I. Einführung

Terror? Das ist etwas, das woanders und vor allem anderen passiert. Bis zum November 2004 hätte vermutlich kein Niederländer geglaubt, dass in seinem Land Gefahr durch die Gewaltmittel der Terroristen droht. Anschläge, Morde, Entführungen, Drohungen konnte man sich für die arabische Welt vorstellen, für die USA vielleicht, einige hätten selbst nach den Anschlägen von Madrid vielleicht noch auf London als erstes Ziel fundamentalistischer islamischer Terroristen im Herzen Mitteleuropas getippt. Sie haben sich geirrt.

Dabei waren die Niederlande vorgewarnt: Sie hatten vor diesem November bereits einen politischen Mord erlebt. Aber der Mann, der im Wahlkampf des Jahres 2002 den Rechtspopulisten Pim Fortuyn erschossen hatte, war nur ein radikaler Tierschützer, ein Verrückter – wie das Gericht zur allgemeinen Erleichterung feststellte. Kein Grund also, sich weiter Gedanken über mögliche Bedrohungen zu machen.

Dann kam jener 2. November 2004, als Mohammed Bouyeri den niederländischen Regisseur auf offener Straße regelrecht abschlachtete. Gerade weil der Täter unmittelbar nach dem Mord gefasst wurde, war das Entsetzen besonders groß. Bouyeri trug das traditionelle Totenhemd der Selbstmordattentäter, hatte den Abschiedsbrief des Märtyrers bei sich und an der Leiche van Goghs einen in arabischer Schrift verfassten Drohbrief an die Niederländische Abgeordnete Ayaan Hirsi Ali hinterlassen.

Im Folgenden wurde ein ganzes Netzwerk, die Hofstadgruppe in zum Teil spektakulären Fahndungserfolgen aufgedeckt – und die Niederländer haben die traurige Gewissheit. Der Terror ist bei ihnen angekommen. Die Niederländer müssen neben dieser Gewissheit vor allem die Erkenntnis verdauen, dass der Terror bei ihnen von Innen kommt. Mohammed B. ist Niederländer, zwar marokkanischer Herkunft, aber geboren und aufgewachsen in Amsterdam. Ähnliches gilt für viele Mitglieder der Hofstadgruppe. Seit November vergangenen Jahres debattieren alle Niederländer intensiv über Integration und Parallelgesellschaften. Themen, die Pim Fortuyn und Theo van Gogh aufgebracht und zur Debatte gestellt hatten, ohne jedoch dafür in einer politisch überkorrekten Gesellschaft Beliebtheitspreise einzuheimsen.

Der größte Teil des niederländischen Antiterrorkampfes drückt sich daher in den Bemühungen aus, die bisherige Integrationspolitik zu überdenken, um die Parallelgesellschaften aufzubrechen. Stärkere Personenkontrollen in Amsterdam Schiphol machen keinen Sinn, wenn die potentiellen Terroristen in Amsterdam West oder Rotterdam Charleroi zur Schule gehen. Immerhin könnten die Imame, die die Regierung bislang unkontrolliert ins Land ließ, bei der Einreise auffallen und abgewiesen werden. Es hat eine Debatte in den Niederlanden begonnen, die sich verkürzt mit dem Spannungsfeld aus Freiheit und Sicherheit zusammenfassen lässt.

Autor: Jan Kanter
Erstellt: August 2005