II. Die Bedrohungslage

Mehr als 150 Terroristen sollen sich derzeit in den Niederlanden aufhalten: Das schätzt das Justizministerium, basierend auf Informationen der Sicherheitsdienste: Die Bedrohungslage ist demnach relativ eindeutig: Es sind fundamentalistische, gewaltbereite Moslems, die ihren „heiligen Krieg“ auch in die Niederlande tragen wollen. Prominentester Vertreter dieser Terrorgarde, die sich aus einem fundamentalistischen Kern von schätzungsweise bis zu 50000 (mit dieser Zahl arbeitet der Innenminister) extremistischen Moslems rekrutieren soll, ist Mohammed Bouyeri, der Mörder Theo van Goghs. Um den neuen Terrorismus zu verstehen, hilft es, sich den unfreiwillig überlebenden Selbstmordattentäter genauer anzusehen. Um das Bild abzurunden, lohnt auch ein Blick auf die Angehörigen der Hofstadgruppe, deren Mitglieder – so hofft man – seit dem Mord vollständig erkannt sind beziehungsweise in Haft sitzen.

Mohammed Bouyeri

Er selber bietet eine einfache Erklärung an. „Ich sage euch, ihr werdet mich nie begreifen.“ Mit diesem Satz beendete Mohammed Bouyeri, der im vergangenen Jahr in Amsterdam den Regisseur Theo van Gogh ermordet hatte, sein Schlussplädoyer.

Ein Schuldspruch galt zu diesem Zeitpunkt bereits als sicher, hat der Täter doch gestanden und – so wenig der 27-jährige Niederländer marokkanischer Herkunft während des Prozesses von sich gab – bereits ankündigt, „genau das selbe“ wieder tun zu wollen.

Mohammed B. ist zumindest für die Niederlande ein bislang einzigartiger Fall, weil er alle gängigen Klischees sprengt. Der Sohn marokkanischer Einwanderer erfüllt eigentlich alle Bedingungen mustergültiger Integration: Er schloss die Schule erfolgreich ab und besuchte für kurze Zeit sogar die Universität. Das aber deutet gerade bei jungen Männern marokkanischer Herkunft, die als besonders benachteiligt (so die höfliche niederländische Umschreibung massiver Probleme) gelten, auf außerordentlich hohe Intelligenz und Willenskraft hin.

Über das durch Zeugnisse und andere Dokumente belegte Leben hinaus, blieb Mohammed B. unauffällig, im Nachhinein unerträglich unscheinbar. Die vagen Erinnerungen derer, die ihm begegneten und Willens waren, über ihn zu sprechen, deuten ebenfalls eher auf gelungene Integration hin: Ein Nachbar beschreibt ihn als höflich und hilfsbereit. Im Viertel blieb er in Erinnerung, weil er die jüngeren Straßenkinder dazu anhielt, nicht herumzulungern und „Ärger zu machen“, sondern zur Schule zu gehen und sich anschließend einen Job zu besorgen.

Insgesamt blieb die Integration unvollständig. Dem jungen Erwachsenen fehlte die Bindung zur modernen niederländischen Gesellschaft, die in ihrer Toleranz oft allzu nachgiebig, gar schwach wirkte. Auf der Suche nach Orientierungspunkten, einem fixen Wertesystem, wandte Mohammed B. sich an die fundamentalistischste aller Amsterdamer Moscheen. Dort fand er Hilfe bei Predigern, die die orthodoxeste Auslegung des Korans verbreiteten. Dort fand er aber vermutlich auch den „Freundeskreis“ mit dem er – auch wenn es den niederländischen Ermittlern noch nicht gelang, das zweifelsfrei zu beweisen – die Hofstadgruppe, eine terroristische Zelle gründete.

