Politik - Personen A-Z


Pim Fortuyn

*Velsen, 19. Februar 1948 - †Hilversum, 6. Mai 2002 – Soziologe, Kolumnist und Politiker (LPF)

Pim Fortuyn
Pim Fortuyn am 4. Mai 2002, zwei Tage vor seiner Ermordung, Quelle: Roy Beusker

Wilhelmus Simon Petrus Fortuyn wurde im Februar 1948 als drittes von sechs Kindern des Handelsvertreters Hendrik Casper Fortuijn und der Kaufhausleiterin Jacoba Everharda de Weijer geboren. Nach dem Schulabschluss in Haarlem studierte er ab 1967 Soziologie in Amsterdam. 1972 wurde er wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich Philosophie und Gesellschaftswissenschaften der Universität Groningen. Dort gehörte er zu den Vertretern einer marxistisch geprägten kritischen Theorie und promovierte im Dezember 1980 über die „Sozialökonomische Politik in den Niederlanden 1945–1949“.

Bereits in seiner Schulzeit hatte Fortuyn begonnen, etablierte Autoritäten zu hinterfragen und sich von anderen abzusetzen. Er sagte sich von dem römisch-katholischen Glauben seiner Eltern los und bekannte sich in den frühen 1970er Jahren offen zu seiner Homosexualität. In Amsterdam engagierte er sich in der Studentenbewegung und spielte eine führende Rolle bei der Besetzung des Hauptgebäudes der Freien Universität im Februar 1972. Die Jahre Fortuyns in Groningen waren innerhalb des Fachbereichs ebenfalls geprägt von institutionellen und persönlichen Konflikten.

Mitte der 1980er Jahre war Fortuyn vorübergehend für den Wissenschaftlichen Rat der niederländischen Regierung tätig und erstellte unter anderem eine Studie zur sozialen und wirtschaftlichen Erneuerung Rotterdams. Die Einflussmöglichkeiten und der Lebensstil in der Welt der Wirtschaft und des politischen Lobbyismus faszinierten ihn derart, dass er 1988 seine Stellung in Groningen aufgab. Stattdessen machte er sich in Rotterdam als politischer Lobbyist selbständig und leitete eine Kampagne zur Einführung des Studententickets. In den frühen 1990er Jahren bekleidete er zudem in Rotterdam für vier Jahre eine Stiftungsprofessur zur Soziologie des öffentlichen Dienstes.

Fortuyns berufliche Erfahrungen mündeten in eine umfassende Kritik staatlicher Bürokratie und ihrer Handlungsweisen. Seit Mitte der 1990er Jahre boten ihm eigene Kolumnen in den Medien, Buchveröffentlichungen und zahlreiche Lesungen die Gelegenheit, seine Ideen einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen. Dabei ging es bald nicht mehr nur um Verwaltungsreformen, sondern Fortuyn kritisierte nun Grundzüge des politischen Systems der Niederlande und der etablierten politischen Kultur in Den Haag – darunter auch eine zu große Toleranz gegenüber dem Islam. Mit seinem öffentlich zelebrierten flamboyanten Lebensstil, intellektueller Brillanz und sprachlicher Schärfe etablierte er sich als unabhängiger radikaler Gegenentwurf zum traditionellen Typus des niederländischen gemäßigten und auf Konsens bedachten Politikers, wie ihn zum Beispiel Wim Kok, der ehemalige Ministerpräsident der „violetten Koalition“, verkörperte.

Kritische Äußerungen mochte er: Wenn Politiker oder Journalisten nach einer seiner Provokationen empört nach Worten rangen und verlegen hin und her rutschten, strahlte Pim Fortuyn, lehnte sich zufrieden in seinem Sessel zurück und gab brillant den Weltmann. Seine Hände waren das, was bei einem seiner letzten Interviews in Rotterdam am nachhaltigsten in Erinnerung blieb. Es waren kräftige, gepflegte Finger, die zu weiten Gesten neigten, so, als wollten sie auf dem Schreibtisch Europas Grenzen skizzieren. Mögliche Verbündete wurden sogar mit einer Umarmung in der Luft bedacht. Jeden Satz, jede These unterstrich Fortuyn durch Körpersprache – wie so vieles bei ihm auch das sorgfältig einstudiert und gründlich geprobt.

