Politik - Personen A-Z



Ayaan Hirsi Ali

*Mogadischu, 13. November 1969Islamkritikerin und ehemalige Politikerin (VVD)

Ayaan Hirsi Ali

Ayaan Hirsi Ali, Quelle: VVD

Ayaan Hirsi Magan Isse Guleid Ali Wai’ays Muhammad Ali Umar Osman Mahamud kam Ende der 1960er Jahre im somalischen Mogadishu zur Welt. Ihr Vater, Hirsi Magan Isse, war ein bedeutender Gegner des diktatorischen Regimes in Somalia. Als Ayaan sechs Jahr alt war, entschloss sich die Familie zur Flucht. Hirsi Ali wuchs in Saudi-Arabien und Kenia auf, wo sie unter anderem streng islamisch unterrichtet wurde. Als Ayaan 18 Jahre alt wurde, traf ihr Vater eine folgenschwere Entscheidung. Der konservative Moslem, der seiner Tochter immerhin eine gute Schulbildung ermöglicht hatte, entschied, dass seine Tochter heiraten sollte – einen entfernten, in Kanada lebenden Verwandten. Die Tochter rebellierte und floh.

Wegen des Bürgerkriegs in ihrem Geburtsland wurden Anfang der 1990er Jahre viele somalische Flüchtlinge in den Niederlanden aufgenommen. Die damals 23 Jahre alte Hirsi Ali, die als einzige ihrer Familie flüchtete, gelangte über Umwege in die Niederlande und beantragte dort 1992 Asyl. In ihrer Biografie sollte sie später schreiben, dass sie aufgrund einer geplanten Vermählung mit einem entfernt verwandten Neffen in Kanada in die Niederlande geflüchtet sei. Gegenüber der niederländischen Ausländerbehörde, dem Immigratie en Naturalisatiedienst (IND), hatte Hirsi Ali damals jedoch angegeben, dass sie aus einem der Katastrophengebiete Somalias stamme. Als Flüchtling wurde ihr eine permanente Aufenthaltserlaubnis zuerkannt. Dass sie während ihres Asylverfahrens einige Tatsachen ihres Hintergrundes verdreht hatte, sollte ihr später vorgeworfen werden – mit einer politischen Krise als Folge.

In den Niederlanden schlug sich Hirsi Ali als Flüchtling – völlig auf sich alleine gestellt – mit verschiedenen Gelegenheitsjobs durch und erlernte die niederländische Sprache. Sie arbeitete unter anderem als Putzfrau und als Dolmetscherin bei der Ausländerbehörde IND. In dieser Zeit kam sie, wie sie später sagte, viel mit Frauen in Kontakt, die von ihren Ehemännern misshandelt worden waren, was ihre Haltung gegenüber dem Islam stark beeinflusste. Ihre eigene Jugend, aber auch ihre Erfahrungen in den Niederlanden hatten die junge Frau zur entschlossenen Kritikerin der islamischen Welt und der moslemischen Gemeinschaft in den Niederlanden werden lassen.

Im Jahr 1997 wurde Hirsi Ali – die inzwischen Politikwissenschaften in Leiden studierte – niederländische Staatsbürgerin. Nach ihrem Studium sollte sie ein Jahr in der Wissenschaftsabteilung der niederländischen sozialdemokratischen Partij van de Arbeid (PvdA) arbeiten. In dieser Zeit veröffentlichte sie ihre ersten kritischen Artikel über den Islam und die niederländische Ausländerpolitik. Es war zugleich der Startschuss für diverse Drohungen gegen sie. Insbesondere Fernsehauftritte machten Hirsi Ali landesweit bekannt. Als ihre Standpunkte während der Diskussionssendung Rondom 10 mit Pfiffen aus dem Publikum beantwortet wurden, reagierte sie irritiert: „Es ist meine Religion! Ich kann sie doch als rückständig bezeichnen! Sie ist rückständig!” Mit diesen Worten berief sich Ayaan Hirsi Ali auf das Recht der freien Meinungsäußerung – ihrer Ansicht nach eines der Grundpfeiler der niederländischen Gesellschaft. Innerhalb der PvdA teilten sich die Geister zunehmend in der Beurteilung des Auftretens von Ayaan Hirsi Ali, die inzwischen permanent unter Personenschutz gestellt war. Aus Unzufriedenheit über diese Diskussion und da ihr die niederländische liberale Partei VVD einen sicheren Sitz im Parlament versprochen hatte, wechselte sie 2002 die Fronten. Bei der Wahl 2003 wurde sie zur Abgeordneten gewählt und zog für die VVD ins Parlament ein.