In einem ersten Versuch der Erklärung hatten sich die Niederlande auf das zeitliche Zusammentreffen des Krebstodes der Mutter und der Radikalisierung Mohammed Bouyeris gestützt. Diese Erklärung, dass Mohammed B. ein labiler Mensch sei, der in der Krise Unterstützung gesucht und die Verführung gefunden habe, jedoch greift zu kurz: Das hat spätestens der Prozess gezeigt. Monatelang hatten Psychologen und Gutachter des renommierten Amsterdamer Pieter-Baan-Institutes versucht, an den 27-jährigen heranzukommen. Vergebens. Lediglich mit einigen provozierenden Bemerkungen über seine Religion habe man überhaupt eine Reaktion Mohammed Bouyeris erzielen können, so einer der Gutachter frustriert vor Gericht. Verwertbares sei dabei aber auch nicht herausgekommen. Ein – wenn auch beunruhigendes – Zeichen mentaler Stärke. Diese „Stärke“ zeigte auch der Prozess selber, in dem Mohammed B. es ablehnte, sich verteidigen zu lassen. Sein Auftritt dort war kühl und überlegt. Der Mutter van Goghs beschied er, dass er ihren Schmerz nicht nachvollziehen könne, weil er nie ein Kind geboren habe, eine Formulierung, die man von jemandem erwarten würde, der des Mitgefühls fähig wäre. Zudem verteidigte Mohammed B., der selber Beistand verweigerte, seinen Anwalt vor Kritik: Dieser habe nichts machen können, weil er, Mohammed B., den Ungläubigen ablehnen müsse. Dennoch habe der Anwalt im Rahmen seiner Möglichkeiten und seinem Gewissen folgend alles versucht.

Auch diese Ausführung, eher ein Zeichen der Ratio als des verblendeten religiösen Wahns. Erschreckend vernünftig fiel auch seine Begründung für sein Verhalten während des Prozesses aus. Da er die Niederlande, deren geistige Koordinaten und damit auch deren Rechtssystem ablehne, könne er auch die „Fluchtmöglichkeiten“ nicht nutzen, also sich nicht verteidigen oder auf Verfahrensfehler hoffen, um eine geringere Strafe zu erlangen.

Hass als Motiv wies Bouyeri zurück: Er habe lediglich, so der 27-Jährige kühl vor Gericht, seinen Überzeugungen folgend gehandelt. Er würde, wenn sein eigener Vater sich ähnlich wie van Gogh geäußert hätte, auch diesen umbringen.

Mohammed B. ist ein Produkt zweier Welten. Westliche Rationalität, westliche Bildung haben sich mit dem archaischen Menschenbild einer fundamentalistischen Auslegung des Korans verbunden. Das Resultat ist ein kalten Herzens mordender Terrorist mit der Seele eines lebensverachtenden Märtyrers. Das mag seltsam erscheinen und selten sein: Einzigartig ist der 27-Jährige, den das Gericht zu einer tatsächlich lebenslangen Haft verurteilte, angesichts rapide wachsender moslemischer Bevölkerungsanteile in den Niederlanden (und Europa) jedoch nicht. Gerade deshalb ist es wichtig, Mohammed Bouyeri seine Biographie und seine Beweggründe zu verstehen.

Die Hofstadgruppe

Nach dem Mord an dem niederländischen Regisseur Theo van Gogh hatte die niederländische Polizei ihre Zurückhaltung aufgegeben. Bei der Durchsuchung des Hauses von Mohammed Bouyeri, dem Mörder Theo van Goghs, kam Material zutage, das wenige Tage später zu einer Großfahndung und einem stundenlangen Belagerungszustand in Den Haag führte. Am Ende kristallisierten sich Strukturen einer terroristischen Vereinigung, der nach einem Haager Stadtteil benannten Hofstadgruppe, heraus. In den folgenden Monaten gelangen den Fahndern immer neue, wenn auch spektakuläre Fahndungserfolge. Mehr als 20 extremistische Moslems gelten mittlerweile als zum Netzwerk der Gruppe zugehörig.

Noch sitzen die meisten Mitglieder der Gruppe in Haft. Ein Prozess, den die Staatsanwaltschaft vorbereitet, wird dennoch schwierig, da abgesehen von der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung nicht viel Verwertbares vorliegt. Die Ermittler fanden Pläne, Skizzen über Vorhaben, ein weibliches Mitglied versuchte offenbar, die privaten Adressen von Politikern ausfindig zu machen. Gerichtsverwertbar ist das alles nicht zwingend. Die Verurteilung Mohammed Bouyeris, immerhin, hat die Staatsanwälte weiter gebracht. Die Richter wiesen in ihrer Urteilsbegründung ausdrücklich daraufhin, dass hinter Bouyeri ein terroristisches Netzwerk stehe, er selber Teil dieses Netzwerkes sei – auch wenn das nicht zweifelsfrei bewiesen werden konnte. Derart gestärkt erhoben die Behörden noch in derselben Woche im Juli 2005 Anklage gegen Mohammed Bouyeri wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. Über diesen Weg, den Mord an Theo van Gogh, könnten dann auch die anderen Angehörigen der Hofstadgruppe belangt werden.

