Forum voor Democratie

* 22. September 2016 - niederländische nationalkonservative und rechtspopulistische Partei

Mit zwei Sitzen ist das Forum voor Democratie derzeit die kleinste Fraktion in der Zweiten Kammer. Dennoch gibt es Mitte 2019 wahrscheinlich keine politische Partei in den Niederlanden, über die mehr diskutiert wird. Dies hat das Forum, wie die Partei oft verkürzt bezeichnet wird, vor allem Thierry Baudet zu verdanken – der umstrittene und medienaffine Fraktionsvorsitzende und Anführer der Partei. Baudet ruft, ebenso wie Geert Wilders vor ihm, sehr unterschiedliche Reaktionen unter den Niederländern hervor: der eine bewundert ihn wegen seiner Selbstsicherheit, seinem Mut und seinen Ansichten, der andere ekelt sich vor seiner Selbstzufriedenheit, seiner Chuzpe und seinem Opportunismus.

Am 21. März 2019 hat das Forum seinen bis dato größten Wahlerfolg erzielt: bei den Provinzwahlen schaffte es die Partei, 14,5 % der Stimmen für sich zu verbuchen, womit sie in der fragmentierten niederländischen Parteienlandschaft die größte geworden ist. Bei den zwei Monate später durchgeführten Europawahlen konnte das Forum, als es 11 % der Stimmen gewann, den hohen Erwartungen nicht ganz gerecht werden. Dennoch betrachten viele Medien und Politiker Baudet als wichtigsten Herausforderer von Ministerpräsident Rutte – auch auf Grund einer von vielen Zuschauern verfolgten Debatte zwischen Baudet und Rutte am Vorabend der Europawahl im niederländischen Fernsehen.

Als politische Partei ist das Forum voor Democratie am 22. September 2016 gegründet worden, aber als Thinktank bestand es zum damaligen Zeitpunkt bereits gut ein Jahr lang. Baudet legt dar, mit dem Thinktank sowohl die niederländische Demokratie als Souverän zu retten als auch eine neue Elite auszubilden, welche die westliche Zivilisation, zunächst in den Niederlanden, retten kann.

Inspiriert von britischen Konservativen wie Roger Scruton und Theodore Dalrymple ist Baudet zu der Überzeugung gelangt, dass auch die Niederlande dank versagender Eliten einer kulturellen, moralischen und politischen Krise zum Opfer gefallen seien. Eine wichtige Ursache für diese Krise sei das, was Baudet als „Oikophobie“ bezeichnet, eine krankhafte Aversion gegen die eigene Kultur, Tradition und Geschichte. Letztere soll sich unter anderem in einem starken Kulturrelativismus, einer laschen Integrationspolitik und einer begeisterten Haltung in Bezug auf die Europäische Union, aber auch in einer seelenlosen Architektur, atonaler Musik und unverständlicher Kunst niederschlagen.[1]

Die Europäische Union wurde zur wichtigsten Zielscheibe für Baudets Kritik, weil sie als seelenlose technokratische Organisation mit dem nationalen Rechtsstaat und der Demokratie unvereinbar sei.[2] Anfang 2013 rief Baudet zu einem Referendum zur Position der Niederlande in der EU auf. Mit der Unterstützung einiger Intellektueller und Politiker mit unterschiedlichen politischen Hintergründen gelang es Baudet, die Angelegenheit als „Bürgerinitiative“ auf die Agenda der Zweiten Kammer zu hieven. Das Parlament stimmte letztlich gegen ein solches Referendum, aber Baudet durfte als Initiator doch vor dem Parlament reden. Eine zweite Möglichkeit ergab sich, als im Juli 2015 das Wet Raadgevend Referendum (Gesetz über beratende Referenden) in Kraft trat. Dieses ermöglicht es, auf Wunsch der Bevolkerung ein beratendes Referendum abzuhalten, wenn mehr als 300.000 Unterschriften gesammelt worden sind.

