VII. Neue Köpfe für Amsterdam

Die "Jagd auf den allochtonen Wähler hat begonnen". Mit dieser Schlagzeile thematisiert die Tageszeitung "de Volkskrant" eines der neuen Phänomene der Wahl: Erstmals sind offenbar massiv Bürger nichtniederländischer Herkunft zur Wahl gegangen. Insgesamt verbirgt sich den Meinungsforschern zufolge ein Potential von mehr als einer halben Millionen Menschen in dieser Gruppe. Bei einem 16-Millionen-Volk eine Stimmenzahl, die bei Wahlen durchaus ausschlaggebendes Gewicht besitzt.

Dieses Mal, so die Erkenntnisse, haben sich die neuen Wähler zu 80 Prozent, in Amsterdam sogar zu 85 Prozent, auf die Seite der Sozialdemokraten geschlagen. Nicht genau geklärt ist, inwiefern das Stimmverhalten mit der Integrationspolitik der Regierung in Den Haag zusammenhängt oder ob nicht eher eine sozial schwache Klientel sich gegen die Reformpläne der Sozialsysteme gestemmt hat.
Nicht nur 'Quotenallochtone'

Alle Parteien haben, so scheint es kurz nach der Wahl, diese Wählergruppe (jetzt wieder-) entdeckt und versuchen, sie programmatisch und personell einzufangen. Ob und wieweit sich die Inhalte der Parteiprogramme ändern werden, ist unmittelbar nach der Wahl noch nicht umfassend zu sagen. Aufschluss werden die Broschüren und Pamphlete im Vorfeld der Parlamentswahl im Mai 2007 geben.

Die Kommunalwahlen haben jedoch – auch jenseits der "Vorzeige"- Allochtonen Ayaan Hirsi Ali – bereits einige interessante Politiker in den Vordergrund gespült. Es sind keine Newcomer, aber Menschen, denen aufgrund ihrer Herkunft und ihrer Biographie in den verunsicherten Niederlanden eine besondere Bedeutung zukommt. Es sind Bürger nicht originär niederländischer Herkunft, die in der Politik mitmischen und eine wichtige Funktion der Vermittlung übernehmen. Die Beispiele zeigen, dass es sich dabei keineswegs um "Quotenallochtone" handelt.

Laetitia Griffith fällt im Amsterdamer Stadtparlament auf. Viele der Abgeordneten geben sich, zumal während normaler Sitzungen mit "Arbeitscharakter", eher volkstümlich leger. Die Beigeordnete jedoch ist eine durch und durch elegante Erscheinung. Sie ist, so könnte man – wenn es nicht so furchtbar herablassend klingen würde – sagen, der ganze Stolz ihrer Partei, der liberalkonservativen VVD – und so etwas wie die Lichtgestalt in der Amsterdamer Kommunalpolitik. Die in Surinam geborene 40-jährige studierte Juristin absolvierte in Den Haag im Umfeld des Justizministeriums eine steile Karriere, wurde sogar 2002 Abgeordnete des Parlaments, bevor sie für ihre Partei nach Amsterdam wechselte. Dort kümmerte sie sich bis zur Wahl unter anderem um die Finanzen der Stadt und um den Flughafen, vermutlich die wichtigste Aufgabe, die es in Amsterdam zu vergeben gibt.

All ihre Stärken, ihre Ausbildung, ihre Den Haager Kontakte, ihr stilsicherer Auftritt macht ihr das Leben in Amsterdam bisweilen nicht leicht. Ihr fehlt, so sagen Beobachter der politischen Szene, der richtige Stallgeruch, das hemdsärmelig Bodenständige, das in Amsterdam im Kontakt mit den Menschen bisweilen erforderlich scheint. Die Verluste bei der Kommunalwahl hat sie als Spitzenkandidatin zwar mitzuverantworten, aber nicht ursächlich verschuldet, da die Wähler vermutlich doch zum großen Teil wohl die Politik ihrer Kollegen in Den Haag abstraften.

Beni Sidel – Amsterdam. Anfangspunkt und derzeitiger Endpunkt sagen schon fast alles über Ahmed Aboutaleb. Der 45-Jährige wurde in Marokko geboren, kam zum Studium der Elektrotechnik in die Niederlande und ist jetzt Beigeordneter für die sozialdemokratische PvdA in Amsterdam. Dazwischen liegt ein Lebensweg, der nicht geradlinig verlief, aber auf breitgefächerte Interessen deutet. Er war Reporter beim Radio und beim Fernsehen, arbeitete als Staatssekretär in der Regierung Lubbers und war Manager beim niederländischen Amt für Statistik. Natürlich prädestinierte seine Herkunft ihn dafür, sich während seiner beruflichen Stationen um multikulturelle Themen zu kümmern, aber wirklich große Bekanntheit erlangte er erst nach dem Mord an dem Regisseur Theo van Gogh. In deutlichen Worten verurteilte er den Mord und wandte sich an die radikalisierten marokkanisch-stämmigen Jugendlichen: "Für Menschen, die die niederländischen Werte des Zusammenlebens nicht teilen, ist kein Platz in einer offenen Gesellschaft wie den Niederlanden." Diese deutlichen Worte brachten ihm Beifall von der für ihn falschen rechten Seite und Morddrohungen von fanatisierten Moslems ein. Seither bewegt sich Aboutaleb meist mit Polizeischutz durch die Stadt und versucht, seine Botschaft zu verbreiten, dass eine multikulturelle Gesellschaft eben doch bestimmte allgemeingültige freiheitliche Werte braucht. Eine Botschaft, die nicht überall gerne gehört wird. Die große Mehrheit der Bürger der Stadt jedoch wissen ihren Beigeordneten zu schätzen. Bei der Kommunalwahl erhielt Ahmed Aboutaleb die meisten Stimmen, mehr noch als Lodewikj Asscher, Spitzenkandidat der PvdA.

Autor: Jan Kanter
Erstellt:
März 2006