Im Sommer 2001 vollzog Fortuyn den Schritt in die aktive Politik und wurde Spitzenkandidat der neu gegründeten Protestpartei „Leefbaar Nederland“ (dt. lebenswerte Niederlande). Nach einem kontroversen Zeitungsinterview, in dem er im Februar 2002 das Diskriminierungsverbot in der niederländischen Verfassung angegriffen und ein Ende der moslemischen Zuwanderung gefordert hatte, musste er sich von „Leefbaar Nederland“ trennen und erklärte, bei den Parlamentswahlen im Mai 2002 nun mit einer eigenen Partei, der „Lijst Pim Fortuyn“ (LPF), anzutreten.

Trotz all dieser Posen aber konnte man sich Fortuyn als Volkstribun kaum vorstellen. Um Eleganz und vornehme Lässigkeit bemüht, war er nicht der Typ Politiker, der Kinder herzt und Witwen drückt. Sein kahler Schädel, seine blauen, wässrigen Augen wirkten wenig vertrauenerweckend – genauso wenig wie seine hohe, fast fistelige, zum Überschlagen neigende Stimme. Fortuyn selbst sah sich als Intellektuellen. Am liebsten ließ er sich in seinem Kaminzimmer vor der Bücherwand filmen. Seinen letzten großen Auftritt für die internationale Presse zelebrierte er in den Räumen eines Buchverlages – wieder in mehrfacher Hinsicht bis ins Detail inszeniert; so als wollte er sagen: Seht her, da kommt der Mann des Buches. Der Ort sollte außerdem vermitteln, dass Pim Fortuyn kein Geld für große Wahlkampfauftritte ausgeben kann, ein durchlaufendes, viele Wähler überzeugendes Thema seiner Wahlkampagne war „David“ Pim Fortuyn gegen den „Goliath“ Establishment. Zudem verlieh die bewusst improvisierte Atmosphäre der Pressekonferenz Fortuyns Auftritt zusätzliche Exklusivität. Kamerateams aus der ganzen Welt drängelten sich um einen sichtlich begeisterten Politiker.

Erst als Rechtspopulist war ihm vergönnt, wonach er seit Jahren strebte: Einen viel beachteten Auftritt auf der politischen Bühne der Niederlande. Fortuyn, der Publizist, Professor und Kolumnist hatte einen weiten Weg durch die politischen Lager hinter sich, bis er das erreichte, was durch den Mord zerstört wurde. Von seinen Anfängen als Marxist über die gescheiterte Zeit bei den Sozialdemokraten bis zu den Jahren in der kleinen Protestbewegung Leefbaar Nederland – ein-, geschweige denn unterordnen konnte er sich nie: In einem seiner letzten Interviews kündigte er an, einer künftigen Regierung nur als Ministerpräsident angehören zu wollen. Ein Kabinettsposten als Juniorpartner gar, schloss Fortuyn aus: „Es kann nicht zwei Kapitäne auf einem Schiff geben.“ Mit seiner neu gegründeten Partei LPF erzielte Fortuyn rasch hohe Zustimmungswerte in den Umfragen. Er fasste wie kein anderer diffuse Ängste in der Bevölkerung vor dem Verlust der nationalen Identität und vor Überfremdung in Worte und griff die weit verbreitete Kritik an der Erstarrung des politischen Lebens in Den Haag wirkungsvoll auf. Seine politischen Gegner kritisierten dagegen seine Positionen als populistisch.

Trotz der politischen und gesellschaftlichen Widerstände war das Amt des Ministerpräsidenten für Fortuyn in greifbare Nähe gerückt, als er am 6. Mai 2002 nach einem Radiointerview in Hilversum von dem radikalen Tierschützer Volkert de Graaf vor dem Gebäude erschossen wurde. Der erste politische Mord in den Niederlanden seit über 400 Jahren schockierte die Öffentlichkeit und führte zu massenhaften Solidaritätsbekundungen. Seine Wahl zum „größten Niederländer aller Zeiten“ durch eine telefonische Abstimmung im Fernsehen im November 2004 war ein Ausdruck dieser Stimmung und der Rolle Fortuyns als Provokateur des Establishments. Fortuyns Themen und sein Stil haben die politische Kultur der Niederlande nachhaltig verändert, auch wenn die LPF selbst sich ohne ihren Spitzenkandidaten nicht dauerhaft als starke Kraft im Parteiensystem etablieren konnte und sie sich Anfang 2008 letztlich auch auflöste.