Mit seinem im September gegründeten Thinktank Forum voor Democratie schloss sich Baudet dem Aktionskomitee GeenPeil an, das sich für ein Referendum über das Assoziierungsabkommen zwischen der EU und der Ukraine einsetzte. Unter anderem dank der Unterstützung durch den Weblog GeenStijl gelang es GeenPeil, genügend Unterschriften zu sammeln, um ein Referendum zu organisieren. Das am 6. April abgehaltene Referendum wurde für Baudet und seine Mitstreiter zu einem großen Erfolg: 61 Prozent der Wähler, die abgestimmt hatten (Wahlbeteiligung: 32,3 Prozent), votierten gegen den Vertrag. Am Abend, an dem das Ergebnis vorlag, kündigte Baudet bereits an, dass er sich mit seinem Forum voor Democratie für mehr Referenden einsetzen werde, ohne dass er sich jedoch an eine spezifische politische Partei binden wolle. Allerdings verfasste er gemeinsam mit dem Leidener Juraprofessor Paul Cliteur im Auftrag der PVV einen Bericht über direkte Demokratie.[3] Baudet hat damals einige Male seine Wertschätzung für Wilders ausgesprochen, aber Mitglied der PVV wird er nicht, weil diese Partei keine Mitglieder zulässt.

Kurz nach der Präsentation des Gutachtens mit Cliteur überrascht Baudet Freund und Feind mit der Ankündigung, mit dem Forum voor Democratie an den Wahlen zur Zweiten Kammer teilzunehmen. Vorher hatte er stets behauptet, keine politische Karriere anzustreben.

Seiner Aussage nach lag dieser Entscheidung die Weigerung der Regierung, das Ergebnis des Referendums zu respektieren, zugrunde. Außerdem wollte Baudet den Kampf gegen das niederländische „Parteienkartell“ aufnehmen, jene kleine Gruppe aktiver Mitglieder der etablierten Parteien, die alle Macht in Händen hielten und die Pöstchen in Regierung, Parlament, öffentlicher Verwaltung und Kultureinrichtungen verteilten.[4] Mit der Einführung vieler bindender Referenden, aber auch durch die Ernennung von parteilosen Entscheidungsträgern, hofft das FvD die Demokratie aus den Händen dieses Kartells zu retten und eine neue Elite zu schaffen. Zu den Themen, die nach Ansicht des Forums der Bevölkerung zur Abstimmung vorgelegt werden sollten, gehören die Mitgliedschaft in der Europäischen Union und das Schengener Abkommen. Die Partei plädiert sogar dafür, sowohl die EU als auch den Euro zu verlassen.[5] Des Weiteren strebt das Forum eine strikte Migrationspolitik, eine restriktive Asylpolitik und weniger großzügige Sozialleistungen für Migranten an. Im Gegensatz zur PVV zielt das FvD weniger spezifisch auf den Islam ab. Die übrigen Positionen des Forums sind eine Mischung aus konservativen Standpunkten in den Bereichen Kulturpolitik, Bildung, Verteidigung und Sicherheit, liberalen Standpunkten in den Bereichen Wirtschaft, Bürokratie und Steuern und relativ progressiven Standpunkten in den Bereichen weiche Drogen, Datenschutzgesetzgebung und Nachhaltigkeit. In Bezug auf die Außenpolitik plädiert das Forum für einen nüchterneren Umgang mit Russland und mehr Zurückhaltung im Hinblick auf den Mittleren Osten.[6]

Programmatisch unterscheidet sich das Forum voor Democratie auf den ersten Blick kaum von der PVV, der von PVV-Dissidenten gegründeten Partei VoorNederland (VNL) und dem ebenfalls zu einer Partei transformierten Aktionskomitee GeenPeil. Dennoch gelang es dem Forum schon nach kurzer Zeit, eine beträchtliche Zahl von Mitgliedern anzuziehen: nach einem Monat waren es 700, und Anfang 2017 3.000.[7] Der Zustrom an Mitgliedern und die Popularität der Partei auf Twitter und Facebook bestärkten Baudet in der Überzeugung, dass seine Partei um die fünf Prozent der Stimmen erlangen kann. Er hat sich darüber hinaus die Unterstützung einiger prominenter Niederländer gesichert, darunter sein Doktorvater Paul Cliteur, der Hochschullehrer für Geschichtstheorie Frank Ankersmit und der Hochschullehrer für Corporate Governance Paul Frentrop. Der auffälligste Name auf der Kandidatenliste, die Baudet Ende Dezember 2016 bekanntgab, ist jedoch der Anwalt Theo Hiddema, dem der zweite Platz zufiel. Mit seinen schrägen Ansichten und seinem speziellen Humor war Hiddema bereits ein in Talkshows gerne gesehener Gast.

