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Mohammed Bouyeri

*Amsterdam, 8. März 1978 - Attentäter

Rund einen Monat nach dem Mord an Theo van Gogh wissen Ermittler noch immer so wenig über seinen Mörder, dass sich zu einem ungewöhnlichen, in der niederländischen Geschichte beinahe einmaligen Schritt entschließen. In einem Äquivalent zum deutschen Aktenzeichen XY wird das Foto Mohammed Bs gezeigt - unverhüllt. Dabei ist der 26-Jährige noch nicht rechtskräftig verurteilt, hat also als mutmaßlicher Mörder zu gelten und ist entsprechend zu schützen.

An der Täterschaft bestehen jedoch wenig Zweifel. „Mohammed B. hat einen Brief bei seinem Opfer hinterlassen und bei seiner Festnahme fröhlich auf die Beamten geschossen“, heißt es aus Polizeikreisen. Auch wenn an der Täterschaft wenig Zweifel bestehen bleiben Erkenntnisse über mögliche Mittäter, über die Motive im Nebel der Vermutungen. Deshalb die ungewöhnliche Idee mit dem Foto.

Aufmerksam, höflich, engagiert

Eigentlich hätte Mohammed B., Sohn in aus Marokko eingewanderter Gastarbeiter, nicht gerade als Musterbeispiel aber doch als ordentliches Exemplar der gelungenen Integration in die niederländische Gesellschaft gelten können. Für einen Niederländer marokkanischer Herkunft hat er eine ungewöhnlich gute Schulbildung, besuchte sogar für einige Monate eine Hochschule. Nach einer, so ist man versucht zu sagen „herkunftstypischen Jugend“ aus Gewalt, Kleinkriminalität und daraus resultierenden Einträgen in die Akten der Polizei, schien er die Kurve bekommen zu haben. Als junger Erwachsener schien er sich vorbildlich zu entwickeln. Er arbeitete in einem Gemeindezentrum mit, organisierte ehrenamtlich Fußballspiele und Lesungen für die Jugendlichen in seiner Nachbarschaft. Bekannte, die nach dem Mord bereit waren, über Mohammed B. zu reden – viele waren das nicht – zeichnen das Bild eines aufmerksamen, höflichen und engagierten jungen Menschen. Offenbar versuchte er sogar positiv auf die Jüngeren einzuwirken, Teenagern, die auf der Straße herum lungerten, empfahl er, sich nicht zusammen zu rotten, dass gäbe nur Ärger. Sein kurzer Rat an die Jüngeren. „Macht eure Schule zu Ende. Sucht euch einen Job.“

Moslem strenggläubiger Ausprägung

Was trieb diesen integriert scheinenden Menschen zu Fanatismus und brutalem Mord? Zunächst spielt die Religion eine Rolle. Mohammed B. war immer Moslem strenggläubiger Ausprägung. Dann scheint ihn der Tod seiner Mutter vor einigen Jahren aus der Bahn geworfen zu haben. Nach ihrem Tod wechselt er zu einer anderen Moschee in Amsterdam-West, eine die für besonders fundamentalistische Ansichten bekannt ist. Unmittelbar danach löste er sich von seiner Familie, suchte sich eine eigene Wohnung. und drohte eine seine Schwestern, die sich auf eine voreheliche Beziehung eingelassen hatte, umzubringen.

In dieser Zeit, beginnend vor zwei Jahren, ging Mohammed B. zunehmend den fundamentalistischen Hasspredigern, die weitgehend unbehelligt durch die Niederlande reisen, auf den Leim: Sein Geltungsdrang, erkennbar als Anführer der Jüngeren und als „Redakteur“ einer Nachbarschaftszeitung der über den Verlust von „Normen und Werten“ (übrigens der Slogan mit dem Premier Balkenende 2002 Wahlkampf betrieb), wandelten sich durch den Katalysator des fundamentalistischen Islam in einen Wahn, in dem er sich als Rächer seiner Religion sah. Dieser Wahn, der eine Erklärung, aber keine Entschuldigung sein kann, trieb ihn am Ende zum Mord. Die rituelle Hinrichtung van Goghs war, dass müssen sich die Niederländer klar machen, keine Tat eines verrückten, sondern bewusster Akt, eines Mannes, der auf eine verhängnisvolle Bahn gestoßen wurde, auf ihr aber von anderen begleitet voranschritt.

Autor: Jan Kanter
Erstellt: Dezember 2004


Links

Wichtige politische Links finden Sie unter Institutionen

Weitere Informationen befinden sich im Dossier Die Akte Theo van Gogh

Weitere Informationen befinden sich im Dossier Terrorismus und Terrorismusbekämpfung

Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers „Die Akte Theo van Gogh“ finden Sie unter Bibliographie

Buruma, Ian: Die Grenzen der Toleranz. Der Mord an Theo van Gogh, München 2007.

Mak, Geert: Der Mord an Theo van Gogh: Geschichte einer moralischen Panik, Frankfurt a.M. 2005.

Scharathow, Wiebke: Diskurs – Macht – Fremdheit. Gesellschaftliche Polarisierungstendenzen und die mediale Konstruktion von „Fremdheit“. Die niederländische Debatte nach dem Mord an Theo van Gogh, Oldenburg 2007.


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