XI. Rückkehr zur Normalität? Wahlkampf und Wahltag 2003

Die Fortuyn-Wahl im Mai 2002 hatte für die sozialdemokratische PvdA mit einem Desaster geendet. Die Partei, die den Ministerpräsidenten gestellt hatte, verlor 20 Sitze und stellte nur noch die viertgrößte Fraktion im Parlament. Für den Vormann der Partei, Wim Kok, ging die Abstimmung dennoch vergleichsweise glimpflich aus – er hatte schon vorher seinen Rückzug aus der Politik angekündigt. Die Prügel für die Verluste bezog sein designierter Nachfolger Ad Melkert. Der blasse Technokrat überlebte das Wahldebakel denn auch politisch nicht. Er galt als Inbegriff verkrusteter Strukturen, der „Sorry“-Kultur und des Establishments, dass bei den Wahlen durch die Niederländer abgestraft worden war.

Nach dem Abgang Melkerts dümpelte die Partei erst mal führungslos dahin. Zu tief saß der Schock über die verlorene Wahl. Es fand sich niemand, der die Partei zurück auf Kurs bringen mochte. So konnte die PvdA auch nicht von dem debakulösen Auftritt und schnellem Scheitern des ersten Kabinett Balkenende profitieren. Die Sozialdemokraten gingen ohne Spitzenkandidaten in den Wahlkampf für die vorgezogenen Neuwahlen. Nur zaghaft meldeten einige Parteisoldaten schließlich Führungsanspruch an – allerdings eher lustlos. Die Partei steckte im Umfragetief und auch die Suche nach einem Aushängeschild, die gemeinhin Aufmerksamkeit beim Wähler und mithin Punkte auf den Tabellen der Meinungsforscher bringt, half der Partei nicht weiter. Bis knapp vier Wochen vor der Wahl am 21. Januar 2003 hätte niemand, auch der größte Optimist in der Partei nicht, darauf gewettet, dass die PvdA in absehbarer Zeit wieder eine ernstzunehmende Rolle in der politischen Landschaft spielen würde. Dann kam Wouter Bos.

Die Stimmung dreht sich

Der Januar 2003 bildete den vorläufigen Höhepunkt eines an Außergewöhnlichkeiten reichen Jahres in der niederländischen Politik. Dem Sozialdemokraten Wouter Bos reichten im Grunde zwei Fernsehauftritte, um die Stimmung erneut zu drehen. Beinahe im Wochenrhythmus stieg seine PvdA in den Umfragen. Noch im Dezember hatte die Partei abgeschlagen zurückgelegen, den PvdA-Strategen war es deshalb noch nicht einmal eingefallen, einen Kandidaten für das Amt des Ministerpräsidenten zu benennen. Man hatte sich darauf eingerichtet, auch die nächste Legislaturperiode in der Opposition dazu nützen zu können, die Partei zu erneuern
Die Frage schien eigentlich nur, wie hoch der Sieg Balkenendes ausfallen würde. Es sah so aus, als könne er eine solide Zweier-Koaliton mit den Liberalkonservativen von der VVD bilden. Dann kam wie gesagt Wouter Bos. Mit seinem jugendlich-unbekümmerten Auftreten erreichte er die Niederländer, stand für die gelungene Erneuerung der PvdA.

Auf einmal wurde das Rennen wieder spannend, zunächst ging es für die Sozialdemokraten – völlig unerwartet – wieder um das Rennen um Platz zwei in der Wählergunst. In der Woche vor der Wahl war sogar völlig offen, wer die stärkste Fraktion in der Zweiten Kammer stellen würde. Es war insofern wieder eine Rückkehr zur Normalität. Die Parteien der politischen Mitte waren zurück im Zentrum der Politik, die Parteien von den Rändern spielten vor der Wahl offenbar nur noch eine untergeordnete Rolle. Ein Rest Verunsicherung bei Handelnden wie Analytikern der politischen Szene blieb. Die Ergebnisse der Wahl vom Mai 2002 waren noch frisch in Erinnerung. Würden die Niederländer wieder eine irrationale Entscheidung treffen?

Wahltag

Katja und Bridget verteilten am Wahltag Anti-Stressbälle und Champagner, flogen dabei mit einem eigens gecharterten Helikopter von Kandidat zu Kandidat. Ausgelassen quietschend wünschten beide Balkenende, Bos und Co viel Glück. Der Versuch der Frontfrauen der Fernsehsendung „Lijst 0“, Frohsinn zu stiften, scheiterte allerdings bereits am Wetter. Das schmuddelige Winterwetter mit Sturmböen und Hagelschauern animierte die Beschenkten nicht gerade dazu, lockere Heiterkeit zu verbreiten. Dazu war das Rennen aber auch zu eng, der Fortuyn-Wahltag aus dem vergangenen Jahr noch zu frisch in Erinnerung. Selbst Wouter Bos, eigentlich ein Frauentyp, fertigte die TV-Babes auf einem matschigen Deich unter dunkelgrauem Himmel kurz ab. Dabei sollte der Sozialdemokrat beides, Anti-Stress-Ball und Champagner, nach Schließung der Wahllokale zur Beruhigung seiner Nerven gut brauchen können.

Das Rennen zwischen PvdA war lange Zeit offen, beide Parteien hatten in den frühen Hochrechnungen leicht über 40 Sitze, der Abstand schwankte bis in die späten Abendstunden zwischen Gleichstand und drei Sitzen Vorsprung für die Partei Balkenendes. Auch die Mehrheitsverhältnisse waren lange offen. Am Ende lagen die Christdemokraten leicht vorne. Rein rechnerisch konnte sich der Premier für eine Mitte-Links-Koalition mit der PvdA oder die Neuauflage seiner bürgerliche Regierung mit VVD und einem dritten Partner entscheiden. Es standen, so sah es bereits am Wahlabend aus, den Niederländern einmal mehr mühsame Koalitionsverhandlungen bevor.


Autor: Jan Kanter
Erstellt: Mai 2004