Obwohl Baudet als Neuling nicht an den Wahldebatten im Fernsehen teilnehmen durfte, verstand er es, in den Wochen vor den Wahlen ein gehöriges Maß an Publizität zu generieren. Kritik gab es unter anderem wegen seiner Bemerkung, die Einwanderung sorge für eine „homöopathische Verdünnung der niederländischen Bevölkerung“. Er verneinte allerdings, dass diese Äußerung rassistisch gemeint sei und beschuldigte Gegner, seine Partei mutwillig zu dämonisieren. Zudem musste Baudet sich mehrmals für einige als sexistisch abgestempelte Äußerungen rechtfertigen.[8]

Das Ergebnis der Wahlen zur Zweiten Kammer ist als eine beachtliche Leistung des Forums voor Democratie einzustufen. Zwar werden die von Baudet prophezeiten 5 % bei weitem nicht erreicht, aber mit 1,8 % der Stimmen gelang es dem Forum als einzigem der rechten Neulinge, die Wahlhürde zu überschreiten. Einer Wähleranalyse kann entnommen werden, dass das Forum-Elektorat im Jahr 2017 ein etwas anderes Profil als das PVV-Elektorat aufweist: Baudet hat im Vergleich zu Wilders in relativer Hinsicht mehr höher gebildete junge Anhänger, die vor allem online zu finden sind, weil sie den traditionellen Medien nicht mehr vertrauen. Die aktive Social Media-Kampagne scheint Früchte getragen zu haben.[9]

Mit dem Überschreiten der Wahlhürde hat das Forum voor Democratie ein wichtiges erstes Hindernis aus dem Weg geräumt. Eine direkte Bedrohung für das von Baudet scharf kritisierte Parteikartell ist die Partei noch nicht. Allerdings ist das Forum seitdem der wichtigste Herausforderer für die immer stärker isolierte PVV geworden. Außerdem gelingt es Baudet mit seinem eigensinnigen Auftreten innerhalb und außerhalb des Parlaments sofort, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Baudet hält seine maiden speech, d. h. seine erste Rede im niederländischen Parlament, teilweise in lateinischer Sprache, er lässt sich sein Piano in sein Büro in der Zweiten Kammer liefern und protestiert in einem Armee-Outfit gekleidet gegen Einsparungen im Verteidigungsetat. Darüber hinaus bringt er andere Abgeordnete mit abschätzigen Bemerkungen über das Niveau der Parlamentsdebatten – in seinen Augen „ein Puppenkasten“, der „unter seiner Würde“ liegt – gegen sich auf. Zudem wird er scharf kritisiert, als bekannt wird, dass er eine lange Unterhaltung mit Jared Taylor, einem amerikanischen Publizisten, der die Überlegenheit der weißen Rasse propagiert, geführt hat. Gegenwind erhält Baudet, als er die Ergebnisse einer unabhängigen Untersuchung bezüglich der russischen Beteiligung beim Abschuss des Fluges MH17 über der Ukraine (Juli 2014) anzweifelt. Baudet unterschreibt sogar einen Brief an den amerikanischen Präsidenten Donald Trump, in dem eine neue unabhängige Untersuchung verlangt wird.[10]

