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Hans Wiegel

*Amsterdam, 16. Juli 1941 - ehem. niederländischer Politiker (VVD)

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Hans Wiegel , Quelle: Jacco de Boer/cc-by-nc-sa

Als Hans Wiegel erstmals das Berufsziel „Bürgermeister einer Mittelstadt“ angab, ging er noch zur Schule. Auch wenn er diesen Posten nie bekleiden sollte, sein Werdegang zeigte bereits zu Jugendzeiten eindeutig in Richtung Den Haag und politische Bühne der Niederlande. Der Sohn eines Amsterdamer Innenarchitekten versuchte sich nach der Schulzeit zunächst im Jurastudium, dass er jedoch bereits nach wenigen Monaten abbrach. Sein wesentlich größeres Interesse für Gesellschaftswissenschaften führten ihn noch im ersten Studienjahr zum politologischem Institut der Universität von Amsterdam. Hier sollte für den reformierten Protestanten, der heute angibt keiner Glaubensrichtung anzugehören, der Startschuss für eine rasant schnelle und beeindruckend lange Karriere fallen. Nach Abschluss seines Studiums, in dem er als Vorsitzender einer liberalen Studentenorganisation bereits frühzeitig den Kontakt zur Politik suchte, trat er am 1. Januar 1963 der VVD bei.

Höher, schneller, weiter

Die unumstrittene Zielstrebigkeit Wiegels lässt sich am besten anhand der ersten Jahre seiner Parteizugehörigkeit nachvollziehen. Bereits im Alter von 25 Jahren wurde er in die zweite Kammer gewählt. Nur knapp vier Jahre später, im Jahr 1971 übernahm Wiegel schließlich den Vorsitz der VVD. Ein 29-jähriger Oppositionsführer  – bis heute der jüngste den es in der Geschichte der Niederlande je gab. Wiegel erreichte in den späten 70er Jahren des 20. Jahrhunderts jedoch mehr als nur das Brechen von Altersrekorden. Seine Partei schaffte unter ihm als Fraktionsführer den endgültigen Durchbruch in Den Haag und manifestierte sich in dieser politisch unruhigen Zeit als fester, ernstzunehmender Bestandteil der niederländischen Politik. Wiegel steuerte seine Partei durch das raue Gewässer der 1970er Jahre und erzielte schließlich eine Regierungsbeteiligung. Als Vize-Präsident und Innenminister der Regierung Van Agt I, bestehend aus PvdA und VVD, erreichte er im Alter von 35 Jahren den vorläufigen Höhepunkt seiner politischen Karriere. In dieser Zeit drängte sich der Vergleich mit dem deutschen Außenminister und späteren Bundespräsidenten Walter Scheel auf, der mit seiner FDP in Deutschland, ähnlich wie Wiegel in den Niederlanden einen starken, liberalen Regierungspartner der Sozialdemokraten repräsentierte. Auch wenn Wiegels Politikstil häufig als „konservativ“ und „reaktionär“ eingestuft wurde und somit nicht als ideales Pendant zu Scheels sozialem Liberalismus gesehen werden kann – verkörpert der Name Hans Wiegel bis heute den Aufschwung des liberalen Flügels der Niederlande in der Zeit vor der Wende.

Regionalpolitik in Friesland

Zwischen 1982 und 1994 verließ Wiegel die große politische Arena Den Haags und bekleidete für mehr als zehn Jahre den Posten des Commissaris van de Koningin in Friesland. – Ein Stelle, die traditionell mit viel Prestige und regionaler Verantwortung verbunden ist.  Während Wiegels Zeit als Regionalpolitiker entstand auch sein bis heute oft zitierter Beiname Het orakel van Ljouwert. Obwohl Wiegel in dieser Zeit keinen Posten im Parlament bekleidete, suchten ihn während der 80er Jahre mehrfach unzufriedene Parteifreunde in seinem Eigenheim in Friesland auf, um sich beraten zu lassen. In dieser Zeit stieg Wiegels Beliebtheit innerhalb der Partei besonders im konservativen Flügel des Bündnisses stark an und führte letztendlich dazu, dass auch heute noch oft von der VVD-Koryphäe Wiegel gesprochen wird.

