wie eine moralische Panik ausgebrochen. Einzelfällen, die es immer schon gab, wird durch eine Spirale von Medienberichten, Bürgerreaktionen, Politikerforderungen, polizeilicher Untersuchung, neuen Berichten ein Eigenleben gegeben, das ihrer wirklichen Bedeutung nicht mehr entspricht. Insofern sind die Prozesse in Holland und Deutschland vergleichbar, obwohl die Themen völlig andere sind.

Polke-Majewski: Beobachter der niederländischen Politik sagen, es entstünde gegenwärtig eine Ideologie der totalen Sicherheit. Was muss man darunter verstehen?
Egelkamp: Sicherheit ist zurzeit das beherrschende Thema. Überall werden Sicherheitspläne aufgestellt, selbst in kleinen Orten. Es herrscht die Überzeugung, wenn man nur genug tut, kann man eine sichere Gesellschaft schaffen. Das ist natürlich eine Utopie.

Polke-Majewski: Ist die spürbare Krisenstimmung eine Folge der Mentalität einer Konsens-orientierten Gesellschaft, Probleme zu lange zu verdrängen, Liberalität mit Bequemlichkeit zu verwechseln?
Egelkamp: Viele Entwicklungen spielen hier eine Rolle. Der Prozess der Individualisierung hat bewirkt, dass immer mehr Menschen nicht in soziale Netze eingebunden sind. Natürlich hat sich in den vergangenen fünfundzwanzig Jahren aber auch die Bevölkerung der städtischen Wohngebiete verändert. Gastarbeiter, Einwanderer, Flüchtlinge sind hinzugekommen. Außerdem wird immer mehr Wert auf die persönliche Freiheit gelegt. Deshalb werden auch kleinere Eingriffe als sehr bedrohlich empfunden.

Ein großer Teil der beklagten Gewalttaten werden von jungen Menschen begangen, darunter viele ausländischer Herkunft. Reagieren diese Jugendlichen auf die moralisch-pädagogische Haltung, die die Gesellschaft ihnen entgegenbringt? Vor kurzem hat ein Kriminologe gesagt, wir sollten überlegen, warum es gerade die ausländischen Jugendlichen sind, die uns so viele Probleme machen. Vielleicht haben wir die richtigen Methoden gefunden, um die niederländischen Jugendlichen aufzufangen. Nur passen diese Methoden nicht auf die Kultur von Marokkanern und Antillianern. Für die müssen wir andere Methoden entwickeln, und das haben wir einfach noch nicht getan.

Polke-Majewski: Die wachsende Kriminalität ist also doch eine kulturelle Frage?
Egelkamp: Ich denke schon, dass die Duldungspolitik, auf die die Niederländer lange Zeit sehr stolz waren, nicht mehr funktioniert. Es gibt den Wunsch nach klaren Grenzen, dass deutlich gemacht wird, was geht und was nicht, und dass dies auch von Staatsanwaltschaft und Polizei durchgesetzt wird.

Polke-Majewski: Braucht es also die geplanten?
Egelkamp: Gesetzesverschärfungen? In der Praxis werden die neuen Gesetze nicht viel verändern. Aber sie werden vielleicht das Unsicherheitsgefühl der Bevölkerung zurückdrängen. Die wachsende Zahl von Kameras, die Straßen überwachen, bewirkt nicht, dass Kriminalität verhindert wird. Sie verlagert sich nur an andere Orte. Aber die Menschen fühlen sich sicherer. Gleiches gilt für das präventive Durchsuchen. Auch mehr Polizisten, "mehr Blau auf der Straße", trägt nicht unbedingt dazu bei, dass mehr Kriminalität verhindert wird, aber dazu, dass sich die Menschen besser fühlen.

Polke-Majewski: Kehrt das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit des Staates also wieder?
Egelkamp: Ich denke schon. Es wird davon abhängen, wie die Vorhaben jetzt ausgeführt werden. Wenn wie gerade wieder darüber diskutiert wird, die gebietsbezogene Polizei aufzuheben und den Stadtteil-Polizist abzuschaffen, dann ist das ein Schritt in die falsche Richtung.

Polke-Majewski: Vielen Dank für das Gespräch.

Autor: Karsten Polke-Majewski
Erstellt: Mai 2003