Entschlossene Kritikerin der islamischen Welt

„Liebe Ayaan. Ich bin nur ein Belgier und liege vielleicht falsch, aber meines Erachtens haben Sie nie viel Lust gehabt, sich den Niederlanden, die Sie als Migrantin vorgefunden haben, anzupassen. Im Gegenteil. Sobald Sie Niederländerin geworden sind, wollten Sie ihr Gastland einschneidend verändern.” Mit obenstehenden Worten begann der bekannte flämische Schriftsteller Tom Lanoy seinen Brief an Ayaan Hirsi Ali, der in dem Sammelband Brieven aan Ayaan Hirsi Ali veröffentlicht wurde. Es findet sich ein paradoxer Funken Wahrheit in dieser Beschreibung einer der aufsehenerregendsten niederländischen Politikerinnen und Meinungsmacherinnen der letzten Jahre.

Als Migrantin somalischer Herkunft hat Hirsi Ali lange Zeit die Diskussion in den Niederlanden über Migrationspolitik und die Rolle des Islam in der modernen Gesellschaft geprägt. Sie forderte eine Modernisierung des Islam, insbesondere bezüglich der Frauenrechte. Ihr Auftreten war nicht versöhnend, sondern provozierend. Sie schreckte nicht vor scharfen Äußerungen über Moslems und die niederländische Gesellschaft zurück und war alles andere als eine unumstrittene Politikerin und Meinungsführerin.

„Mohammed ist, gemessen an unseren westlichen Maßstäben, ein perverser Mann”, sagte Hirsi Ali 2003 gegenüber der Tageszeitung Trouw – und spielte damit auf eine Beziehung des islamischen Propheten mit einem minderjährigen Mädchen an. Im selben Artikel fügte sie hinzu: „Und ich darf meinen: Mohammed ist als Individuum verachtenswert. Mohammed sagt, dass eine Frau zu Hause bleiben, einen Schleier tragen muss, keinerlei Arbeit verrichten darf, nicht dasselbe Erbrecht besitzt wie ihr Mann, bei Ehebruch gesteinigt werden muss – ich möchte verdeutlichen, dass es auch eine andere Wirklichkeit gibt, als die ‚Wahrheit’, die mit Hilfe saudischen Geldes in der Welt verbreitet wird.”Auch rund zehn Jahre später zeigte sich Hirsi Ali noch streitbar. Im Frühjahr 2014 veröffentlichte sie ein neues Buch, in welchem sie die Reformation des Islam forderte. „Der unreformierte Islam ist keine Religion des Friedens“, erklärte sie gegenüber deutschen Medien wie ARD und Deutschlandfunk.

Diese äußerst provokanten Äußerungen sind repräsentativ für Hirsi Alis Haltung gegenüber dem Islam. Intellektuelle und liberale Meinungsführer, oft mit einem ähnlichen ausländischen Hintergrund wie sie selbst, zeigten sich häufig mit ihren Standpunkten solidarisch. In ihrem Kampf gegen das Unrecht innerhalb des Islams, sie selbst hat einmal von ihrem eigenen „Jihad” gesprochen, wurde sie jedoch wegen des scharfen, konfrontierenden Tons auch häufig kritisiert, oder gar mit dem Tod bedroht. Unstrittig jedoch ist, dass Hirsi Ali es geschafft hat, den Islam auf die Agenda der niederländischen Politik zu setzen.

Submission

Ihren Feldzug gegen den Fundamentalismus führte sie nicht nur parlamentarisch, sondern auch außerparlamentarisch. Gemeinsam mit dem Regisseur Theo van Gogh drehte sie den Film Submission (dt.: Unterwerfung). In dem rund elfminütiger Kurzfilm, der die Unterdrückung der Frau im Islam thematisiert, treten unter anderem verschleierte und halbnackte, mit Koransuren bemalte Frauen auf und erzählen über das Unrecht, das ihnen im Namen des islamischen Glaubens angetan wurde. Nach der Ausstrahlung im September 2004 ging ein Aufschrei der Empörung durch die islamische Gemeinde. Die Moslems fühlten sich unerträglich provoziert. Hirsi Ali erhielt Polizeischutz. Dennoch war der Film Auslöser der Ereignisse des 2. November 2004, als der brutale Mord an dem bekannten Regisseur und Kolumnisten Van Gogh die Niederlande erschütterte. Der Mörder Mohammed Bouyeri und sein Umfeld hatten entschieden, sich für den Film zu rächen.