Die umfangreiche Publizität für Baudet führt zu einer steigenden Popularität des Forums in den Meinungsumfragen (Anfang 2018 steht die Partei bei 10 bis 12 Sitzen). Die Partei wächst zudem in kurzer Zeit enorm: von 2.000 Mitgliedern Anfang 2017 auf mehr als 20.000 ein Jahr später. Die Partei verfügt auch über eine florierende Jugendorganisation, die JFVD, und ein wissenschaftliches Büro, das Renaissance Instituut, das unter anderem Seminare und Summer Schools anbietet, in denen die erwünschte neue Elite ausgebildet wird. Zur gleichen Zeit werden unter der Leitung von Henk Otten viele Gespräche mit potenziellen Kandidaten geführt. Dieser ehemalige Banker erringt innerhalb der Parteiorganisation immer mehr Macht – zum Unfrieden vieler anderer aktiver Mitglieder, die eine größere interne Demokratie befürworten. Die Spannungen erreichen einen Höhepunkt, als Baudet Anfang 2018 bekanntgibt, dass er beschlossen hat, die Parteigliederungen auf provinzialer Ebene sofort aufzulösen. Der ehemalige VVD-Senator Robert de Haze Winkelman nimmt die Rolle des Sprachrohrs der Unzufriedenen ein, wird aber sofort von Baudet aus der Partei ausgeschlossen. Auch andere Mitglieder werden in den darauffolgenden Tagen ausgeschlossen oder treten selbst aus.[11]

Auch die Teilnahme an den Kommunalwahlen im März 2018 verläuft nicht ohne Probleme. Das Forum nimmt als selbstständige Partei nur in Amsterdam teil und arbeitet in einigen anderen Gemeinden – wie in Rotterdam mit Leefbaar Rotterdam – mit lokalen Parteien zusammen. Die Nummer 2 auf der Kandidatenliste in Amsterdam, Yernaz Ramautarsing, muss sich aber zurückziehen, als er wegen Bemerkungen über Homosexuelle und den IQ von Schwarzen in Verruf geraten ist. Angeführt von der bekannten Kolumnistin Annabel Nanninga erringt die Partei mit drei Sitzen letztendlich ein etwas enttäuschendes Resultat.

Inzwischen ist es für die Partei auch immer schwieriger, sich in der Zweiten Kammer zu profilieren. Baudet wird mehrmals wegen seiner schlechten Kenntnisse der parlamentarischen Prozeduren und Sitten sowie seiner häufigen Abwesenheit verhöhnt. Wenn es um Immigration und den Islam geht, muss Baudet vorläufig Wilders‘ Überlegenheit anerkennen. Die Partei versucht sich zu profilieren, indem sie eine Meldestelle für linke Indoktrination vorschlägt, bei welcher Schüler und Studenten Klagen über „linke“ Dozenten und Schulbücher einreichen können. Zudem probiert Baudet, sich als Vorfechter für die Interessen von Mittel- und Kleinbetrieben sowie des agrarischen Sektors zu inszenieren.[12]

Aber die Partei erhält erst wirklich Aufwind, als die Diskussion über die angekündigten klimapolitischen Maßnahmen der Regierung entbrennt. Obwohl das Forum in seinem Wahlprogramm aus dem Jahr 2016 noch ziemlich grüne Pläne befürwortet hat, profiliert sich Baudet nun als wichtigster Gegner des im Jahr 2015 in Paris abgeschlossenen Klimaabkommens, das die Erderwärmung eindämmen soll. Abweichend vom wissenschaftlichen Konsens zweifelt Baudet offen an, ob diese Erwärmung die Folge von menschlichem Handeln ist. In seinen Augen sind die westlichen Eliten im Bann einer mehrere Milliarden Euro vertilgenden „Klimareligion“, die den Mangel an einem eigenen politischen Konzept ersetzen und das Schuldbewusstsein wegen der westlichen Superiorität bestreiten soll. In seinem Kampf gegen das vom Kabinett angekündigte Klimaabkommen findet Baudet in De Telegraaf, der zweitgrößten Tageszeitung der Niederlande, einen Bundesgenossen.

Die Kampagne für die Provinzwahlen am 21. März 2019 steht deshalb größtenteils im Zeichen des Klimaabkommens. Dank der vielen Mitglieder und einem vermögenden Geldgeber gelingt es dem Forum unter der Leitung Henk Ottens einen professionellen Wahlkampf durchzuführen. Baudet, Hiddema und Otten touren in den Wochen vor dem Wahltermin durch oftmals ausverkaufte Säle im ganzen Land. Das Forum beschließt als einzige Partei, die Kampagne fortzusetzen, als zwei Tage vor dem Urnengang in Utrecht ein terroristischer Anschlag stattfindet, bei dem vier Menschen ums Leben kommen.[13]

