Politik - Personen A-Z



Max Kohnstamm

*Amsterdam, 22. Mai 1914 – Amsterdam, 20. Oktober 2010 – Diplomat, Historiker, Intellektueller und Pionier der Europäischen Zusammenarbeit

Max Kohnstamm

Max Kohnstamm im Jahr 2009 Quelle: Karin Kohnstamm/cc-by

Max Kohnstamm zählte neben Jean Monnet, dem „Vater Europas“, Robert Schuman und Paul-Henri Spaak zu den neun großen EU-Gründungsvätern. Durch seine Verdienste auf dem Gebiet der europäischen Einigung und Zusammenarbeit wurde der studierte Historiker weltweit bekannt.

Der in Amsterdam geborene Kohnstamm wuchs als Sohn von Phillip Kohnstamm und An Kessler in einem intellektuellen Bürgermilieu auf. Sein Vater war Naturwissenschaftler, Philosoph und Begründer der wissenschaftlichen Pädagogik und Didaktik in den Niederlanden. Seine Mutter gehörte zur Familie der Gründer des späteren Shell-Unternehmens. Obwohl Max Kohnstamm deutsch-jüdischer Abstammung war, prägte ihn ein protestantisches Umfeld in der niederländischen Kleinstadt Ermelo. Während seiner späteren Studienjahre war Kohnstamm sogar als Mitglied der niederländischen christlichen Studentenverbindung aktiv.

Max Kohnstamm studierte von 1933 bis 1940 moderne Geschichte in Amsterdam, wobei er in dieser Zeit für ein Jahr nach Amerika ging, um an der Universität in Washington D.C. zu studieren. Den Aufenthalt dort konnte er sich dank eines Stipendiums finanzieren. Jedoch fühlte sich der 1914 geborene Kohnstamm vom Studium in Washington schnell unterfordert, kaufte sich kurzerhand für 150 Dollar ein Auto und fuhr durch die südlichen Staaten des Landes. Während dieser Reise wurde Kohnstamm stark vom funktionierenden Föderalismus in den USA und der sozialen und ökonomischen Dynamik des Landes beeindruckt. Er erkannte, dass dies der richtige Weg für Europa sei und trat fortan für eine enge föderale Zusammenarbeit in Europa ein, wobei seiner Ansicht nach ein transatlantischer Bund zwischen den USA und Europa notwendig war. Der junge Kohnstamm glaubte, dass alle freien Demokratien dieser Welt in ein Gemeinwesen übergehen müssten und veröffentlichte daher 1939 einen Beitrag im niederländischen Wochenmagazin De Groene Amsterdammer mit dem Titel „Democratieën aller landen…vereenigt U!“ (dt. „Demokratien aller Länder…vereinigt Euch!“) Mit dieser Einstellung war Kohnstamm seiner Zeit jedoch weit voraus. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg sollten die Führungskräfte der Welt erkennen, dass eine internationale Zusammenarbeit notwendig ist, um dauerhaften Frieden garantieren zu können.

Während des Krieges verbrachte Kohnstamm aufgrund seines jüdischen Familienhintergrundes einige Monate im niederländischen Durchgangslager Amersfoort, wo er nach eigener Aussage „die Hölle kennenlernte“. In einem späteren Buch, das er über das Leben im Lager verfasste, schrieb er: „In Amersfoort, wo ich mit einer Gruppe Mitgefangener im kalten Winter von 1942 bis 43 Schnee von der einen Seite zur anderen schaufeln musste, habe ich mich zum letzten Mal sehr stark in Gottes Hand gefühlt.“ Zur Geburtstagsfeier von Adolf Hitler am 20. April 1943 wurde Kohnstamm aus Amersfoort freigelassen. Doch die Zeit der Freiheit war nur von kurzer Dauer. Schon im darauffolgenden Juni wurde Kohnstamm wieder gefangen genommen und als Geisel zunächst im Lager in Haaren und ab Juli 1942 bis zum September 1944 in Sint-Michielsgestel gefangen gehalten. Dort zählte er zu den Heeren Zeventien – einer Gruppe intellektueller Niederländer aus den verschiedensten Bereichen, die während ihrer Gefangenschaft in Sint-Michielsgestel über die Zukunft der Niederlande nach dem Ende des Krieges debattierten.

Nach dem Krieg widmete sich Kohnstamm zunächst nicht seinem Ideal der Europäischen Zusammenarbeit, sondern arbeitete von 1945 bis 1948 als privater Sekretär Königin Wilhelminas. Die gute Verbindung zum Königshaus blieb im Übrigen Kohnstamms gesamtes Leben lang bestehen. So wurde er auch der Patenonkel von Prinz Constantijn, dem dritten Sohn von Königin Beatrix und Prinz Claus.

