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Joke Smit

*Utrecht, 27. August 1933 – Amsterdam, 19. September 1981 – Journalistin, Redakteurin, Dozentin, Übersetzerin, Politikerin (PvdA), Feministin

Joke Smit

Joke Smit im November 1979, Quelle: NA (930-5664)

Johanna Elisabeth Smit begründete mit ihrem Artikel „Het onbehagen bij de vrouw“ (dt.: Das Unbehagen bei der Frau) in der Zeitschrift De Gids im Oktober 1967 die feministischen Bewegung in den Niederlanden Ende der 60er Jahre. 2011 jährte sich ihr Todestag zum 30. Mal, was in den Niederlanden zum Anlass genommen wurde, nachzufragen, ob ihre feministischen Ziele inzwischen erreicht worden sind.

Joke Smit wuchs als das älteste von sechs Kindern einer calvinistisch-christlichen Lehrerfamilie auf. Während des Zweiten Weltkriegs unterstützten Jokes Eltern aus „Christenpflicht und Vaterlandsliebe“ den niederländischen Widerstand gegen die deutschen Besatzer. Dass Jokes Mutter ab 1949 außer Haus arbeitete, war für die damalige Zeit für eine verheiratete Frau mit sechs Kindern eine revolutionäre Tat; auch wenn sie eher aus finanziellen denn aus ideologischen Gründen als Hauswirtschaftslehrerin zum Familieneinkommen beitrug.

Nach dem Krieg ging Smit auf das Christliche Gymnasium im nahegelegenen Utrecht. Die fleißige Schülerin, ein Bücherwurm, las sämtliche französische Existentialisten – und übernahm deren Ansichten. Als Folge sagte sie sich mit 16 von ihrem durchs Elternhaus geprägten, christlichen Glauben los. Smit studierte französische Sprach- und Literaturwissenschaft, zunächst in Utrecht, dann in Amsterdam.

An der Universität lernte Joke Smit ihren späteren Ehemann Constant Kool kennen. Die Beziehung der beiden wurde von Smits Eltern zunächst kritisch beäugt, da Kools Eltern Mitglieder bei den niederländischen Nationalsozialisten gewesen waren. 1955 begann Smit als Französischlehrerin zu arbeiten. Nun finanziell unabhängig von den Eltern, heiratete sie 1956 Kool. Die beiden führten in gegenseitigem Einverständnis eine offene Ehe. Smits Biografin Marja Vuisje: „Für Joke ging Seelenverwandtschaft über alles. Wenn es auf diesem Gebiet gut lief – wie bei ihr und ‚Con‘ – dann konnte man einen Bund fürs Leben eingehen. Ein sicheres Nest für das Paar und für die Kinder, die es zusammen aufzog, wurde nicht zwingend durch außerehelichen Sex bedroht.“[1] Ebenfalls unüblich für die damalige Zeit: Die Eheleute Kool-Smit schlossen einen Ehevertrag, der aussagte, dass der Ehemann – entgegen der damaligen Rechtslage – nicht über den Besitz der Ehefrau bestimmen durfte. 1974 sollten Kool und Smit auseinandergehen – sie verkürzte ihren Namen wieder auf Smit. Konsequent unkonventionell bis zum Ende ihrer Beziehung ließen sich jedoch nie scheiden.

Im Sommer 1961 bekam Smit ihren Sohn Lieuwe. Mit dem Baby im Gepäck ging sie 1962 für ein Jahr nach Paris. Sie arbeitete als Auslandskorrespondentin für das NRC Handelsblad, Het Parool und die Zeitschrift Tirade. Ihre Schwester Anke wohnte eine Weile bei ihr und sorgte für Lieuwe, wenn Smit morgens arbeitete. Als Anke in die Niederlande zurückging, kam ein gemeinsamer Freund von Joke und Constant, Joop Buschbach, für eine Woche nach Paris. Er blieb länger als gedacht und wurde für einige Jahre Smits Geliebter. Ihren Mann Constant, der die Liebesbeziehung respektierte, verließ Smit für Buschbach aber nicht.

