XV. Personality-Show

Pim Fortuyn hat seinen Wahlkampf in erster Linie als Happening seiner eigenen Person inszeniert. Er hat mit rechten Thesen provoziert, interessant wurde er aber vor allem deshalb, weil er den Medien neuen, bisher in der politischen Berichterstattung unbekannten Stoff lieferte – eben sich selbst. Im Fernsehen wurde so selbst die Tatsache, dass der Rechtspopulist sein Auto bestieg ein Ereignis. Dass es eine Luxuslimousine war, gesteuert durch einen Chauffeur war beinahe spannender als der Termin, den Fortuyn besuchte (und was er dabei so von sich gab).

Der Quereinsteiger in die Politik gab den Journalisten reichlich Futter: Ausgiebig informierte Fortuyn über seine persönlichen Lebensverhältnisse und seine sexuellen Vorlieben. Aber das war noch nicht alles. Pim Fortuyn dachte und sprach in Schlagzeilen: Er trug einfache Thesen vor, provozierend zwar, aber eben auch in einem Satz zusammenfassbar, dem Bedürfnis der Journalisten nach einfachen, knackigen Schlagzeile Rechnung tragend.

Pim Fortuyn, der über keinen Parteiapparat verfügte und sich vermutlich geekelt hätte, wenn er auf der Straße ein Baby hätte küssen sollen, führte seinen Wahlkampf ausschließlich über die Massenmedien und kalkulierte klug, dass das Konkurrenzdenken in den Redaktionen dazu führen würde, dass sich am Ende alle darum prügeln würden, etwas mit oder über ihn schreiben zu können – auch wenn sie seine politischen Ziele vehement ablehnten. Das Prinzip hat sich offenbar durchgesetzt: Mittlerweile ist selbst der Hintern von Wouter Bos Bestandteil der öffentlichen (politischen!) Debatte.

Auftritte statt Argumente

Wiederum Pim Fortuyn wirbelte die Debattenkultur in den Niederlanden durcheinander. In den Fernsehdiskussionen im Wahlkampf durchbrach der Rechtsausleger die Konventionen und verunsicherte seine Konkurrenz bis zur Sprachlosigkeit. Bis dahin war es offenbar guter Brauch, dass sich die Spitzenkandidaten zu einem gepflegten Austausch der Argumente zusammentrafen. Höflich, aber langweilig dozierten sie ihrem Fernsehvolk ihre Sicht der Dinge, bewarfen das Wahlvolk mit komplizierter Materie und verließen sich darauf, damit hinreichend Eindruck zu erwecken.

Pim Fortuyn brachte „Leben in die Bude“. Er schimpfte, lachte, unterbrach wann er wollte, wurde pathetisch und zornig, um bald darauf wieder fröhlich Witze zu reißen. Vor allem bot er einfache Lösungen auf schwierige Fragen an. Dass es möglicherweise nur vermeintliche Lösungen waren, spielte keine Rolle. Der Zuschauer verstand – und fühlte sich verstanden. Mittlerweile hat Fortuyn eine ganze Reihe „Schüler“. Gerrit Zalm bediente sich ungeniert sogar der Argumente des Rechtspopulisten, schimpfte öffentlichkeitswirksam auf Europa und die EU. Jan Marijnissen, Chef der niederländischen Sozialisten führte seine Partei allein durch seine Fernsehauftritte aus dem Dämmerschlaf zurück in die öffentliche Wahrnehmung, so daß kurzzeitig – Marijnissen hatte die SP in Umfragen auf bis zu 20 Prozent Wählerstimmen katapultiert – sogar vom Phänomen des Linkspopulismus die Rede war. Auch die Grünen verdanken ihr Wahlergebnis vermutlich in erster Linie dem Charme ihrer Frontfrau Femke Halsema.

Den größten Erfolg feierte jedoch ein Popstar namens Wouter Bos, der seine Partei aus dem Umfragetief wieder zurück ins politische Geschäft führte, auch wenn es nicht ganz zum Wahlsieg reichte. Auch Bos begeisterte vor allem durch sein lockeres Auftreten in den Fernsehdebatten, weniger durch seine Argumente.
Konsens oder Streitkultur?

Derzeit könnte man die Niederlande als andauerndes politisches oder sogar gesellschaftliches Experiment mit offenem Ausgang bezeichnen. Im Zentrum des Versuchs steht das Verhältnis von Bürgern und Regierenden. Kommt die Macht des Medienstars über die Niederlande, so wie es der Auftritt Pim Fortuyns andeutete? Derzeit scheint es wieder darauf hinauszulaufen, dass sich die Bürger des Landes in Jahrhunderte lang geübter Tradition in fröhlichem Konsens dicht umeinander scharen, um den Unbilden der Weltläufe zu trotzen. Ob sich möglicherweise doch die Polarisierung in der Politik durchsetzt – wenn entweder die Krisensituation andauert oder ein neuer Populist auftaucht – kann ehrlich eingestanden erst genauer beantwortet werden, wenn wieder eine Wahl ansteht.


Autor: Jan Kanter
Erstellt: Mai 2004