X. Die Wahl 2002: Ein Land im Schockzustand

Pim Fortuyn hatte den gesamten Wahlkampf im Frühjahr 2002 dominiert. Es schien klar, dass der Rechtspopulist nach der Wahl eine größere Rolle in der niederländischen Politik spielen würde. Dann wurde er nur neun Tage vor dem Wahltermin ermordet. Das Land befand sich im Schockzustand. Auf einmal schien alles möglich und zugleich war alles ungewiss. Eine Reportage vom Wahltag, dem 15. Mai 2002, verdeutlicht die Stimmungslage im Land.

Ein Land im Schockzustand

„You never walk alone“. In wackeligen Buchstaben hat ein Fan des renommierten Fußballvereins Feyenoord diesen Schlachtruf als letzten, emotionalen Gruß an den ermordeten Pim Fortuyn auf eine niederländische Flagge gesprüht. Jetzt flattert das Banner, provisorisch befestigt an einem Baugerüst, vor dem Rotterdamer Rathaus. Da es windig ist, sieht man von der Botschaft nur die Worte „walk alone“ – das genaue Gegenteil von dem, was der treue Fußballfan zu sagen versuchte. Von großen Emotionen ist am Rotterdamer Rathaus auch sonst nur noch wenig zu spüren. Zwar liegen noch Hunderte von Blumensträußen vor dem Haupteingang, zeugen kleine, meist handgeschriebene Zettel von Trauer und Wut über Fortuyns gewaltsamen Tod. Doch die Sträuße, meist in Zellophan gehüllt, sind lange welk, das Papier, dass die Pflanzen schützen soll, ist schon leicht vergilbt. „Die kommen heute Nachmittag weg“, sagt denn auch eine Mitarbeiterin der Stadtverwaltung trocken.

Der Alltag ist in der Stunde der Parlamentswahl in den Niederlanden nach dem Attentat noch lange nicht wieder eingekehrt. Aber eine geschäftige Nüchternheit hat die Menschen ergriffen. Zu dieser Sachlichkeit hatte Ministerpräsident Kok am Vortag noch ein letztes Mal aufgerufen: „Ich bitte die Niederländer, bei der Wahl nicht nur auf ihr Gefühl zu hören, sondern auch ihren Verstand zu gebrauchen.“ Schließlich treffe man eine Entscheidung, die für vier Jahre gelte und nicht einfach rückgängig zu machen sei. Acht Trauungen muss Rathausbote Jan van Gestel am Wahltag begleiten, und er muss dafür sorgen, dass alle Bürger trotz der Bauarbeiten an dem kathedralenartigen, den Reichtum der Handelsstadt Rotterdam demonstrierenden Rathaus den Weg in die Wahlkabinen finden. Normalität in Rotterdam, so normal wie die Niederlande in diesen Tagen eben sind.

Hochzeit Nummer vier auf der Liste: Die Eheschließung zwischen den Partnern „Egger“ und „Bhawanidiz“ – multikulturelle Eintracht, ausgerechnet in „Fortuyns“ Rathaus, dort, wo er bei den Kommunalwahlen mit seinem gegen Ausländer gerichtetem Wahlkampf seinen ersten politischen Erfolg feierte und aus dem Stand die stärkste Fraktion in der Stadtversammlung stellte. Der Bote in den kühlen Rathausfluren ist ein Zeuge Jehovas. Wenn er wählen dürfte, hätte er für den homosexuellen Pim Fortuyn gestimmt. Schließlich wollte er mit vielen Missständen Schluss machen. Doch sein Glauben verwehrt ihm den Gang an die Urne. Und außerdem: „Kann man Schwulen wirklich trauen?“

Nüchternheit herrscht auch bei den Parteien jenseits der Lijst Fortuyn (LPF) vor: Wahlpartys wird es am Abend bei der Bekanntgabe der ersten Hochrechnungen nicht geben. Die Liberalen von D66 beispielsweise haben alle „Frivolitäten“ abgesagt, so Parteisprecher Mike Akkermans. Die PvdA kündigte eine „äußerst ernsthafte“ Zusammenkunft an – das dürfte freilich auch mit dem erwarteten schlechten Ergebnis der Sozialdemokraten zusammenhängen.

Gänzlich abgeschottet hat sich auch die Lijst Fortuyn. Auswärtige Besucher sind nicht willkommen. Die Frage bei dieser Partei ist auch, wer eigentlich den erwarteten Triumph feiern soll. Der bisher letzte Parteivorsitzende Peter Langendam, hat etwas mehr als 72 Stunden nach seiner Inthronisation bereits seinen Rücktritt für den Tag nach der Wahl angekündigt. Seit dem Tod Pim Fortuyns sind mittlerweile beinahe alle Gründungsmitglieder der LPF und Vertraute des Rechtspopulisten abgesprungen.

Dennoch genießt die Lijst Fortuyn hohe Sympathiewerte, ob nun vor seinem Wohnhaus, dem Palazzo di Pietro, wo die Flagge mit dem Familienwappen seit Tagen auf Halbmast hängt, oder im Problemviertel Feijenoord, wo selbst viele Neu-Niederländer die LPF wählen. Stefen de Ridder, der in einem nahe dem Rathaus gelegenen Hotel arbeitet und eine Pause für den Besuch des Wahllokals nutzt, wiederholt noch einmal die Worte, die in den vergangenen zehn Tagen in den Niederlanden immer wieder zitiert wurde: „Fortuyn hat als einziger die wichtigen Probleme angesprochen, die es in diesem Land gibt.“ – Deshalb werden viele Niederländer bei aller Nüchternheit seiner Partei noch einmal ihre Stimme geben.


Autor: Jan Kanter
Erstellt: Mai 2004