Politik - Personen A-Z



Wim Kok

*Bergambacht, 29. September 1938 - Politiker (PvdA) und Gewerkschafter

Wim Kok

Wim Kok im Mai 1989, Quelle: NA/Anefo/Rob Croes/cc-by-sa

Acht Jahre lang leitete der Sozialdemokrat Willem Kok als Premier die Geschicke der Niederlande: Ein Brückenbauer und ein solider, bis zur Langeweile bescheidener Landesvater, der für seine postpolitische Aufsichtsratkarriere und das damit verbundene hohe Gehalt Kritik erntete.

Wim Kok wurde am 29. September 1938 in Bergambacht geboren. Nach Beendigung seiner Schullaufbahn absolviert Kok 1956 ein zweijähriges Managementstudium am renommierten Institut Nijenrode im niederländischen Breukelen. Nach Ableistung des Wehrdienstes und einer Anstellung bei einem Amsterdamer Handelsunternehmen, bekommt er im Jahr 1961 mit erst 23 Jahren eine Anstellung als „Assistent des Hauptreferenten für Internationale Fragen“ bei der niederländischen Baugewerkschaft NVV (Nederlands Verbond van Vakverenigingen). Bei dieser zur damaligen Zeit größten Gewerkschaft, der Kok 1973 bereits im Alter von 34 Jahren vorsitzen sollte, beginnt Koks Karriere als Gewerkschafter.

Wenn man von Wim Kok heute als einem Berufspolitiker spricht, wird man dem Beginn seiner Karriere also keinesfalls gerecht. Seine gemäßigte Haltung und seine Fähigkeiten als politischer Brückenbauer kommen ihm bereits drei Jahre später zugute, als die Baugewerkschaft NVV und die katholische Gewerkschaft NKW (Nederlands Katholiek Vakverbond) zur FNV (Federatie Nederlandse Vakverbond) fusionieren. Dieser Gewerkschaft wird Kok bis 1986 vorsitzen – dem Jahr, in dem seine politische Karriere beginnt.

In jenem Jahr wird er durch Joop den Uyl als Spitzenkandidat für die sozialdemokratische Partij van de Arbeid (PvdA) in den Wahlkampf geholt und ist in der Zeit von 1986 bis 1989 Mitglied der Zweiten Kammer und Fraktionsvorsitzender der PvdA. Stand das politische Zeitalter unter Den Uyl noch im Zeichen der Polarisation zwischen den politischen Lagern, kann Kok erneut von seinem gemäßigten Auftreten profitieren, welches zum Entkrampfen des Verhältnisses zwischen dem christdemokratischen CDA und der sozialdemokratischen PvdA führt und 1989 in der Koalition beider Parteien mündet. Kok legt damit die Basis für das später über die Landesgrenzen hinweg bekannte „Poldermodell“. Kok wird Finanzminister und im Dritten Kabinett Lubbers Vize-Ministerpräsident.

Der Schritt vom Vize- zum Ministerpräsidenten gelingt ihm dann im Jahre 1994, als Kok auf dem Höhepunkt seiner politischen Karriere Regierungschef der sogenannten lila Koalition (1994 bis 2002) wird – der ersten Nachkriegsregierung in den Niederlanden, die ohne christdemokratische Beteiligung gebildet wurde. Zuvor scheint die politische Karriere Koks 1991 jedoch einen herben Dämpfer zu erfahren, da dieser der Überarbeitung des niederländischen Gesetzes zur Berufsunfähigkeit WAO zustimmt, aus der die Entkopplung der Löhne vom Sozialhilfesatz hervorgeht, welches zu deutlichen Popularitätseinbußen führt. Die PvdA verliert nach den Wahlen von 1994 insgesamt 14 Sitze, kann aber aufgrund noch größerer Verluste seitens des CDA, welcher 20 Sitze einbüßt, weiter an der Macht bleiben und ein Kabinett aus PvdA, VVD und D66 bilden – der Ministerpräsident hieß nun Wim Kok. „Paars I“ (dt. Violett), wie das erste Kabinett aufgrund der Zusammensetzung der Parteifarben der einzelnen Partner genannt wird, ist äußerst erfolgreich. Die Wirtschaft wächst und die Arbeitslosigkeit sinkt.

Die Wahlen 1998 bestätigen Kok erneut als Ministerpräsident und seine Popularität nimmt noch einmal zu. „Paars II“ nimmt seine Arbeit auf. Am 22. Juli 2002 wird Paars II durch eine Mitte-Rechts Koalition aus CDA, VVD und der umstrittenen LPF des niederländischen Rechtspopulisten Pim Fortuyn abgelöst. Kok wird als Ministerpräsident vom Christdemokraten Jan Peter Balkenende abgelöst, welcher vier Kabinette lang als niederländischer Ministerpräsident in verschiedenen Koalitionen regierte. Nach dem Ausscheiden aus der Politik übernimmt Kok diverse Aufsichtsratsposten bei namhaften Firmen wie der ING Bank, TPG Post, Shell oder der KLM. Darüber hinaus berät Kok Entscheidungsträger auf nationalem und internationalem Niveau und gilt insbesondere als anerkannter Berater der EU.