Das Ergebnis übertrifft die kühnsten Erwartungen innerhalb des Forums. Die Partei wird mit 14,5 % der Stimmen knapp die größte Partei und erhält insgesamt 85 Sitze in den Provinzparlamenten. In der Ersten Kammer, die in den Niederlanden von den Provinzparlamenten gewählt wird, wird das Forum mit 12 Sitzen ebenfalls die größte Fraktion, wobei sie diesen Spitzenplatz mit der VVD teilen muss. Aus Analysen geht hervor, dass ein großer Teil des Sieges ehemaligen PVV-Wählern zu verdanken ist. Mehr als ein Drittel der Forum-Wähler hatte im Jahr 2017 nämlich noch die PVV gewählt. Das Profil des Elektorates hat sich dadurch auch verändert: Während die Partei im Jahr 2017 noch vor allem unter jüngeren Wählern populär war, haben jetzt auch viele ältere, traditionellere, überwiegend männliche und durchschnittlich (aus-)gebildete Wähler den Weg zum Forum gefunden. Die meisten Stimmen holt die Partei in den städtischen Provinzen Flevoland und in Nord- und Süd-Holland.[14]

In einem gerammelt vollen Saal in Zeist, in dem die Partei zusammengekommen ist, hält Baudet am Wahlabend eine live ausgestrahlte Siegesrede, die sehr viel Staub aufwirbelt. In der Rede, in der es von historischen Verweisen und Zitaten nur so wimmelt, entwirft Baudet das Bild einer ehemals großen Zivilisation, die dank einer in intellektueller Hinsicht minderwertigen politischen, kulturellen und akademischen Elite am Rande des Abgrundes steht. In den darauffolgenden Wochen ist Baudet das wichtigste Gesprächsthema in den Niederlanden. Kommentatoren beschäftigen sich mehr als jemals zuvor mit besagter Rede und früheren Bemerkungen des Anführers der größten (oder am wenigsten kleinen) Partei des Landes. Manche sehen in Baudet einen neuen Pim Fortuyn oder eine intellektuellere und anständigere Version von Wilders. Andere entdecken in Baudets Gedankengängen Einflüsse der amerikanischen Alt-Right-Bewegung und der rechtsextremen identitären Bewegung in Europa. Unter anderem die Nennung des in jenen Kreisen gängigen Begriffes „boreale Welt“ wird in diesem Zusammenhang als Beweis angeführt.[15] Baudet wird auch vorgeworfen, dass er Metaphern, Zitate und Begriffe verwendet, die ihren Ursprung im intellektuellen Faschismus und konservativen Nationalismus des Interbellums (1918-1939) haben.[16] Baudet macht z. B. kein Geheimnis aus seiner Bewunderung für Pierre Drieu de la Rochelle und Oswald Spengler, umstrittene Autoren aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. In einem kurz nach den Wahlen publizierten Interview mit dem konservativen schweizerischen Nachrichtenmagazin Die Weltwoche betrachtet Baudet seine Bewegung als Bestandteil eines breiten Paradigmenwechsels im Westen, der sich gegen modernistische Ideen richtet, die seit der Französischen Revolution den Westen dominiert haben.[17]

Die ganze Aufregung fügt Baudet keinen Schaden zu: in den Umfragen steigt das Forum Richtung 20 Prozent der Stimmen. Allerdings stößt Baudets Auftreten auch in den eigenen Reihen auf Widerstand. In einem Interview mit NRC Handelsblad äußert Henk Otten, der designierte Fraktionsvorsitzende im Senat (d. h. der Ersten Kammer), scharfe Kritik an Baudets solistischem Führungsstil und all den hochtrabenden Aussagen.[18] Schon während des Wahlkampfes hatte Otten wissen lassen, dass er im Gegensatz zu Baudet einem Austritt aus der Europäischen Union nicht viel Positives abgewinnen könne. Baudet schlägt zurück, indem er die Öffentlichkeit wissen ließ, dass sich Otten auf Kosten der Partei selbst bereichert habe. Otten wird sofort aus dem Vorstand entfernt, kann aber als Senator im Amt bleiben. Mit derselben Begierde, mit welcher sich die Medien erst auf Baudets Rede gestürzt hatten, berichten sie nun wochenlang über die Schlammschlacht an der Spitze des Forums. Die Streitigkeiten an der Parteispitze haben auch Auswirkungen auf die Koalitionsverhandlungen in den unterschiedlichen Provinzen. In den wenigen Provinzen, in denen mit dem Forum verhandelt wird, scheitern die Gespräche rasch, unter anderem wegen Zweifeln bezüglich der Stabilität der Partei. Nur in Limburg gelingt es dem Forum letztendlich, Mitglied in der Provinzkoalition zu werden.

