X. Deutscher in niederländischem Gemeinderat

Premiere in Vaals: Zum ersten Mal sitzt ein deutscher Staatsbürger in einem niederländischen Gemeinderat. Für viele Vaalser kommt das nicht überraschend, denn etwa ein Drittel der Bewohner des Grenzörtchens sind Deutsche.

Schon zuvor hatten in den Niederlanden Deutsche gelegentlich auf den Kandidatenlisten bei Kommunalwahlen gestanden, jedoch auf chancenlosen Plätzen. Oder sie waren auf dem Papier bereits Niederländer geworden. Der 46-jährige Georg Götz hat seinen deutschen Pass behalten, obwohl er seit dem Studium in den Niederlanden wohnt. Damals hatte er in Aachen kein Studentenzimmer gefunden – Vaals bot eine sprichwörtlich naheliegende Alternative. Die 10.000-Seelen-Gemeinde im Dreiländereck zwischen Aachen und Maastricht ist dem Mönchengladbacher zur Heimat geworden. So sehr, dass er nun in der Lokalpolitik debütiert. „Ich habe mich in den letzten Jahren an einigen Entscheidungen unserer Gemeinde gestört“, sagt Götz, „letztendlich gab eine geplante Umgehungsstraße durch ein Naturschutzgebiet den Ausschlag, aktiv zu werden.“

Der promovierte Chemiker trat für eine unabhängige Wählergruppe namens „Fraktie Burgerbelang“ an. Neben der umstrittenen Umgehungsstraße stand vor allem die Hilfe für sozial Schwache auf dem Wahlprogramm. Vaals hat eine der höchsten Armutsquoten der Niederlande. Bergbau und Textilindustrie sind als Arbeitgeber fast ersatzlos weggefallen. Fraktie Burgerbelang gewann zwei der 15 Ratssitze dazu und hat jetzt 4 Sitze. „Das war ein wunderschöner Erfolg“, freut sich Götz, „denn wir sind wegen unserer Inhalte gewählt worden, nicht weil ich Deutscher bin. Sonst hätte ich ja 3000 Stimmen haben müssen“, lacht er. Letztendlich haben 74 Stimmen für den Sprung in den Rat gereicht. Er sei nicht als Deutscher bei der deutschen Minderheit auf Stimmenfang gegangen, sagt er. „Wir haben das in der Fraktion diskutiert und dann bewusst darauf verzichtet, um eine Polarisierung der Bevölkerung zu vermeiden.“

Bei einem Thema kann er als Deutscher allerdings gut mitreden: die Grenzgängerproblematik. Etwa die Hälfte der arbeitenden Bevölkerung von Vaals fährt zum Arbeiten über die Grenze nach Deutschland oder Belgien, schätzt Götz. Es selbst hat es auch jahrelang getan: „Das bedeutet im Klartext Ärger mit zwei Finanzämtern, mit zwei Rentenversicherungen, mit zwei Krankenversicherungen und auch noch mit anderen Instanzen.“ Aus eigener Erfahrung weiß er, dass mit guter Informationspolitik viele Grenzgängerprobleme vermieden werden können. Hier will er sich stark machen. Grundsätzlich möchte er Politik für alle Vaalser Bürger machen, egal, ob Niederländer oder Deutsche. Doch wenn er ein wenig nachdenkt fällt ihm ein spezifisch deutsches Problem ein: „Es wäre auch schön, wenn wir unsere Aufenthaltsgenehmigung nicht mehr im 35 Kilometer entfernten Heerlen abholen müssten – wir können sie ja schließlich auch hier in Vaals beantragen, warum dann nicht auch abholen?“

Georg Götz spricht ruhig und bedacht, sein deutscher Akzent ist im Niederländischen nicht zu überhören. Doch das macht ihm keine Sorgen: „Was ein Rudi Carell kann, das kann ich auch!“, schmunzelt er. Bürgermeister Hans Lurvink sieht das genauso. In seiner Rede Mitte März 2006 zur Vereidigung des neuen Rates ist er dennoch darauf eingegangen. Denn neben dem Deutschen Götz sitzt auch noch eine Frau im Gemeinderat, die aus dem ehemaligen Jugoslawien stammt. „Die beiden könnten Hemmungen haben, Niederländisch zu sprechen. Also habe ich daran erinnert, dass wir sie nach ihren Ideen beurteilen wollen, nicht nach ihrem Akzent“, betont der Bürgermeister.

Georg Götz bezeichnet sich selbst als „sozial-liberal mit grünen Punkten“. Er pflegt weiterhin viele Kontakte nach Deutschland und beobachtet dort die politischen Diskussionen. Hier sieht er durchaus Möglichkeiten, auf diesem Wege neue Ideen im niederländischen Vaals einzubringen. Dass er ausgerechnet als Deutscher in den Niederlanden Lokalpolitik betreibt und den Mund aufmacht, sieht er entspannt. „Die Zeiten der antideutschen Vorurteile sind vorbei. Früher habe ich das ein paar Mal erlebt, meistens waren es ältere Leute mit negativen Erfahrungen aus dem Krieg. Da bestanden durchaus berechtigte Ressentiments gegen Deutsche“, erinnert er sich. Seine Reaktion: „Man versucht natürlich, ins Gespräch zu kommen und sie zu überzeugen, dass meine Generation nun wirklich nichts mehr mit dem Krieg zu tun hat.“

In der Vaalser Bevölkerung stutzt niemand anhand des „ausländischen“ Ratsherren. „Es wohnen so viele Deutsche hier, da ist es gut, dass einer von denen im Gemeinderat sitzt. Sie wohnen hier, bezahlen ihre Steuern hier, also ist das kein Problem“, findet Jacques Bekkers. „Wenn sie hier wohnen, sollen sie auch mitreden können“, pflichtet ihm die Vaalserin Anni Schäfer bei. „Ich finde das super. Dann weht mal ein anderer Wind, das sind doch andere Sachen, die er vorbringt!“. Auch Bürgermeister Lurvink hofft auf neue Ideen. „Herr Dr. Götz ist sehr fähig und das können wir nutzen. Wir haben das Potential viel zu wenig ausgeschöpft, denn wir haben sehr viele sehr gut ausgebildete Deutsche hier. Wir haben sie bisher viel zu wenig in die Gemeinschaft mit einbezogen. Dabei ist das doch das Ideal in einem Vereinigten Europa!“

Autorin: Anneke Wardenbach
Erstellt:
März 2006