VI. LePen, Haider – und Pim Fortuyn?

Pim Fortuyn war Populist, nicht nur wegen der sorgsam inszenierten Auftritte. Pim Fortuyn suchte für sein politisches Programm zunächst einmal Schuldige – und anschließend nach dem Problem. Dass er dabei die Sorgen und Nöte der Bevölkerung aufgriff und zum Thema machte, ändert nichts am Prinzip. Im Gegenteil, das vermeintliche „dem Volk aufs Maul schauen“, das „sich zum Anwalt des kleinen Mannes machen“ ist beste Populisten-Tradition.

Das Etikett „rechts“ bereitet dagegen mehr Mühe. Ob er sich mit Jörg Haider und Jean-Marie LePen verstanden hätte, bleibt bis heute fraglich. Fortuyn selber hat entsprechende Vergleiche immer vehement von sich gewiesen. Pim Fortuyn hat in seiner politischen Karriere einen weiten Weg zurückgelegt, ursprünglich sah er sich selber als Marxisten, Teil seiner Wahlkampagne war bis zum Schluss eine größere Bürgerbeteiligung an politischen Prozessen, gemeinhin in Europa eine Forderung der Linken und Linksliberalen.

„Das Boot ist voll“-Philosophie

Die Rechtspopulisten Europas hätten auf Dauer allein wegen einer banalen „Nebensache, die im Kern zunächst einmal völlig unpolitisch erscheint, ihre Schwierigkeiten gehabt. Pim Fortuyn lebte seine Homosexualität öffentlich aus. Einen Schwulen hätten die Rechten in Wien, Rom und anderswo vielleicht noch akzeptiert, aber einen der das publikumswirksam mitten auf „offener Straße“ als Lebensentwurf propagiert? Da lagen vermutlich höhere Hindernisse zwischen Italien und den Niederlanden als die Alpen. Dumpfer Ausländerhass, wie ihn ein LePen predigt, war ihm zudem fremd. Er hatte seine eigene „Das Boot ist voll“-Philosophie. Er unterschied in „gute“, weil legal in den Niederlanden lebende, und „schlechte“, illegale Ausländer und vor allem zwischen integrierten – und anderen. Rassismus-Vorwürfe konterte er denn auch mit den Sätzen. „Ich habe nichts gegen marokkanische Knaben. Mit denen gehe ich sogar am liebsten ins Bett.“

Pim Fortuyn war nicht durch eine völkische, rassische Gesinnung geprägt, sondern durch seine Ablehnung des rückständigen „Orientalen“, der sich den westlichen Werten verschloss. Auch das trennt ihn von den „herkömmlichen“ Rechtsextremen. Demokratie, Freiheit, Gleichberechtigung waren seine Themen in diesen Debatten. Die Gleichberechtigung der Frau in der Gesellschaft findet sich auf braunen Bannern eher selten. Die Ablehnung des Anderen, Fremden – aus welchen Gründen auch immer – schon eher. Immerhin: Er wollte den Zuzug in die Niederlande begrenzen, dazu hätte er sogar europäische Verträge aufgekündigt, so zumindest seine Wahlreden. Letztlich blieb sein politisches Manifest bei allen scheinbar klaren Aussagen eher diffus. Seine Ausfälle gegen das Establishment scheinen sich eher aus persönlichen Verletzungen, die ihm in der Vergangenheit zugefügt worden waren, als mit einem tatsächlichen Programm zu erklären.

Pim Fortuyn, ein Rechtspopulist? Vielleicht, aber trotz seiner gelegentlichen Ausfälle ein vergleichsweise toleranter, den niederländischen Verhältnissen angepasster, dem ein einfaches Etikett nicht gerecht wird. Bevor Fortuyn sein politisches Profil schärfe konnte, so dass es in vielen Fragen genauer greifbar gewesen wäre, beendete ein Gegner das Leben des Politikers auf einem Parkplatz in Hilversum.


Autor: Jan Kanter
Erstellt: Mai 2004