Der Grund für das Scheitern seiner früheren Karrieren liegt wohl in seiner Unfähigkeit, sich unterzuordnen: An der Universität kam er als Professor für Soziologie nicht zurecht. Ähnlich war es als Politiker im behäbigen Apparat der sozialdemokratischen PvdA. Selbst in der kleinen Leefbar Nederland regte sich bald Widerstand gegen seinen Alleinvertretungsanspruch. Erst mit extrem provozierenden Positionen fand er eine – in den Niederlanden bis dahin nicht besetzte – Nische, die ihm parteipolitisch nahezu alles ermöglichte. Seine neue, eigens auf ihn zugeschnittene Partei, trug – als Lijst Pim Fortuyn – seinen Namen. Mehr noch: Fortuyn nutzte sie als reinen, ihm bedingungslos ergebenen Wahlverein, in dem Rivalen keinen Platz hatten.

Öffentliche Auftritte innerparteilicher Konkurrenten hätte Fortuyn auch gar nicht zugelassen. Zu gierig suchte er das Licht der Kameras. In einem Land, das großen Wert auf Diskretion legt, breitete er genüsslich sein Privatleben aus. Immer wieder erzählte Fortuyn von seiner Homosexualität, offenbarte Besuche in einschlägigen Etablissements und stellte offen, seinen Wohlstand zur Schau – auch das eine gezielte Abgrenzung zu den häufig eher hemdsärmeligen, niederländischen Politikern. Nur einmal zerbrach in den vergangenen Monaten die wohlgebaute Fassade: Bei der Vorstellung seines Buches beschmissen ihn aufgebrachte Gegner mit Kot. Diese Attacke trafen den eitlen Mann tief, ja, ließen ihn unkontrolliert werden, allerdings nur für kurze Zeit. Schnell fasste sich Fortuyn, um dann wieder in die Pose des einfachen, kleinen Bürgers zu fallen, der sich im Kampf gegen den in Sicherheitsfragen untätigen Moloch, gegen die Regierung, vertreten durch Ministerpräsident Wim Kok, zur Wehr setzen muss. Der unappetitliche Angriff linksgerichteter Aktivisten steht aber nicht nur für die tiefen Risse, die Fortuyn in den Niederlanden verursachte. Sie verweisen auch auf die Sorglosigkeit der Holländer in Sicherheitsfragen. Bereits damals konnten gewaltbereite Gegner ungehindert den Raum betreten, in aller Ruhe drei Torten in Richtung Fortuyn werfen und anschließend unbehelligt den Raum verlassen. Konsequenzen hatte das nicht. Diese niederländische Nachlässigkeit wurde Fortuyn nur wenige Tage später auf dem Parkplatz eines Radiosenders in Hilversum zum Verhängnis.

Autoren: Jan Kanter und Christoph Strupp
Erstellt: Mai 2004
Aktualisiert: Februar 2010


Links

Wichtige politische Links finden Sie unter Institutionen

Weitere Informationen befinden sich im Dossier Das Phantom Fortuyn

Weitere Informationen in unserem Dossier Migration und Integration

Website über die Person Pim Fortuyn PimFortuyn.com

Stiftung zum Thema Erneuerung von Gesellschaft, Politik und Verwaltung Pim Fortuyn Foundation

Informationen zur Lijst Pim Fortuyn (LPF) Parteien A-Z

Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers „Das Phantom Fortuyn“ finden Sie unter Bibliographie

Chorus, Jutta/Galan, Menno de: In de ban van Fortuyn. Reconstructie van een politieke aardschok, Amsterdam 2006.

Eckardt, Frank: Pim Fortuyn und die Niederlande. Populismus als Reaktion auf die Globalisierung, Marburg 2003.

Leiprecht, Rudolf: Pim Fortuyn und die Medien. Transnationale Übertragungen als Herausforderung für pädagogische Handlungsfelder. In: Vogel, Dita (Hrsg.): Einwanderungsland Niederlande – Politik und Kultur. Frankfurt/London, 2003, S. 203-228.

Wansink, Hans: De erfenis van Fortuyn. De Nederlandse democratie na de opstand van de kiezers, Amsterdam 2004.


Impressum | Datenschutzhinweis | © 2018 NiederlandeNet
NiederlandeNet
Alter Steinweg 6/7
· 48143 Münster
Tel: +49 251 83-28516 · Fax: +49 251 83-28520
E-Mail: