XVI. Rezension

Eckardt, Frank: Pim Fortuyn und die Niederlande. Populismus als Reaktion auf die Globalisierung, Marburg 2003.

In der Regel muss sich das deutsche Lesepublikum auf eine lange Suche begeben, will es Informationen über aktuelle Entwicklungen in den Niederlanden erhalten. Deutsche Tageszeitungen schreiben nicht ausführlich über die Niederlande, und wenn über dieses Nachbarland berichtet wird, handelt es sich häufig um ein einseitiges Interesse für Themen wie Königshaus, Drogen, Sterbehilfe oder wirtschaftlich-soziale Entwicklungen. Zwar stehen in zunehmendem Maße Internetquellen zur Verfügung, aber auch hier kostet das Sammeln von Informationen oft viel Zeit. So erscheint Frank Eckardts Buch Pim Fortuyn und die Niederlande dann auch auf den ersten Blick als höchst willkommene Publikation, die eine Lücke schließt, und dies um so mehr, als die politischen Turbulenzen der vergangenen Jahre in den Niederlanden auch in Deutschland Aufmerksamkeit fanden.

Populismus als Reaktion auf Globalisierung

Der Untertitel, Populismus als Reaktion auf die Globalisierung, verspricht darüber hinaus einen breiteren Kontext als lediglich einen niederländischen Hintergrund, und wenn es über den Autor im Buch auch noch heißt, dass er Juniorprofessor für Soziologie der Globalisierung an der Bauhaus-Universität in Weimar ist, dann sind die Erwartungen hoch gesteckt. Die zentrale These des Buches lautet, dass der politische Ruck nach rechts, den der Aufstieg Fortuyns im Wahljahr 2002 offenlegte und der auch nach seinem gewaltsamen Tod vom Mai 2002 anhielt, sich daraus ergab, „dass es den Niederlanden nicht gelungen ist, sich auf die kulturelle Globalisierung ihrer Lebenswelt einzustellen. Hierzu gehört eine vernachlässigte Reflexion der eigenen Identität und die kulturelle Kompetenz einer kritischen Auseinandersetzung mit unbekannten Menschen und Religionen, insbesondere mit dem Islam“ (S. 14). Dies verspricht zumindest eine ernsthafte Analyse. Wer jedoch eine wissenschaftliche Studie mit Erklärungen erwartet, wird das Buch schon bald enttäuscht zur Seite legen.

Vereinfachung der Fakten

Das liegt in erster Linie an der großen Zahl der Vereinfachungen, der größeren und kleineren Fehler und Nachlässigkeiten, durch die das Buch schnell jeglichen wissenschaftlichen Anspruch verliert. So lesen wir, dass die jedes Jahr von der Königin verlesene Thronrede – die Eröffnung des parlamentarischen Jahres – Höhepunkt des politischen Lebens der Niederlande ist und dass die Niederländer in den heutigen unsicheren Zeiten in solchen Traditionen und im Königshaus Halt und Zuversicht suchen. Wiederholt heißt es, dass die linksliberale Partei D66 eine aus der Studentenbewegung hervorgegangene Partei der Alt-68er sei. Dies ist nun wirklich eine sehr eigenartige Interpretation der Gründung einer Partei, die tatsächlich in den sechziger Jahren entstand und deren Ziel die politische Erneuerung war, die allerdings kaum Verbindungen zur Studentenbewegung hatte.