Die Mitglieder der Hofstadgruppe

Anführer der Gruppe war Redouan Al I. alias Scheik Abu Khalid. Der 43-jährige Syrer gilt als Spiritus Rektor der Gruppe. Der mit Abstand Älteste dürfte die Jungen indoktriniert haben. Er ist auf der Flucht, wird mit anderen terroristischen Vereinigungen, so der ägyptischen Takfir-Wal-Hijra-Gruppe in Zusammenhang gebracht und hat enge Verbindungen nach Deutschland.

Samir A. (18). Trotz seiner Jugend eine der Schlüsselfiguren der Gruppe. Er wurde bereits einmal wegen Vorbereitung eines Anschlages festgenommen, musste aber aus Mangel an Beweisen wieder freigelassen werden. Als Ziele galten der Flughafen Schiphol, das Parlament oder der Kernreaktor Borssele. Das erste Mal wurde er auffällig, als er versuchte von Eindhoven nach Tschetschenien zu reisen, um sich dort dem Kampf der Terroristen anzuschließen. Kontakt mit der Polizei hatte er auch wegen eines Überfalls auf einen Supermarkt in Rotterdam.

Jason W. Der 19-Jährige Niederländer mit amerikanischem Vater konvertierte zum Islam, radikalisierte sich und verbrachte offenbar zwei Mal längere Zeit in einem Dschihad-Ausbildungslager in Pakistan. Jason W. wurde bei der Aktion in Den Haag festgenommen, an deren Beginn die dort Festgenommenen die Polizei mit Handgranaten beworfen hatten.

Ismael W. (21), Niederländer marokkanischer Herkunft, wurde gemeinsam mit Jason W. in der Den Haager Wohnung verhaftet. Ein weitgehend unbeschriebenes Blatt, soll aber ebenfalls in Pakistan in einem Terrorcamp ausgebildet worden sein.

Mohammed Fahmi B. ist ebenfalls marokkanischer Niederländer. Der 22-Jährige wurde ebenfalls zumindest einmal im terroristischen Zusammenhang verhaftet. In seiner Wohnung wurden Gegenstände gefunden, die offenbar geeignet waren, eine Bombe zusammenzubasteln.

Nouredine el F. ist ein illegaler Einwanderer aus Nordafrika. Über ihn ist ebenfalls wenig bekannt. Allerdings fand die Polizei offenbar ein von ihm unterschriebenes Testament, in dem er ankündigte, als Märtyrer sterben zu wollen. Außerdem ist eine Festnahme registriert. Demnach wurde ihm unterstellt, während der Fußball-EM in Portugal einen Anschlag verüben zu wollen.

Jermaine W. ist der Bruder von Jason W. Die Polizei griff den 18-jährigen Niederländer mit amerikanischem Vater bereits im Oktober 2004 auf. Dabei fanden die Beamten einen Brief des Inhalts, dass die Abgeordnete Ayaan Hirsi Ali ermordet werden müsse.

Rachid B. Der 32-Jähhrige ging den britischen Behörden am 22. Juni 2005 in London ins Netz. Die Briten werfen dem Niederländer aus Zieriksee vor, sich um falsche Papiere und Feuerwaffen bemüht zu haben. Außerdem soll er versucht haben, Nachwuchsterroristen anzuheuern.

Außerdem Youssef E., Ahmed H., Zine L., Mohammed el M., Nadir A., Zakaria T. und Mohammed el B. Über diese ist nicht viel bekannt, außer, daß sie mehr oder weniger intensiven Kontakt mit Mohammed Bouyeri oder einem der obengenannten Hofstad-Verdächtigen hatten. Dazu kommen noch mehrere namenlose Verdächtige, unter anderem zwei Frauen, die der Gruppe zugerechnet werden.

Autor: Jan Kanter
Erstellt: August 2005