Trotz all des Theaters beginnt das Forum voller Optimismus mit seiner Kampagne für die Europawahlen. Mit Derk Jan Eppink verfügt die Partei über einen erfahrenen, politisch bewanderten Spitzenkandidaten. Zudem gelingt es dem Forum, sich der pan-europäischen Fraktion der Europäischen Konservativen und Reformer anzuschließen. Als VVD-Anführer Mark Rutte Baudet in einer Rede vorwirft, gefährlich weltfremd zu sein, fordert Letzterer den Premier zu einer öffentlichen Debatte heraus. Rutte nimmt die Herausforderung an, wodurch die beiden am Vorabend der Europawahl ein live im Fernsehen ausgestrahltes verbales Duell austragen. Bei den Europawahlen wird die PvdA von „Spitzenkandidat“ Frans Timmermanns die größte Partei. Das Forum erhält nicht mehr als 11 % der Stimmen, ausreichend für drei Sitze im Europaparlament. Es zeigt sich, dass die Partei in zwei Monaten fast ein Drittel des gewonnenen Anhangs schon wieder verloren hat. Der unklare Standpunkt bezüglich eines Nexits, d. h. eines Austrittes der Niederlande aus der Europäischen Union, und die Konflikte an der Parteispitze scheinen sich auf das Ergebnis ausgewirkt zu haben. Auch andere eurokritische Parteien wie die PVV und die Sozialistische Partei erleiden eine empfindliche Niederlage und verschwinden sogar vollständig aus dem Europäischen Parlament.

Während des Verfassens dieses Beitrages, Anfang Juli 2019, ist die Zukunft des Forums noch äußerst ungewiss: Zeigt das Ergebnis der Europawahl, dass die Partei ihren Höhepunkt schon wieder überschritten hat oder dass sie immer mehr Wurzeln geschlagen hat? Nach dem Ausschluss Ottens aus dem Forum (Ende Juli 2019), dem eine weitere öffentliche Schlammschlacht folgte, ist der Machtkampf an der Parteispitze inzwischen zugunsten Baudets entschieden worden. Diverse Stimmen deuten an, dass Baudets politischer Stil und seine Betrachtung des Forums als kulturelle, intellektuelle Bewegung in seiner eigenen Partei auf Widerstand stößt, insbesondere bei denjenigen, die eine nüchternere, praktische rechte Politik, mit einem inhaltlichen Schwerpunkt auf niedrige Steuern und weniger Klimamaßnahmen, befürworten. Es ist auffällig, dass De Telegraaf, der Baudet zunächst viel Raum bot, inzwischen kritischer über die Partei berichtet.[19] Im Gegensatz dazu ist Baudet unter jüngeren, höher gebildeten Mitgliedern, die wie Baudet nicht mehr und nicht weniger als eine kulturelle Revolution befürworten, populär.[20] In einem unmittelbar vor dem Abschluss des parlamentarischen Jahres geschriebenen Sommermanifest probiert Baudet, diese beiden Gruppen zusammenzuhalten. Das Forum ist in seinen Augen eine „breite liberale konservative Bewegung“, die „sich sowohl in Bezug auf praktische Alternativen als auch tiefschürfende Analysen auszeichnen muss“.[21] Ob es Baudet gelingen wird, diese beiden Seelen in seiner Bewegung zu vereinen, wird die Zukunft zeigen. Dass Baudet die niederländische Politik im Jahr 2019 aufgerüttelt hat, steht aber außer Frage.