Nach seiner Zeit in Friesland kehrte Wiegel nach Den Haag zurück und vertrat seine Partei wieder als Abgeordneter in der zweiten Kammer. Dort sollte er kurz vor der Jahrtausendwende nochmals für großes Aufsehen sorgen. Mit seiner Nein-Stimme vom 19.5.1999, bei der entscheidenden Parlamentsabstimmung zur Legitimation von Referenden, beendete er die 80 Jahre alte Referendumsdebatte und setzte das Fortbestehen der damaligen Regierung aufs Spiel. Das negative Abstimmungsergebnis ging im Rahmen der sogenannten „Nacht von Wiegel“ in die Geschichte der niederländischen Politik ein.

Wiegel und Fortuyn

Etwa zur gleichen Zeit näherte sich das prominente VVD-Mitglied dem schon damals sehr umstrittenen Pim Fortuyn an. Wiegel erkannte das politische Potential Fortuyns und spürte die Chance, mit der Lijst Pim Fortuyn(LPF) an seiner Seite die kommende Regierung zu stellen. Inhaltliche Schnittmengen gab es ohnehin genug zwischen der rechtsliberalen VVD und der populistischen LPF. Der Tod Pim Fortuyns gehört zweifelsohne zu den traumatischsten Erfahrungen die Hans Wiegel während seiner politischen Laufbahn miterleben sollte. Dass die LPF vor den Wahlen von 2002 auf eine Regierungsbeteiligung zusteuerte war offensichtlich. Wer an der Seite der LPF regieren und den Ministerpräsidenten stellen sollte, war jedoch die große Frage. Durch die Ermordung des Populisten sollte diese Frage vorerst ungeklärt bleiben. Jahre später wurde bekannt, dass man sich bereits vor den Wahlen von 2002 mündlich auf eine Rollenverteilung im Falle eines Wahlsieges geeinigt hatte. Die Absprachen zwischen LPF und VVD hinter den Kulissen zielten in Richtung eines neuen Premierministers mit dem Namen: Hans Wiegel.

Die politische Karriere des VVD-Ehrenmitglieds war zwischen 1964 und 2000 gespickt von einer enorm langen Liste mit verantwortungsvollen Posten in den Haag und in der Regionalpolitik. Parteivorsitzender, Oppositionsführer, Vizepräsident, Innenminister der Niederlande, Mitglied der ersten und zweiten Kammer, Commissaris van de KoninginHans Wiegel gehörte über einen Zeitraum von fast 40 Jahren zum festen Kern der niederländischen Politik. Und auch abseits der politischen Bühne blieb der mittlerweile 73-Jährige stets aktiv. Nebenfunktionen als Aufsichtsratsmitglied gehörten für das orakel van Ljouwert immer dazu. Bis heute sitzt Hans Wiegel in mehreren Vorständen niederländischer Unternehmen, Initiativen und Gremien, unter anderem in der Pim Fortuyn Foundation.

Heute lebt Hans Wiegel in Friesland. Er ist Vater von zwei Kindern, die aus seiner ersten von insgesamt zwei Ehen stammen. Beide seiner Ehefrauen kamen auf tragische Weise durch Autounfälle ums Leben. Trotz der vielen privaten und beruflichen Schicksalsschläge, die Wiegel während seiner Zeit als Politiker und Ehemann verkraften musste, wird das orakel van Ljouwert als geistreicher, humorvoller Mensch und als zielstrebiger, eiserner und gewiefter Politiker in die Geschichte der niederländischen Parteipolitik eingehen.

Autor: Jakob Schulte
Erstellt: Dezember 2014


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