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Neelie Kroes

*Rotterdam, 19. Juli 1941 – niederländische Politikerin (VVD)

Neelie Kroes
Neelie Kroes bei einer Pressekonferenz, Quelle: Cea/cc-by

Es ist schwer zu sagen, warum Neelie Kroes eine Zeit lang den Rat eines Rotterdamer Promi-Wahrsagers einholte. Bei genauer Betrachtung ihrer Vita scheint es vielmehr so, als wäre der Lebensweg als international agierende Politikerin geradezu vorgezeichnet gewesen. Der Vater war der Besitzer eines großen Transportunternehmens, sie studierte Wirtschaftswissenschaften an der Erasmus-Universität in Rotterdam, danach arbeitete sie im Familienbetrieb und engagierte sich für die Rechte von Frauen. 1970 wurde Kroes in den Rotterdamer Stadtrat gewählt, ein Jahr später wurde sie bereits Mitglied des niederländischen Parlaments in Den Haag. Es folgten Stationen als Staatssekretärin und Ministerin für Verkehr, Post und Telekommunikation. Ende der 1980er Jahre zog es sie nach Brüssel, wo sie zunächst als Beraterin für Verkehrsfragen arbeitete. Für Kroes ging es auf der Karriereleiter sichtlich immer weiter nach oben.

Und auch jetzt, nach dem Ende ihrer Tätigkeit als EU-Kommissarin für die digitale Agenda, braucht es keine hellseherischen Fähigkeiten um zu erahnen, wie sich Kroes ihren sogenannten Lebensabend vorstellt: Nahezu im Stundentakt kommentiert die inzwischen 73-Jährige das Weltgeschehen via Twitter. Knapp 10.000 Kurznachrichten sind in den vergangenen fünf Jahren zusammen gekommen, rund 19.000 Menschen folgen ihr auf Facebook. Für das Rentnerdasein ist offensichtlich später auch noch Zeit: Die Politikerin der liberalen Volkspartij voor Vrijheid en Democratie (VVD) will weitermachen und sich einmischen. Etwa zu den Enthüllungen von Edward Snowden, zu einer möglichen europäischen Daten-Cloud, zur Betuweroute nach Deutschland und zum geplanten Freihandelsabkommen mit den USA.

Warum sollte man auch ans Aufhören denken, wo es doch gerade so gut läuft? Das bekannte Forbes Magazin listete Kroes im Jahr 2007 auf Platz 59 der mächtigsten Frauen der Welt. Ein Jahr später stand die gebürtige Rotterdamerin sogar auf Platz 47. Die Liste ihrer Auszeichnungen, Titel und Ämter ist lang – zu lang für eine Kurzbiografie. Erwähnenswert ist in jedem Fall die Ehrendoktorwürde der Open University für Kroes' Einsatz im Hinblick auf digitales Lernen und der Doctor honoris causa der Univerisity of Hull. 1993 wurde Kroes von der Internationalen Road Federation zur Frau des Jahres in der Rubrik Infrastruktur gewählt. Einige Jahre zuvor wurde sie zum „Knight of the Order of the Dutch Lion“ und zum „Grand Officer of the Order of Orange-Nassau“ ernannt. Im Jahr 2010 schien sogar der Posten des niederländischen Ministerpräsidenten in greifbarer Nähe. Damit wäre Kroes zur ersten Frau in diesem Amt geworden. Letztendlich ging der Posten aber an ihren Parteikollegen, den immer strahlenden Radfahrer Mark Rutte.