Vor allem weil Ayaan Hirsi Ali als Abgeordnete ein Minimum an Personenschutz erhielt, wurde Theo von Gogh zum Opfer eines rituellen Mordes. Das eigentliche Ziel, so verriet ein am Tatort hinterlassener Brief, war die Abgeordnete selbst.

Van Gogh und Hirsi Ali hatten einander mit ihrer äußerst direkten und konfrontierenden Verurteilung des fundamentalistischen islamischen Glaubens gefunden. Hirsi Ali wurde nach dem Mord an Van Gogh noch intensiver bewacht. Sie tauchte geraume Zeit – vermutlich im Ausland – unter. Obwohl überwiegend Verständnis für ihre Situation herrschte – das Buch Brieven aan Ayaan (dt.: Briefe an Ayaan) erschien unter anderem als Unterstützungsbeweis –, wurde auch konstatiert, dass ihre Arbeit als Abgeordnete kaum noch auszuüben sei. Hirsi Ali entschloss sich deshalb, die Zweite Kammer zum September 2006 zu verlassen und nach Amerika zu emigrieren. Dort hatte sie eine Stelle am American Enterprise Institute for Public Policy Research, einem rechtskonservativen Think-Tank in Washington D.C., angeboten bekommen.

Staatsbürgerschaft

Nicht einmal einen Monat nach der Ankündigung ihres Rückzugs aus der Politik geriet Hirsi Ali ins Gerede, nachdem in der Fernsehsendung Zembla Freunde und Familienmitglieder in einer Dokumentation über ihr Leben zu Wort gekommen waren. In dieser Folge der Sendung mit dem provokanten Titel De heilige Ayaan (dt.: Die heilige Ayaan) wurde das Privatleben der Politikerin unter die Lupe genommen. Es lieferte, wie die Sendung angekündigt hatte, ein „anderes Bild von Hirsi Ali“. Unter anderem kam heraus, dass sie während ihres Asylverfahrens bezüglich ihres Hintergrundes und ihres Namens nicht ehrlich gewesen war. Das war bemerkenswert: Als VVD-Politikerin vertrat Hirsi Ali nämlich die Meinung, dass Asylbewerber, die falsche Angaben über ihre Hintergründe machen, kein Recht auf eine Aufenthaltsgenehmigung in den Niederlanden haben sollten.

Die damalige VVD-Integrationsministerin Rita Verdonk ließ daraufhin verlauten, dass Hirsi Ali aufgrund ihrer falschen Angaben nun kein Recht mehr auf ihren niederländischen Pass hätte. In den Medien wurde diese Aussage der Ministerin, die dafür bekannt war, öfter Aussagen ohne Zustimmung des restlichen Kabinetts zu treffen, breit ausgeschlachtet. Während einer Eildebatte in der Zweiten Kammer machte sich Empörung über die Situation breit. Hirsi Ali beschloss, frühzeitig als Parlamentsmitglied zurückzutreten. Ihre niederländische Staatsbürgerschaft konnte sie schlussendlich behalten.

Anlässlich dieser Affäre entschloss sich die liberale Partei D66, der kleinste Koalitionspartner des damaligen Kabinetts Balkenende II, das Kabinett zu verlassen. Da die Koalition dennoch weiterhin über eine Mehrheit im Parlament verfügte, regierte das Kabinett unter Balkenende weiter. Hirsi Ali zog sich, nach einer Anzahl größerer Zeitungsinterviews aus der Öffentlichkeit zurück.

2007 war ihr Name wiederum auf den Titelseiten zu lesen, als sie bekannt gab, dass sie nicht mehr vom niederländischen Staat geschützt werde, seitdem sie in Amerika lebt. Entrüstete Reaktionen waren die Folge, aber die Regierung blieb stur und verwies darauf, dass es unüblich sei, Niederländer, die keine Staatsfunktion ausüben, im Ausland zu schützen. Hirsi Ali musste sich selbst auf die Suche nach Unterstützungsfonds machen, um für ihren Schutz zahlen zu können – es gelang ihr.

