V. Inszenierungen: Fortuyn und die Medien

Die Beziehung der Medien beziehungsweise ihrer Vertreter zu Pim Fortuyn lässt sich am ehesten mit dem eines Kindes, dass im Urlaub vor einer silbrig glänzenden, an den Strand gespülten Qualle steht, vergleichen. Das Kind ekelt sich vor dem fremden, nicht fassbaren Wesen, kann aber – bin ins Innerste fasziniert – den Blick nicht lösen. Die Provokationen Fortuyns, der sein politisches Leben als einzigen fortwährenden Tabubruch inszenierte, hat die Journalisten in den Niederlanden gefesselt. Natürlich waren die meisten politischen Beobachter der Den Haager Szene empört über die politischen Aussagen des Rechtspopulisten. Gleichzeitig frohlockten sie, dass endlich ein Politiker aus der Routine des traditionellen Wahlkampfes ausbrach.

Die Auftritte des bekennenden Homosexuellen waren eigentlich immer hochgradig kameratauglich, geeignet für schillernde Reportagen in den Tageszeitungen. Für Korrespondenten auf der Suche nach dem Ungewohnten, dem Spektakulären ein Hauptgewinn. Das wusste auch Fortuyn – und nutzte es weidlich. Im Wahlkampf des Jahres 2002 gelang es ihm, selbst das Besteigen seines Wagens zum Medienereignis zu stilisieren.

Pim Fortuyn schaffte neue Medienwirklichkeit

Die niederländischen Journalisten filmten, fotografierten und schrieben beim Versuch, das Phänomen Fortuyn zu entzaubern, sich beinahe die Finger wund – und wunderten sich, warum Pim Fortuyn „beim gemeinen Volk“ derart populär war. Beim Versuch einer Erklärung hilft ein Blick in die Biographie des Rechtspopulisten. Fortuyn stilisierte sich selber gerne zum Quereinsteiger in die Politik. Das stimmt insofern, als er zuvor keine offiziellen Ämter innehatte. Als gefragter Redner eines Thinktanks in elitären Zirkeln hatte er aber über Jahre hinweg beste Kontakte ins Establishment. Außerdem schrieb er zehn Jahre als Kolumnist des Magazins „Elsevier“. Fortuyn darf also durchaus als Medienprofi bezeichnet werden, einer der zudem sehr genau das Zusammenspiel von Politik und Medien studieren konnte.

Pim Fortuyn schaffte für die Niederländer, die eine bunte Medienlandschaft ihr eigen nennen und in Europa bisweilen eine Vorreiterrolle für neue Sendekonzepte einnehmen, eine neue Medienwirklichkeit. Das belegen einige Beobachtungen aus den Jahren 2002 und 2003. Wer die Wahlkampfinszenierungen in den USA und seit einiger Zeit in Deutschland verfolgt, könnte allerdings auf die Idee kommen, dass sich Fortuyn als eine Art Entwicklungshelfer für die niederländische Polit-Szene betätigt hat. Wobei durchaus fraglich ist, ob dieser „Aufhol“-Prozess in Richtung moderne Mediendemokratie wirklich ein Fortschritt ist.


Autor: Jan Kanter
Erstellt: Mai 2004