VIII. Der Attentäter und der Prozess

„Er ist ein grüner Robin Hood“, sagten diejenigen, die ihm Wohl gesonnen waren. „Der Mann wollte zurück in die Zeit, als noch Mammuts hier leben“, sagte einer, der ihn weniger mochte. Volkert van der Graaf war ein Umweltaktivist. Freunde und Gegner setzten, wenn sie – lange Zeit vor dem Attentat – von dem 33-Jährigen sprachen, gleichermaßen das Adjektiv „radikal“ voran. Van der Graaf war Mitarbeiter der „Vereniging Milieu-Offensief“ einer niederländischen Umweltorganisation. Seine öffentlichen Auftritte waren vor dem Mai 2002 vergleichsweise eher unspektakulär. Rund 250 Mal verklagte er – obwohl kein Jurist – die Gemeinde Ede wegen Verstößen gegen Umweltauflagen. Beinahe zehn Mal so oft, so eine seiner seltenen Selbstauskünfte, hatte er sich mit den Landwirten in der Region angelegt. Oft erfolgreich. Freunde nannten ihn „Volkert Widerstand“. Gemäßigte Umweltschützer gingen aber in dieser Zeit auf Distanz. Ein Querulant im öffentlichen Leben also mit Sicherheit, aber ein auch ein kaltblütiger Mörder?

„Fortuyn zum Schweigen bringen“

Der Ursprung seines Zorns liegt möglicherweise in seiner Jugend. Diese war, soweit bekannt ist, nicht zwingend unglücklich. Als Heranwachsender beschloss er jedenfalls, sich von seinen Eltern nicht mehr „mit Fleisch und Wurst“ vollstopfen zu lassen, wurde Veganer, schließlich Tierschützer. Sein Sendungsbewusstsein radikalisierte ihn.

Ohne dass ihm bis zum Mord an Fortuyn tatsächlich eine Straftat nachgewiesen werden konnte, vermutet man, dass er bei seinen Aktionen nicht immer legal vorging. Die Polizei begann nach dem Mord 189 Gewaltdelikte, die seit 1983 begangen worden waren, noch einmal im Hinblick auf eine Beteiligung van der Graafs zu untersuchen. Man darf zumindest davon ausgehen, dass Volkert van der Graaf, auch wenn es strafrechtlich nicht relevant war, nicht gerade zimperlich in der Wahl seiner Mittel im „Kampf“ gegen die – vermutlich ebenfalls häufig rustikalen – Bauern vorging.

Zu Beginn des Jahres trafen 2002 schließlich extreme Positionen aufeinander. Hier der radikale Tierschützer, dort der bekennende Freund des Luxus Pim Fortuyn. Als der während eines Fernsehauftrittes noch bekannte: „Wählt mich, dann wisst ihr, das ihr Pelzmäntel tragen dürft“; fühlte sich van der Graaf vermutlich über seine – ohnehin gegen null gehende – Toleranzgrenze hinaus provoziert. Im Prozess sagte er aus, dass er bereits ein halbes Jahr lang überlegt habe, Fortuyn „zum Schweigen zu bringen“. Sachverständige sollten dem Mann später während des Prozesses, zwar schwere Persönlichkeitsstörungen, aber keine eingeschränkte Zurechnungsfähigkeit attestieren.

Der Prozess

Paragraph Für die größte Aufregung im Verfahren um den Mord an Pim Fortuyn sorgte der Angeklagte selbst. Vor dem Prozessauftakt trat Volkert van der Graaf in den Hungerstreik. Er protestierte damit gegen eine Anordnung aus dem Justizministerium. Dort hatten die Beamten beschlossen, den Angeklagten rund um die Uhr mittels einer Kamera überwachen zu lassen. In der Behörde hatte man Angst, der Angeklagte könnte sich seinem Prozess durch Selbstmord entziehen. Die Sache selbst war am Ende vergleichsweise unspektakulär. Beinahe alle Fakten waren bekannt, die Indizien gegen den Täter wären auch ohne dessen Geständnis erdrückend gewesen – immerhin wurde der radikale Tierschützer in unmittelbarer Nähe des Tatortes verhaftet, die Waffe, mit der die tödlichen Schüsse abgegeben worden war, trug er noch bei sich.

Offen waren zu Beginn der Verhandlung im April 2003 eigentlich nur noch Randaspekte. Handelte Van der Graaf wirklich allein, so wie er behauptete? Was war sein Motiv? War der Umweltschützer zur Tatzeit zurechnungsfähig?

Motiv: Hass

In den vier Verhandlungstagen wurden zumindest zwei der Fragen geklärt. Van der Graaf war ein Einzeltäter. Durch seine Mitarbeit, also ein umfassendes Geständnis, wurden auch letzte Detailfragen über den Tathergang geklärt. Die Sachverständigen urteilten überdies, dass van der Graaf zum Tatzeitpunkt zurechnungsfähig war. Der radikale Tierschützer weise zwar „Anzeichen eines beinahe als krankhaft zu bezeichnenden Ordnungs- und Kontrolltrieb auf, habe einen unverhältnismäßig stark ausgeprägten Starrsinn in moralischen Fragen“. Er wusste aber, so das Gutachten, genau was er tat, als er Fortuyn auf dem Parkplatz der Fernsehstadt Hilversum erschoss: Es war eine genau kalkulierte Handlung. Von einem Affekt kann keine Rede sein“, sagte der Sachverständige vor Gericht aus. Eine Erklärung für den Mord, das Motiv, konnte jedoch auch der Sachverständige nicht liefern. Eine Verbindung der psychischen Störungen zur Tat sei auszuschließen.

Auch der Täter selber trug wenig Erhellendes zur Begründung für den Mord bei. Er bereue die Tat nicht, frage sich lediglich, ob es überhaupt gerechtfertigt gewesen sei, Fortuyn zu erschießen. Anders gesagt, van der Graaf hält den Mord nicht für falsch, sondern eher politisch für „sinnlos“. Er habe, so seine Aussage, sich vor allem „zu wenig Gedanken über die Freunde und Verwandte Fortuyns gemacht.“ Zu einer Entschuldigung an die Angehörigen des Opfers konnte er sich dennoch nicht durchringen. Bleibt als Erklärung für den Mord nur grenzenloser Hass auf einen politischen Gegner. Das aber wäre, wenn es langfristig als einzige Begründung stehen bleibt, ein schwerer Schlag für das niederländische Selbstverständnis, dass doch so sehr von Toleranz und Kompromissen geprägt ist.

Die Staatsanwalt hatte lebenslang gefordert. Die Richter entschieden sich auf eine 18-Jährige Haftstrafe ohne Möglichkeit vorzeitiger Entlassung. Eine harte Entscheidung aber eben nicht die Höchststrafe. Die politischen Erbwalter Fortuyns protestierten und kündigten an, in die Berufung zu gehen. Es blieb jedoch bei dem Urteil.


Autor: Jan Kanter
Erstellt: Mai 2004