Nach seiner Tätigkeit am Königshaus wurde Kohnstamm Leiter des Deutschlandbüros des Außenministeriums in Den Haag. Die Suche nach „einer neuen Form des Zusammenlebens: keine Verteidigung von Interessen, sondern das gemeinschaftliche Suchen nach guten Lösungen für jedes Problem“, beschäftigte ihn dabei sehr. Kohnstamm gehörte zu der niederländischen Delegation, die über die europäische Einigung verhandelte. Dabei setzte er sich vermehrt für den Wiederaufbau Deutschlands ein, denn er war davon überzeugt, dass dies der richtige Weg sei, um die Gräuel des Krieges verarbeiten zu können: „Der einzige Weg, sich von der Vergangenheit zu befreien, ist eine Vision für die Zukunft zu haben.“ Im Rahmen dieser Überzeugung wurde Kohnstamm von 1952 bis 1956 der erste Sekretär der Hohen Behörde der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS), dem Vorgänger der späteren Europäischen Kommission. Doch Kohnstamm wünschte sich nicht nur ökonomische Integration in Europa, sondern auch eine politische Einheit unter einer gemeinsamen europäischen Regierung. Es verwundert daher auch nicht, dass Kohnstamm zu den Mitbegründern des Aktionskomitees für die Vereinigten Staaten von Europa und der Bilderberg-Konferenz gehörte – einem informellen, privaten Treffen von einflussreichen Personen aus Wirtschaft, Militär, Politik, Medien, Hochschulen und Adel, auf dem vor allem Probleme der Weltwirtschaft und der internationalen Beziehungen bis heute angesprochen werden.

Zu seinen beeindruckendsten Fähigkeiten zählten Kohnstamms große Aufgeschlossenheit und seine tiefen moralischen Überzeugungen. Zudem sprach Kohnstamm neben seiner Muttersprache Niederländisch auch noch fließend Französisch, Deutsch und Englisch. Sein Einsatz für seine Ideale prägte selbst Kohnstamms Privatleben, wobei auch seine fünf Kinder, die aus der Ehe mit seiner Frau Kathleen Sillem hervorgegangen sind, sein „Europa-Getue“ auch schon mal satt hatten. Dennoch war Kohnstamm geschickt im Umgang mit jungen Erwachsenen. Von 1973 bis 1981 war er der erste Präsident des Europäischen Hochschulinstituts in Florenz, einer der weltweit renommiertesten Institutionen im Bereich der Gesellschaftswissenschaften.

Kohnstamm erhielt zahlreiche Auszeichnungen für seine Arbeit als Diplomat. Unter anderem wurde er zum Großoffizier des Ordens von Oranje-Nassau ernannt und erhielt das deutsche Große Verdienstkreuz mit Stern. Bis an sein Lebensende blieb Kohnstamm Europa-Idealist. Er verstarb am 20. Oktober im Alter von 96 Jahren 2010 in seinem Haus in Amsterdam.

Autorin: Agnes Sieland
Erstellt: November 2010


Links

Wichtige politische Links finden Sie unter Institutionen

Weitere Informationen über Max Kohnstamm Rezensionen Max Kohnstamm

Weitere Informationen über die Geschichte der Europäischen Integration in den Niederlanden Europäische Integration

Website des Europäischen Hochschulinstituts European University Institute

Literatur

Alle bibliographischen Angaben aus dem Bereich Politik finden Sie unter Bibliographie

Kohnstamm, Max: Brieven uit ‚Hitlers Herrengefängnis’ 1942-1944, Amsterdam 2005 (herausgegeben von Edmond Hofland).

Kohnstamm, Max/Krop, M.: Een leven voor Europa. Liber Amicorum Max Kohnstamm, Den Haag 2004.

Harry, Anjo G. van/Harst, Jan van der: Max Kohnstamm. Leven en werk van een Europeaan, Utrecht 2008.

Segers, Mathieu (Hrsg.): De Europese dagboeken van Max Kohnstamm. Augustus 1953 – September 1957, Amsterdam 2008.

Wielenga, Friso: West-Duitsland: Partner uit noodzaak. Nederland en de Bondsrepubliek 1949-1955, Utrecht 1989.

Wielenga, Friso: Vom Feind zum Partner. Die Niederlande und Deutschland seit 1945, Münster 2000.


Impressum | Datenschutzhinweis | © 2018 NiederlandeNet
NiederlandeNet
Alter Steinweg 6/7
· 48143 Münster
Tel: +49 251 83-28516 · Fax: +49 251 83-28520
E-Mail: