III. Der Auftritt Pim Fortuyn

Spätestens nach der Kommunalwahl in Rotterdam am 6. März, bei der Leefbar Rotterdam mit Pim Fortuyn als Zugpferd zur stärksten Fraktion im Stadtparlament wurde, muss dem Soziologieprofessor Fortuyn aufgegangen sein, dass die neue „Marke Pim Fortuyn“ ein Erfolgsmodell werden könnte. Blockiert wurde sein Aufstieg, so sah das Fortuyn, allerdings noch von lästigen Parteistatuten, anderen Politikern bei den Leefbaren und deren eigenen Ideen. Zu Beginn der Zusammenarbeit schien Fortuyn die Graswurzel-Bewegung der Leefbaren, eine Protestbewegung ohne klares politisches Profil – mal links- meistens rechtsauslegend – eine gute Bühne für den Einstieg ins politische Geschäft zu sein. An seinem Wohnort Rotterdam vereinbarte er die Kooperation, wurde Spitzenkandidat. Es war eine Erfolgsgeschichte: Dank Fortuyn wurde die Protestbewegung zur nationalen Größe. Der Zusammenschluss der kommunalen Gruppierungen zu Leefbar Nederland lag ein Vierteljahr vor der Parlamentswahl in den Umfragen der Meinungsforscher bei rund zehn Prozent der Stimmen. Schon in dieser Zeit wurde Fortuyn Leefbar zu klein.

Bereits an den Koalitionsverhandlungen in Rotterdam nahm er gar nicht mehr teil, was allen Beteiligten recht gewesen sein musste. Die Leefbaren wollten die Verhandlungen, die ihnen einen Platz am Tisch der kommunalen Macht sichern sollten, nicht durch immer neue Ausfälle ihrer unberechenbaren Schaufensterfigur gefährden und Pim Fortuyn seinerseits mochte sich nicht unterordnen, möglicherweise sogar mit Politkern verhandeln, die als lokale Größen bei weitem nicht sein Format hatten. Er fuhr also in Urlaub. Dort wird dann die Idee gereift sein, erstens bei den Parlamentswahlen mitzumachen und zweitens dort mit einer eigenen Liste anzutreten. Formal hatte sich Leefbar Nederland vor dessen Entscheidung, mit einer eigenen Liste bei der Wahl anzutreten, von ihrem Spitzenkandidaten wegen rassistischer Bemerkungen getrennt. Pim Fortuyn hatte in einem Interview den Islam als „rückständige Kultur“ bezeichnet, was den LN-Offiziellen denn doch zu weit ging. Sie kannten zwar die Ansichten ihres Aushängeschildes, hatten sich aber versprechen lassen, dass er sich mit derartigen Äußerungen im Wahlkampf zurückhält – insofern hat Fortuyn seinen Rauswurf vermutlich wissentlich und willentlich provoziert.

Eine Eigene Liste

Im März 2002 gründete Pim Fortuyn die Lijst Pim Fortuyn. Der Name war Programm. Eine Partei im eigentlichen Sinne gab es nämlich nicht. Er fragte Freunde, bei anderen Parteien gescheiterte und allgemein Unzufriedene, ob sie nicht Lust hätten, sich an seiner Kandidatenliste, die er brauchte, um bei der Wahl antreten zu dürfen, zu beteiligen. Es war eine schräge Mischung, die so zusammenkam. Beinahe alle Beteiligten verband eigentlich nur der diffuse Wille, auch einmal ganz oben mitzumischen und eine vage persönliche Bindung zu Pim Fortuyn. Als Programm musste die Abrechnung Pim Fortuyns mit der amtierenden Regierung und vor allem mit den Sozialdemokraten, die einst seine Talente nicht richtig erkannt hatten, herhalten. „Die Trümmer von Acht Jahren Lila Koalition“ wurde zum inoffiziellen Parteistatut.

Ein kleiner Raum im Gebäude eines Rotterdamer Verlages. Ein einfacher Tisch vor einem Wahlkampfplakat der Liste Pim Fortuyn. An dem Tisch ein Mann, beinahe allein, unterstützt nur von einer Dolmetscherin. Ihm gegenüber Fernsehkameras, Mikrofone, Journalisten. Drei Tage vor seinem Tod stellte sich Pim Fortuyn zum ersten – und einzigem Mal – der internationalen Presse. Auch dieser Auftritt war sorgfältig inszeniert. Die Botschaft: „Seht her! Der kleine Außenseiter, ohne Parteiapparat und Spendengelder, mischt die Politik auf.“ Fortuyn, wie immer sorgfältig gepflegt, gibt den Staatsmann. Vor allem seine Hände, seine Gesten bleiben von diesem Treffen in Erinnerung: Mit raumgreifenden Bewegungen skizziert er Europa auf der braunen Tischplatte, malt Grenzen, bewegt Feldherrngleich Verbündete und Gegner auf einem virtuellen „Schlachtplan“. Energisch spießt er mit den Fingern in der Luft imaginäre Gegner und deren Argumente auf.

„Trümmerhaufen von acht Jahren Lila Koalition“

Während der Pressekonferenz und während des anschließenden Einzelinterviews gibt er die Diva: Wenn ihm eine Frage eines ausländischen Journalisten nicht gefällt, versteht Fortuyn, der unter anderem fließend deutsch und englisch spricht, auf einmal nichts mehr. Die Dolmetscherin muss einspringen, damit er Zeit gewinnt. Sie muss auch seine Antworten übersetzen, er „fürchtet“ missverstanden zu werden. Sein größtes Problem: Was immer er auch gesagt hat, er hat es nie so gemeint, wird von seinen Gegnern und den meisten Journalisten böswillig falsch interpretiert. Jovial weist er – darauf spekulierend, dass die ausländischen Reporter des Niederländischen nicht mächtig sind – darauf hin, dass sie sein Buch lesen müssten, um ihn zu verstehen. Mit Textpassagen seines „Trümmerhaufen von acht Jahren Lila Koalition“ konfrontiert, blockt er ab, wird aggressiv: Nach dem Treffen bleiben Fragen: Fortuyn, ein Paradiesvogel gewiss, ein blendender Rhetoriker ohne Zweifel, aber wirklich ein Charismatiker, ein Politiker mit tatsächlichen Überzeugungen?


Autor: Jan Kanter
Erstellt: Mai 2004