VI. Was bleibt von den Erben Fortuyns

Mit den Erben Fortuyns ist das so eine Sache. Die meisten sind selbsternannt und meinen damit eine gewisse geistige Verwandtschaft. Genau festzustellen ist sie häufig nur vage, weil die entsprechenden Kandidaten sich besonders kritisch über "Ausländer" beziehungsweise Immigranten äußern. Manchmal liegt die Ähnlichkeit aber auch nur in der Auffälligkeit des Auftretens. Die Raffinesse, die Fortuyn bisweilen an den Tag legte, fehlt ihnen jedoch.

Die direkten politischen Erben, die Leefbaren, denen er bei den Kommunalwahlen zu Triumphen verhalf und die Liste Pim Fortuyn, die zwar bei den Kommunalwahlen 2002 noch nicht existierte aber bei Parlamentswahlen erfolgreich war, spielen seit dieser Wahl in den Gemeinden kaum noch eine Rolle auf der politischen Landkarte. Lediglich Leefbaar Rotterdam stellt in einem Stadtparlament noch eine größere Fraktion von Bedeutung.

Die Seiteneinsteiger in die Politik verschwanden aus zwei Gründen aus dem politischen Fokus. Die Bürger merkten sehr schnell, dass sie in einer Welle der Empörung ihre Stimmen Menschen gegeben hatten, die zwar der Empörung lautstark Luft machten, letztlich aber nicht in der Lage waren, in der politischen Alltagsarbeit etwas zu bewegen, weil schon die Haushalte von Kommunen komplexe Druckwerke sind, die neben ausdauernder Konzentration auch ein Minimum an intellektueller Durchdringung erfordern, die nicht jedem Freizeitpolitiker gegeben ist. Zudem fielen die Fraktionen in den Stadtparlamenten wie das große Vorbild der LPF in Den Haag eher durch innerparteilichen Zwist und Führungsstreit auf, was ebenfalls nicht gut beim Wähler ankam.

Auch von außen wurden die Erben Fortuyns "bedroht". Die etablierten Parteien von halblinks (PvdA) bis ins Zentrum und halbrechts (CDA und VVD) diskutierten die Ideen Fortuyns und erdrückten bei aller Distanz die Rechten in einer Art politischen Umarmung. Der verunsicherte Niederländer fand seine Ängste vor einer unkontrolliert multikulturellen Gesellschaft in den vergangnen Jahren zunehmend bei den Etablierten aufgefangen.

Letztlich sind derzeit zwei "Erben" übrig geblieben. Bei ihnen handelt es sich im Grunde um zwei Einzelkämpfer, was deshalb passt, weil auch Pim Fortuyn sich nie in fest gefügten politischen Strukturen wohl fühlte und seinen Alleingang auch deshalb wagte, weil er sich bei der PvdA nicht nach seinem eigenen Willen frei entfalten konnte.

Geert Wilders ist ebenfalls von seiner Partei, der VVD, im Unfrieden geschieden. Er ist zwar nicht bei der Kommunalwahl angetreten, fühlt sich aber durch die parallel zur Abstimmung durchgeführten Stimmungsumfragen durch die Meinungsforscher bestätigt. Ob er allerdings bei der Parlamentswahl tatsächlich nennenswert Stimmen gewinnen kann, darf als fraglich gelten, da sein Programm abgesehen von einer strikten Anti-Moslemhaltung und dem Ende der Geschwindigkeitsbeschränkung auf niederländischen Autobahnen ehre konturenarm scheint.

Bleibt Marco Pastors, ehemaliger Wethouder in Rotterdam für Leefbaar, der vor etwa einem halben Jahr seinen Job verlor, weil er gegen ein Interviewverbot verstieß, das ihm nach moslemkritischen Bemerkungen auferlegt worden war. Pastors kann sich immerhin rühmen, tatsächlich ein Vertrauter Fortuyns gewesen zu sein, den er schon seit 1990 kannte. Damals soll der ermordete Rechtspopulist bereits gesagt haben. "Du bist etwas besonderes. Das erkenne ich, weil ich auch etwas besonderes bin." Beide eint zwar eine gewisse Lust an der Provokation (und ein ähnlicher Geschmack in Stilfragen), trennt aber eine unterschiedlich ausgeprägte narzisstische Ader. Pastors ist vergleichsweise eher der stille, gewissenhafte Arbeiter. Die volkstribunenhaften Auftritte kurz über Bierzeltniveau sind seine Sache nicht, wie er im Wahlkampf dem Magazin Elsevier eingestand. Diese Schwäche könnte zu seiner Stärke werden, wenn er glaubhaft machen kann, dass er als Politiker im eher rechten Themenfeld tatsächlich ernsthaft arbeiten kann. Das respektable Ergebnis in Rotterdam ist auch ihm zu verdanken und so hat er bereits angekündigt, bei der Parlamentswahl 2007 auch landesweit antreten zu wollen. Das Selbstbewusstsein für die große Politik hat er: "Wenn ich nach Den Haag gehe, dann mindestens als stellvertretender Regierungschef", sagte Pastors schon vor einiger Zeit und folgte auch damit seinem Vorbild Pim Fortuyn.

Autor: Jan Kanter
Erstellt:
März 2006