Neben den zahlreichen politischen Ämtern ist Kroes auch für ihre umfangreichen Nebentätigkeiten bekannt. Steelie Neelie, so einer der zahlreichen Spitznamen, den ihr die Presse gegeben hat, war etwa zehn Jahre lang Präsidentin der angesehenen Wirtschaftsuniversität Nyenrode und saß lange Zeit in den Aufsichtsräten diverser Großkonzerne. Zu nennen sind unter anderem die privatisierte niederländische Eisenbahn Nederlandse Spoorwegen, der Baukonzern Ballast Nedam, die Containerreederei Royal P&O Nedloyd, die Restaurantkette McDonalds und die Unternehmensberatung Price Waterhouse Cooper. Ein besonderes Anliegen waren ihr dabei stets der Abbau von Handelshemmnissen, sowie die Öffnung des europäischen Marktes, was ihr den Beinamen Nickel Neelie einbrachte. 2007 erhielt sie die Medaille der FDP-nahen Reinhold-Maier-Stiftung, die unter anderem auch bereits Hans Dietrich Genscher, Otto Graf Lamsdorff, Walter Scheel und Klaus Kinkel erhalten haben. Seit Juni 2012 schreibt Kroes regelmäßig politische Beiträge für die niederländische Wirtschaftszeitung Het Financieele Dagblad.

In ihrer Selbstauskunft auf der Internetseite des niederländischen Parlaments führt Kroes Lesen und Fahrradfahren als Hobbys an. Bei so viel Arbeit ist es allerdings nicht wirklich überraschend, dass in der Praxis nur wenig Zeit für derartige Freizeitaktivitäten bleibt. Neelie Kroes, die einen Hang zu auffallendem Schmuck und großen Broschen hat, war zweimal verheiratet und ist zweimal geschieden. Aus der ersten Ehe mit Wouter Jan Smit (1965 – 1991) hat sie ein Kind. Während dieser Zeit hieß sie Neelie Smit-Kroes. 1990 traf Kroes auf den damaligen Rotterdamer Bürgermeister Bram Peper – seinerzeit der jüngste Bürgermeister in der Geschichte der Stadt. 1991 heirateten die beiden, 2004 folgte die Scheidung. Das Paar tauchte häufig in den niederländischen Medien auf und sprach dort recht offen über die gemeinsame Beziehung. Möglicherweise war genau dies der Stein, der im Sommer 1999 die sogenannte „bonnetjes-affaire“ ins Rollen brachte. Kroes und Peper wurde ein extravaganter Lebensstil im Rotterdamer Rathaus nachgesagt – auf Kosten der niederländischen Steuerzahler. Es ging dabei um falsch deklarierte Reisen, Kleidung, Abendessen, Geschenke und den Privatgebrauch des Dienstautos. Insgesamt ein Betrag von 64.000 Gulden. Ein langer Rechtsstreit zog sich hin, doch letztendlich konnte kein Betrug nachgewiesen werden.

Während es bei der „bonnetjes-affaire“ vor allem um Bram Peper ging, hätten zwei weitere Ungereimtheiten beinahe Kroes die zuvor prophezeite politische Karriere gekostet: 1986 führte die „Granaria-affaire“ zu einem Konflikt mit den niederländischen Binnenschiffern. Kroes, damals noch Smit-Kroes, hatte dem Rotterdamer Unternehmen Granaria Vergünstigungen beim Transport von Tierfutter ermöglicht, was zu einem klaren Wettbewerbsvorteil führte. Besonders pikant war dabei, dass der Geschäftsführer von Granaria fast in unmittelbarer Nachbarschaft der damaligen Verkehrsministerin wohnte. Zahlreiche Binnenschiffer blockierten daraufhin die Wasserwege, was zu Konfrontationen mit der Wasserpolizei führte. 1996 waren es erneut Schiffe, die Neelie Kroes beinahe zum Verhängnis geworden wären: Im Rahmen der „TCR-affaire“ soll Kroes beim illegalen Weiterverkauf von nicht mehr benötigten Kriegsschiffen mitgewirkt und Beziehungen zu einer recht dubiosen Tankerreinigungsfirma (TCR) unterhalten haben, der zuvor rechtswidrig staatliche Zuschüsse gewährt wurden. Von deutscher Seite wurde zudem kritisiert, dass Kroes sich gegen das System der Sparkassen und Genossenschaftsbanken aussprach, da dies ihrer Meinung nach den Wettbewerb verzerre.

Autor: Felix Rentzsch
Erstellt: November 2014


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