Zu Koks zahlreichen Auszeichnungen gehört seit 2003 auch die Ehrendoktorwürde der Universität Münster, welche ihm für seine Verdienste zur Verbesserung und Intensivierung der deutsch-niederländischen Beziehungen von der Philosophischen Fakultät verliehen wurde.

Mit dem Fahrrad zur Arbeit

Vermutlich konnte Wim Kok gar nicht anders als Politik-Funktionär werden. Bereits sein Vater – ein Tischler – war nicht nur einfaches Gewerkschaftsmitglied, sondern ebenfalls Funktionär, der nebenbei dafür sorgte, dass sein Sohn eine ausreichende Ausbildung einschließlich eines Studiums erhielt. Vermutlich ist Kok aber auch einer der letzten Vertreter dieser Art von Berufspolitikergarde. Solide, immer die Sache in den Vordergrund stellend, außerhalb des Politikgeschäfts derart zurückhaltend, dass es schon nicht mehr bescheiden, sondern eher langweilig wirkte: So verbrachte er seinen Urlaub am liebsten mit dem eigenen Campingwagen, zu den glamouröseren Auszeichnungen seiner Politikerkarriere gehört daher auch die Wahl zum niederländischen „Camper des Jahres“.

Ähnlich zurückhaltend zelebrierte er auch seine Auftritte als Ministerpräsident: Das deutsche Nachrichtenmagazin Der Spiegel registrierte 1994 einigermaßen verblüfft, dass der neue Ministerpräsident einen Ford Scorpio, nicht eben ein Fahrzeug der Oberklasse, als Dienstwagen verwende. Häufig benutzte der Premier aber auch demonstrativ das Fahrrad für seinen Weg zur Arbeit. Das volkstümliche machte ihn zu einem Landesvater, der bisweilen aber auch väterliche Attribute übernahm. In Debatten neigte er zum Dozieren, um den Landeskindern zu erklären, was sie von der Politik und dem schwierigen Geschäft des Regierens wissen müssen. Dabei hatte der hagere 1,90 Meter große Mann häufig beinahe schon eine pastorale Aura. Außerdem brachte er – so Kritiker – die „Hinterzimmerpolitik“, bei der Politiker und Lobbyisten in vertrauten Runden absprechen, was das beste für das Wohl des Volkes ist, zur Perfektion. Außerdem wird ihm vorgeworfen, die Sorry-Kultur in der niederländischen Politik etabliert zu haben.

Väterlicher Ratgeber

Die politische Krise, die er im Wahlkampf 2002 durch seine Ankündigung nicht weiter regieren zu wollen, erst auslöste, hat er dennoch erstaunlich gut überstanden. Die Vorwürfe, die der lila Koalition gemacht wurden, trafen so gut wie nie deren Vorsteher. Medien und Volk würdigten – und würdigen – ihren ehemaligen Premier als integeren Staatsmann und einstigen Landesvater. „Der Gewerkschafter mit den langen Haaren wuchs zu einem Staatsmann von Format“, heißt es beispielsweise in einem Portrait des Nachrichtensenders NOS. Der ehemalige US-Präsident Bill Clinton betrachtete ihn als persönlichen Freund, schreiben die Autoren. Für den Briten Tony Blair und den Deutschen Gerhard Schröder sei er der personifizierte neue Sozialdemokrat, dessen Stil sie sich auch zu eigen machen wollten. Auf diese Rolle des behutsam mahnenden väterlichen Ratgebers beschränkt er sich auch in der fortdauernden Krise – zumindest öffentlich.

Die überparteiliche Bescheidenheit mag ihren Grund allerdings auch darin haben, dass Wim Kok noch nicht sämtliche politischen Ambitionen begraben hat. Europa, oder sogar die UNO wären Rahmen, in denen er sich noch einmal zeigen würde – und da wäre parteipolitisches Gezänk im eigenen Land für eine Kandidatur nicht gerade hilfreich.

Autoren: Jan Kanter und Boris Krause
Erstellt: Mai 2004
Aktualisiert: Septmeber 2014


Links

Wichtige politische Links finden Sie unter Institutionen

Literatur von und über Wim Kok auf der Homepage der Königlichen Bibliothek

Biographische Angaben auf der Homepage des Parlaments

Verleihung der Ehrendoktorwürde Festrede von Wim Kok

Verleihung der Ehrendoktorwürde Laudatio auf Wim Kok

Literatur

Alle bibliographischen Angaben im Bereich Politik finden Sie unter Bibliographie

Klein, Pieter/Kooistra, Redmar: Het taaie gevecht van een polderjongen, Amsterdam 1998.

Rooy, Piet de/Velde, Henk te: Met Kok. Over veranderend Nederland, Amsterdam 2005.

Tromp, Jan/Verhoeff, Bert: De lange mars van Wim Kok, Amsterdam 2002.


Impressum | Datenschutzhinweis | © 2018 NiederlandeNet
NiederlandeNet
Alter Steinweg 6/7
· 48143 Münster
Tel: +49 251 83-28516 · Fax: +49 251 83-28520
E-Mail: