VII. Das Attentat auf Pim Fortuyn

Zur Strategie Pim Fortuyns im Wahlkampf des Jahres 2002 hatte die Provokation gehört. Er wollte schockieren, Mit seinen provokanten Thesen, seinen Auslassungen über Ausländer und selbst mit seinem zur Schau gestellten Reichtum gelang ihm das immer wieder. Vor allem die radikale Linke fühlte sich durch den Rechtspopulisten gereizt. So erhielt er immer wieder Drohungen. Die Anti-Fortuyn-Kampagne erreichte ihren vorläufigen Höhepunkt während der Präsentation seines Buches „Die Trümmerhaufen von acht Jahren Pars“, seiner Abrechnung mit der Regierung des Sozialdemokraten Wim Kok.

Angehörige einer selbst ernannten Spaßguerilla nutzten die Gelegenheit, um den Auftritt Fortuyns für eine eigene „politische“ Demonstration zu missbrauchen. Vier junge Männer und Frauen betraten den Raum, in dem das Buch vorgestellt werden sollte und bewarfen Fortuyn vor der versammelten Presse mit Kot-gefüllten Torten. Eine sorgsam kalkulierte Verletzung des 54-Jährigen, der sich selber als besonders gepflegt und modebewusst präsentierte. Im ersten Moment dieses Anschlages sorgte sich Fortuyn vor allem um seinen „guten Anzug“.

Das Attentat, das insofern harmlos war, weil es „nur“ auf die Würde des Mannes zielte, wirft dennoch ein interessantes Bild auf die Situation in den Niederlanden. Bis dahin war es in der politischen Szene eher familiär zugegangen. Größere Sicherheitsmaßnahmen gab es kaum. So konnte man in Den Haag selbst den damaligen Premier Wim Kok bisweilen auf dem Fahrrad zu seinem Arbeitsplatz kurven sehen.

Den Angehörigen der „Spaßguerilla“ gelang es jedoch nicht nur – mit ihren vier voluminösen, übel riechenden Torten – den Raum, in dem Fortuyn saß, zu betreten, sie erreichten darüber hinaus ungehindert das Podium, wo sie den Anschlag verübten. Anschließend konnten sie auch noch den Ort der Handlung unbehelligt wieder verlassen. Dieser Vorfall ist in sofern bedeutsam, als Pim Fortuyn postwendend schwere Vorwürfe Richtung Regierung erhob. Mit beinahe prophetischer Gabe warf er Wim Kok und seinem Team vor, erstens die Atmosphäre gegen ihn aufzuheizen und zweitens nicht genügend für seine Sicherheit zu sorgen. Diese Anklage sollte postum eine enorme Kraft entfalten und das Wahlverhalten der Niederländer maßgeblich beeinflussen.

Mord in Hilversum

Mediapark Hilversum Es ist nicht so, dass Pim Fortuyn als erster Niederländer die Möglichkeiten der Massenmedien im Wahlkampf entdeckt hat. Aber er hat die mediale Selbstinszenierung zu einer für das Land bis dahin unbekannten Perfektion entwickelt. Mit wohl kalkulierten Auftritten im Radio und Fernsehen ging er auf Stimmenfang. (Dass er gleichzeitig immer wieder bekundete, einen derartigen Rummel zu verabscheuen, keine Interviews geben zu wollen, war Teil der wohl kalkulierten Strategie).

Im Endspurt des Wahlkampfes wollte er noch einmal aufdrehen, verabredete Termine. Daher gab er am Montag, dem 6. Mai einem Radiosender in Hilversum ein Interview. Wie immer war er in seinem eigenen Wagen, seinem geliebten Daimler, unterwegs. Nach dem Gespräch verabschiedete sich Fortuyn von seinen Interview-Partner und eilte zu dem Parkplatz, auf dem er das markante Gefährt abgestellt hatte. Dort wartete bereits Volkert van der Graaf. Ohne zu zögern, feuerte der radikale Tierschützer aus nächster Nähe fünf Mal auf den Rechtspopulisten. Die Waffe, eine Neun-Millimeter-Pistole, hatte er, so die Ermittler, kurz zuvor in einer Kneipe gekauft. Auch van der Graaf konnte sich, wie einige Tage zuvor die Mitglieder der Spaßguerilla, die Fortuyn mit Torten beworfen hatten, zunächst ungehindert vom Tatort entfernen.

Zwar gab es keine Bilder vom Attentat, den Todeskampf des Politikers konnte die ganze Nation live am Bildschirm verfolgen. Immerhin liegt der Parkplatz, der zum Tatort wurde, in Hilversum, dem Medienzentrum der Niederlande. Zur besten Sendezeit wurden die Bilder der Rettungskräfte, die vergeblich um das Leben Fortuyns rangen, übertragen. Während die Rettungssanitäter sich noch um Fortuyn bemühten, begann die Fahndung und damit doch noch der massive Polizeieinsatz, den Fortuyn immer gefordert hatte. Wenige Stunden nach dem Tod Fortuyns wurde Volkert van der Graaf gefasst.


Autor: Jan Kanter
Erstellt: Mai 2004