Als Smit 1964 ihr zweites Kind, Johanna Elisabeth, zur Welt brachte, war nicht klar, wer von den beiden Männern in ihrem Leben der Vater des Kindes war, doch beide wollten – zusammen mit Joke – für das Kind sorgen. Smit entschied sich für Kool und zog mit ihm und den Kindern in eine größere Wohnung im Süden Amsterdams um.

Smits öffentliches Engagement für den Feminismus begann, als das Nederlands Instituut voor Volksontwikkeling en Natuurvriendenwerk (Nivon) im Frühjahr 1967 eine Referentin für das Thema „die Position der Frau“ suchte. Eher zufällig wurde Smit dafür gewonnen. Sie legte in ihrer Präsentation dar, dass sich Ehe und Familie eine solche Entwicklung genommen hätten, dass Frauen aus dem öffentlichen Leben gedrängt worden wären, auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt würden und untereinander keine Unterstützung fänden. Die Folge: Frauen litten kollektiv an Einsamkeit, Lustlosigkeit und Minderwertigkeitskomplexen. Neben Themen wie Bildungschancen für Mädchen und Frauen, wagte sie auch, das Tabuthema Abtreibung anzusprechen. Sie forderte das Recht für jede Frau, eine Schwangerschaft zu unterbrechen.

Diese Lesung sollte Smit später als Grundlage für ihren Artikel „Het onbehagen bij de vrouw“ in der Zeitschrift De Gids dienen. Die Gids-Redaktion plante eine ganze Ausgabe zum Thema „Unbehagen in der heutigen Zeit“ und hatte eigentlich die feministische Politikerin Hedy d’Ancona als Autorin für einen Beitrag über das Unbehagen bei der Frau vorgesehen gehabt; doch diese lehnte ab. Gleichzeitig verwies sie die Redaktion auf Smits Vortrag. Sie hatte die Lesung zwar nicht besucht, doch Constant Kool hatte ihr den Text zukommen lassen, nachdem er d’Acona bei einer Veranstaltung kennengelernt hatte.

Smits Artikel sprach eine deutliche Sprache. Frauen Ende der 1960er Jahre sahen sich mit widersprüchlichen Anforderungen konfrontiert. Einerseits schaffte die Anti-Baby-Pille endlich sexuelle Freiheiten für die Frau, andererseits sollten die Frauen ihre Sexualität nach Möglichkeit nur dazu nutzen, um sich ihren Männern zur Verfügung zu stellen. Einerseits durften die Frauen inzwischen gerne eine höhere Ausbildung genießen, andererseits sollten sie dadurch nicht „in ihrer Weiblichkeit“ geschädigt werden. Einerseits durften sie erwerbstätig sein, aber wie sie die Betreuung der Kinder und die Haushaltsführung organisierten, war ihr eigenes Problem.  "Wie vor fünfzig Jahren sind die meisten Frauen Hausfrauen und haben keine weiteren Ambitionen", so Smit in ihrem Artikel. Dies sei allerdings nicht weiter verwunderlich, denn die strukturelle Benachteiligung ersticke auch jeglichen beruflichen Ehrgeiz junger Mütter im Keim, schlussfolgerte sie.

Es stellte sich heraus, dass viele Frauen händeringend auf jemanden wie Smit gewartet hatten, der in Worte fassen konnte, was sie selbst schon lange beschäftigte. Die Unbehagen-Ausgabe des Gids verkaufte sich so gut, dass eine zweite Auflage gedruckt wurde. Smit fasste das große Echo als Auftrag auf, etwas zu tun. Zusammen mit Hedy d’Ancona gründete sie die Man Vrouw Maatschappij (MVM), eine feministische Gruppe, die gleich großen Zulauf erfuhr und politisch tatsächlich etwas bewegte. Im Laufe der Jahre wurde Abtreibung legalisiert, ein Gesetz über die gleiche Entlohnung für Männer und Frauen beschlossen, eine Emanzipationskommission ernannt und das Amt des Staatssekretärs für Emanzipationsfragen neu eingerichtet. Viele der MVMer rückten in den Reihen der politischen Parteien auf – vor allem bei den Sozialdemokraten. Auch Joke Smit war inzwischen Mitglied der PvdA geworden. Sie war der Meinung, dass die PvdA das Vehikel war, mit dessen Hilfe der Feminismus Einzug in die Den Haager Politik halten würde.