[1] Thierry Baudet, Oikofobie, de angst voor het eigene. Amsterdam 2013. Siehe auch Chris van der Heijden, ‘Een romantisch conservatief met incorrecte neigingen. Het gedachtegoed van Thierry Baudet’, De Groene Amster-dammer vom 28. März 2018; Sebastiaan Faber, Is Dutch bad boy Thierry Baudet the new face of the European alt-right?, The Nation vom 7. Mai 2018.
[2] Thierry Baudet, De aanval op de natiestaat. Amsterdam 2012.
[3] Echte Democratie. Onderzoeksrapport Forum voor Democratie. September 2016.
[4] Thierry Baudet, Breek het partijkartel. Amsterdam 2016.
[5] Waarom Forum voor Democratie fundamenteel verschilt van VNL en GeenPeil. www.forumvoordemocratie.nl. 16. Dezember 2016.
[6] Wahlprogramm FVD. www.forumvoordemocratie.nl
[7] Paul Lucardie. Nieuw met stip (3). Het Forum voor Democratie. De Hofvijver 19. Dezember 2016.
[8] Cyril Rosman,’Thierry Baudet, je houdt van hem of je verafschuwt hem. Algemeen Dagblad vom 18. März 2017; ‘Wie is deze belangrijkste intellectueel van Nederland? Portret Thierry Baudet.”NRC Handelsblad vom 28. September 2016.
[9] Eelco Harteveldt, ‘Stuivertje wisselen: neemt FVD de electorale plek van PVV over? Stukroodvlees.nl vom 22. März 2019.
[10] Robert van der Nordaa ,’Baudet vraagt Trump om nieuw onderzoek naar MH17, nabestaanden geschokt’, de Volkskrant vom 31. Januar 2017.
[11] Derk Stokmans, ‘Gedonder en gedoe bij de partij van de liefde.’. NRC Handelsblad vom 23. März 2018.
[12] Carla Joosten, ‘Wij hadden geen brievenbusplassers. Achter de schermen bij Forum.’, Elsevier vom 11. August 2018.
[13] Frank Hendrickx en Dion Mebius, ‘Hoe de zegetocht van Baudet tot stand kwam.’ de Volkskrant vom 22. März 2019.
[14] Maarten Huygen en Rik Wassens, Vooral mannen kiezen voor Forum voor Democratie.’ NRC Handelsblad vom 21. März 2019.
[15] Thijs Kleinpaste, The new face of the Duth far right’. Foreign Policy vom 28. März 2019; Matthijs Rooduijn, ‘De ideologie van Forum voor Democratie.’, Stukroodvlees.nl vom 22. März 2019; Dick Pels. ‘Fuck de feiten. Het grote gelijk van Thierry Baudet’, De Groene Amsterdammer vom 28. März 2019.
[16] Daniel Knegt, ‘Baudets Franse fascistische connectie.’, Overdemuur.org vom 22. März 2019
https://overdemuur.org/baudets-franse-fascistische-connectie/ und: Merijn Oudenampsen, Revolutionairen van deze tijd. Essay Thierry Baudet en het nederconservatisme. De Groene Amsterdammer vom 4. Juli 2019; Rob Hartmans, Thierry Baudet, FVD en de erfenis van de jaren dertig’, Nederlandse Boekengids 14. Februar 2017.
[17] Urs Gehriger, ‘Thierry Baudet: ‘There’s a proper reawakening across Europe going on.’, Die Weltwoche vom 28. März 2019 https://www.weltwoche.ch/ausgaben/2019-13/artikel/edito-thierry-baudet-die-weltwoche-ausgabe-13-2019.html
[18] Tweede man van Forum Henk Otten: ‘Baudet trekt de partij teveel naar zichzelf toe’, NRC Handelsblad vom 19. April 2019.
[19] Zie bijvoorbeeld het kritische interview met senator Toine Beukering in De Telegraaf vom 8. Juni 2019.
[20] Frank Hendrickx, ‘Jonge aanhangers Baudet dromen van strijd met ‘de gevestigde orde’, de Volkskrant vom 9. Juni 2019.
[21] https://forumvoordemocratie.nl/actueel/zomermanifest

Autor: Dr. Koen Vossen, aus dem Niederländischen von Dr. André Krause und Annegret Klinzmann
Erstellt: 2019