VII. Die Führung Mark Ruttes

Die relative Stabilität des Kabinetts war jedoch nicht allein der starken Uneinigkeit der linken Parteien zu verdanken, sondern sicherlich auch den persönlichen Qualitäten Mark Ruttes. Mit seiner liebenswürdigen und optimistischen Ausstrahlung, die manchen an Ronald Reagan erinnerte, wusste der VVD-Ministerpräsident schwierige Maßnahmen gut zu verkaufen und Probleme zu relativieren. Ob er nun mit Barack Obama, Geert Wilders, einem kritischen Journalisten oder einem wütenden Demonstranten sprach – stets erweckte Rutte denselben entspannten Eindruck eines Mannes, der alles unter Kontrolle hat.

Durch seine sozialen Fähigkeiten gelang es ihm, sowohl mit den linken Oppositionsparteien als auch mit Geert Wilders ein gutes Verhältnis zu pflegen. Mit ihm hatte Rutte übrigens eine gemeinsame Vergangenheit, die bis in die Zeiten zurückging, als beide um 2002 in der VVD-Fraktion saßen. Vom CDA, der intern immer noch tief gespalten war und in den Umfragen dramatische Werte erzielte, hatte Rutte auch wenig zu fürchten. Der VVD-Chef war in verschiedenen Umfragen offensichtlich sogar etwas beliebter bei den CDA-Wählern als dessen eigener Vorsitzender Maxime Verhagen. Die negativen Aspekte der Kabinettspolitik schienen vor allem anderen Ministern und Politikern angekreidet zu werden, wie dem scharf kritisierten Minister für Einwanderung Gerd Leers und dem Staatssekretär für Kultur Halbe Zijlstra. Der „Teflon-Premier“ wurde Mark Rutte gelegentlich genannt, weil – wie bei Teflon-Pfannen – nichts an ihm hängen zu bleiben schien.[1]

Trotzdem sorgte das Auftreten Ruttes in zunehmendem Maße auch für Irritationen. Seine Fröhlichkeit stand manchmal recht stark im Kontrast zu den oft sehr harten Maßnahmen, die ergriffen wurden. Durch seinen nachlässigen Umgang mit Zahlenangaben zu den Finanzen (waren es nun 109 oder 159 Milliarden Euro?) weckte er manchen Beobachtern zufolge den Eindruck, den Ernst der Lage nicht richtig zu erkennen. Seine Stärke konnte – kurz gesagt – auch seine Schwäche werden. Mit einem für niederländische Maßstäbe überaus drastischen Werbespot versuchte der Gewerkschaftsbund FNV Rutte an seiner schwachen Stelle zu treffen. Der Gewerkschaftsbund schnitt einen schallend lachenden Rutte hinter Interviews mit Arbeitnehmern, die in Folge von Einsparungen ihren Arbeitsplatz verloren hatten.[2] Der Spot stellte in gewisser Weise die Ankündigung einer neuen Phase für das Kabinett dar. Im Jahr 2011 konnte Rutte mit seinem Navigationsgeschick und seiner Ausstrahlung das Kabinett noch über Wasser halten; 2012 erwies sich der Gegenwind jedoch als zu stark. Am 23. April 2012 musste Rutte der Königin den Rücktritt seines Kabinetts anbieten.


[1] Über Mark Rutte sind noch keine ausführlichen Biografien erschienen, aber einige journalistische Portraits: so unter anderem von Kooij, Martijn van der/Harten, Dirk van: Mark Rutte. Alleen voor de politiek, Houten 2010; Niemantsverdriet, Thijs/Versteegh, Kees: Gehavend leider met groeipotentieel, in: NRC Handelsblad vom 28. April 2012.
[2] Der Spot kann online angeschaut werden.

Autor: Koen Vossen
Übersetzung: Susan Fittkau
Erstellt: September 2012