Die PvdA war nach den Wahlen 1977 nicht mehr Regierungspartei, doch einige Pläne zur Emanzipationspolitik wurden in die Regierungserklärung des neuen Kabinettes übernommen. Zehn Jahre nach dem Unbehagen-Artikel hatte sich die Einstellung der niederländischen Gesellschaft zur „Frauenfrage“ positiv verändert, wenn auch die Praxis noch hinterherhinkte.

Im Herbst 1980 stellten die Ärzte unheilbaren Lungenkrebs bei Smit fest. Die letzten Monate versuchte Smit dafür zu nutzen, alle feministischen Projekte abzurunden und per Kassettenaufnahme die Erinnerungen an ihr Leben zu dokumentieren. Unterstützt wurde sie dabei von ihrem neuen Partner, dem 16 Jahre jüngeren Jeroen de Wildt.

Nach ihrem Tod wurden mehrere Schulen und Straßen in den Niederlanden nach ihr benannt. Zudem wurde 1985 der Joke Smit-Preis ins Leben gerufen; eine mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung, die von der Regierung an Personen oder Einrichtungen verliehen wird, die einen fundamentalen Beitrag zur Verbesserung der Frauen in den Niederlanden geliefert haben.

Und auch heutzutage ist Joke Smit in den Niederlanden – was die Emanzipation der Frau angeht – noch immer eine Referenzgröße. Im September führte die Tageszeitung Trouw anlässlich des 30. Todestages von Smit mit deren Tochter Elisabeth Kool ein Interview. Zentrale Frage darin war, ob die Ideen ihrer Mutter von einer geschlechtergerechten Welt umgesetzt worden wären. Kool, inzwischen Politologin, gab zur Antwort, dass sich in den letzten dreißig Jahren für Frauen zwar einiges positiv verändert habe, allerdings „dreht sich die Welt immer noch um die Männer“.


[1]Marja Vuisje, Joke Smit. Biografie van een feministe, Amsterdam/Antwerpen 2008, S. 121.

Autorin: Angelika Fliegner
Erstellt: Dezember 2011


Literatur

Alle bibliographischen Angaben aus dem Bereich Politik finden Sie unter Bibliographie

Vuisje, Marja: Joke Smit, Biografie van een feministe, Amsterdam/Antwerpen 2008.

Kool-Smit, Johanna Elisabeth (Joke): Het onbehagen bij de vrouw, in: De Gids Nr. 9/10 1967, Jg. 130 (1967), Amsterdam, S. 267–281, Onlineversion

Kool-Smit, Johanna Elisabeth (Joke): Rok en rol, Vrouw (en man) in een veranderende samenleving, Amsterdam 1969.

Kool-Smit, Johanna Elisabeth (Joke): Hé zus, ze houen ons eronder, Een boek voor vrouwen en oudere meisjes, Utrecht 1972.

Kool-Smit, Johanna Elisabeth (Joke): De moeder van Marie kan méér, Gebundelde artikelen 1971-1975, Utrecht 1975.

Aktiegroep Man-Vrouw-Maatschappij (Hrsg.): Naar herverdeling van bezigheden, Den Haag 1978.

Smit, Johanna Elisabeth (Joke): Er is een land waar vrouwen willen wonen, Teksten 1967-1981, Amsterdam 1984. Zusammengestellt von: Wildt, Jeroen de/Harberts, Marijke.

Harberts, Marijke: Afscheid van Joke Smit, Amsterdam 1987.

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