„Entsäulung“ statt Verstärkung der „Versäulung“

Der sogenannte Schulkampf, der politische Kampf von Protestanten und Katholiken aus dem späten 19. und dem frühen 20. Jahrhundert um finanzielle Gleichstellung des christlichen Unterrichts, wird an das Ende des 18. Jahrhunderts verlegt. Der Leser erfährt auch, dass die Niederlande 1980 zum ersten Mal ein schriftlich niedergelegtes Grundgesetz erhielten (die von 1798, 1814, 1815, 1848 und 1917 werden der Einfachheit halber überschlagen). Und schließlich – dies ist nur eine zufällige Auswahl aus einer langen Liste von Vereinfachungen und Fehlern – wird die These verkündet, das ‚versäulte‘ politische und gesellschaftliche System der Niederlande sei in den sechziger Jahren gefestigt worden. Es ist in jedem Schulbuch nachzulesen, dass die politische Kultur in dieser Zeit gerade aufgebrochen wurde, und dass der zentrale Begriff hier ‚Entsäulung‘ lautet. Störend sind darüber hinaus die vielen Nachlässigkeiten: Der Historiker Hermann von der Dunk wird Hans genannt (S. 9), der Fernsehpräsentator Huisman taucht als Housman auf (S. 23), der rechtsliberale VVD-Spitzenmann Dijkstal wird als Christdemokrat vorgestellt (S. 24) und dergleichen mehr.

Erklärungen für Aufstieg Fortuyns

Das bedeutet nicht, dass der Autor die niederländische Gesellschaft nicht kennt. Das Buch enthält sehr wohl treffende Charakterisierungen, und die Darstellung Pim Fortuyns beispielsweise ist in der Regel korrekt. Eckardt verfällt nicht in den Fehler, Fortuyns Bewegung als eine verkappte rechtsextremistische Partei zu präsentieren, und er führt viele Faktoren zur Erklärung seines kometenhaften Aufstiegs an: Krise der Konsensgesellschaft, lange tabuisierte Probleme bei der Integration von Migranten, soziale Spannungen und Unsicherheit durch die Verschlankung des Sozialstaates usw. Und so bietet Eckardts Buch einen in der Regel flott geschriebenen Überblick über viele politische und gesellschaftliche Probleme seit den frühen neunziger Jahren: Rechtsextremismus und Rassismus, Sterbehilfe, der Fall von Srebrenica 1995 (der Mord an nahezu 8.000 Moslems, die Rolle der niederländischen Blauhelme in dieser Tragödie und die politischen Nachwehen dieses Geschehens in den Niederlanden), der Umgang mit der kolonialen Vergangenheit und vieles mehr. Jedes Thema ist schon für sich wichtig und interessant, und insgesamt gesehen handelt es sich um Themen, denen die deutschen Medien in den vergangenen Jahren auch Aufmerksamkeit geschenkt haben, die jedoch – und das ist den Medien natürlich nicht vorzuwerfen – immer losgelöst vom Zusammenhang und je nach Aktualität kurz auftauchten und dann wieder verschwanden. So gesehen ist Eckardts Ziel, diesen Zusammenhang nun zu präsentieren und ein Buch mit einer klaren Linie anzubieten, nur zu begrüßen.

Collage statt Analyse

Bedauerlich ist jedoch, dass Eckardt es sich doch sehr einfach gemacht hat und auf viel altes journalistisches Material zurückgreift, das er selbst seit den neunziger Jahren über die Niederlande geschrieben hat, wodurch das Buch eher eine Collage aus alten Reportagen als eine kohärente Analyse ist. So wird die oben genannte zentrale These zu einem Sammelsurium von aneinandergeklebten alten Texten verwässert. Auch hier hat der Autor im übrigen schlampig redigiert: Viele Texte stehen noch im Präsens, andere sind im Präteritum geschrieben. Ex-Politiker werden aufgeführt, als ob sie noch immer ihre damalige Funktion ausübten, und die Übergänge von einem Thema zum anderen sind oft unnötig abrupt. Es muss also festgestellt werden, dass es sich bei Eckardts Pim Fortuyn und die Niederlande um ein Buch der verpassten Chancen handelt: Die vielversprechende Idee zu diesem Buch eines zweifellos fähigen Beobachters, der gewiss auch schreiben kann, hat durch die schwache, nachlässige und unwissenschaftliche Ausarbeitung zu einem äußerst mageren Ergebnis geführt, das weder als wissenschaftliches noch als journalistisches Produkt überzeugt.


Autor: Friso Wielenga
Erstellt: Juli 2004