Ob Hirsi Ali tatsächlich, wie sie es laut Lanoy gerne wollte, die Niederlande verändert hat, ist nicht eindeutig zu sagen. Sie hat auf jeden Fall die öffentliche Diskussion gesucht und lange Zeit bestimmt. Das Aufkommen von Geert Wilders, der im Allgemeinen noch radikalere Ansichten über den Islam vertritt als sie, kann nicht losgelöst von der Aufregung rund um Hirsi Ali betrachtet werden. Dass sie 2005 vom Time Magazine zu einer der Hundert einflussreichsten Menschen der Welt ernannt wurde, verdeutlicht, dass ihr Gedankengut, wie radikal auch immer, weiterhin zum Nachdenken anregt.

US-Staatsbürgerschaft

2013 sollte Hirsi Alis Staatsbürgerschaft die niederländischen Medien erneut beschäftigen. Am 25. April 2013 wurde Ayan Hirsi Ali US-Staatsbürgerin. Ihre Einbürgerungszeremonie fand in Boston statt. Zehn Tage zuvor hatten dort zwei Brüder, die aus Tschetschenien in die USA eingewandert waren, ein Attentat auf die Besucher des Bostoner Marathon verübt. Die beiden gläubigen Muslime wollten damit Vergeltung für die amerikanischen Kriege im Irak und in Afghanistan üben. Für Hirsi Ali Anlass, sich in einem Interview mit dem Wall Street Journal für eine US-Einwanderungspolitik auszusprechen, welche Einwanderer stärker auf ihre Amerika-Loyalität überprüft. Der entsprechende Zeitungsartikel erschien am 18. Mai 2013. Erst dann erfuhren auch die niederländischen Medien von Hirsi Alis neuer US-Staatsbürgerschaft. Sie beschäftigten sich vor allem mit der Frage, ob sie nun die niederländische Staatsbürgerschaft weiterhin behalten werde.

Auszeichnungen (Auswahl)

2004: Harriët Freezerring, Emanzipationspreis, verliehen von der niederländischen feministischen Zeitschrift Opzij

2005: Vom US-amerikanischen Time Magazine als eine der 100 einflussreichsten Personen der Welt gelistet (18.04.2005)

2006: Kasseler Bürgerpreis Das Glas der Vernunft für besondere Verdienste um Aufklärung, Vernunft und Toleranz

2008: Prix Simone de Beauvoir pour la liberté des femmes

2012: Axel-Springer-Ehrenpreis für ihren „kompromisslosen Kampf für die Rechte muslimischer Frauen“ (NiederlandeNet berichtete)

Privatleben

2010 bestätigte Hirsi Ali, dass sie eine Beziehung zu dem britischen Historiker Niall Ferguson habe, im September 2011 heiratete das Paar in Boston (USA). Im Dezember desselben Jahres, wurde ein gemeinsamer Sohn geboren.

Autoren: Jan Kanter, Lennert Savenjie und Online-Redaktion
Erstellt: April 2007
Aktualisiert: April 2014


Links

Wichtige politische Links finden Sie unter Institutionen

Weitere Informationen befinden sich im Dossier Migration und Integration

Bibliographische Angaben auf der Homepage des Parlaments

Literatur

Alle bibliographischen Angaben im Bereich Politik finden Sie unter Bibliographie

Berkeljon, Sara/ Wansink, Hans: De orkaan Ayaan. Verslag van een politieke carrière, Amsterdam 2006.

Hirsi Ali, Ayaan: Mein Leben, meine Freiheit. Die Autobiographie, München 2006.

Hirsi Ali, Ayaan: Ich klage an: Plädoyer für die Befreiung der muslimischen Frauen, München 2006.

Hirsi Ali, Ayaan: Ich bin eine Nomadin: mein Kampf für die Freiheit der Frauen, München 2010.

Marres, René: De aanvallen op Pim Fortuyn en Ayaan Hirsi Ali en hun verdediging van westerse waarden, Soesterberg 2006.

O.A.: Brieven aan Ayaan Hirsi Ali, Amsterdam 2005.


Impressum | Datenschutzhinweis | © 2018 NiederlandeNet
NiederlandeNet
Alter Steinweg 6/7
· 48143 Münster
Tel: +49 251 83-28516 · Fax: +49 251 83-28520
E-Mail: