Kurzbeitrag: Diplomatische Beziehungen zwischen Deutschland und den Niederlanden

Die Beziehungen zwischen Deutschland und den Niederlanden sind sehr gut und weitgehend problemfrei. Die Regierungen arbeiten sehr eng zusammen; vieles geht im Direktverkehr zwischen den betroffenen Behörden.

Bemerkenswert ist die Zusammenarbeit zwischen unseren beiden Außenministerien und den diplomatischen Diensten. Im Rahmen eines Austausches werden  regelmäßig Beamte des Auswärtigen Amtes in das niederländische Außenministerium entsandt, um dort Struktur und Arbeitsweise kennen zu lernen und persönliche Kontakte zu knüpfen; im Gegenzug arbeiten niederländische Diplomaten beim AA in Berlin. Ausgewählte deutsche und niederländische Auslandsvertretungen haben begonnen, ihre Berichte auszutauschen. In Daressalam haben wir ein gemeinsames Gebäude bezogen, und in Abuja haben Niederländer und Deutsche zusammen mit weiteren EU-Staaten auf einem gemeinsamen Grundstück ihre Kanzleien errichtet.  

Mit den regelmäßig stattfindenden Deutsch-Niederländischen Konferenzen zu aktuellen gesellschaftspolitischen Fragen  wurde ein Forum eingerichtet, auf dem deutsche und niederländische Entscheidungsträger - auch aus der Zivilgesellschaft - direkt miteinander diskutieren und voneinander lernen können.

Deutschland, Niederlande und ein gemeinsames Europa

Die Niederlande und Deutschland gehören zu den Gründungsmitgliedern der europäischen Union, ihre Zusammenarbeit stand schon immer im Zeichen des gemeinsamen Engagements für die Europäische Integration. Dass die Geschichte der EU eine beispiellose Erfolgsgeschichte war und ist, danken wir auch der Tatsache, dass Deutschland und die Niederlande den oftmals mühsamen Weg zu gemeinsamen Positionen häufig in enger Abstimmung gingen. Auch wenn natürlich jedes EU-Mitgliedsland teilweise unterschiedliche Interessen hat und dies zu Differenzen führen kann, gilt für die deutsch-niederländische Partnerschaft, dass wir uns in den großen Zügen einig sind: Wir wollen eine effiziente, bürgerbezogene und ergebnisorientierte Union mit transparenten, demokratischen Entscheidungswegen: ein Europa der Bürger und für die Bürger. Auf der Tagesordnung bleibt die institutionelle Reform der EU einschließlich ihrer vertraglichen Grundlagen. Wir wollen eine EU, die sich den Herausforderungen einer globalisierten Wirtschaft, den Energie- und Umweltproblemen und der Sicherheit der Bürger besser stellen kann.

Deutschland und die Niederlande gehen auch bei der Umsetzung der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik voran: So führte z.B. das in Münster stationierte Deutsch-Niederländische Korps mit den High Readiness Forces Headquarters im Jahr 2003 die internationale Schutztruppe in Afghanistan (ISAF III). 2006 sorgten deutsche und niederländische Soldaten gemeinsam im Rahmen der EUROR-Mission für einen friedlichen Verlauf der Präsidentschaftswahlen im Kongo und gegenwärtig unterstützt eine niederländische Fregatte den unter deutscher Führung fahrenden Flottenverband zur Verhinderung des Waffenschmuggels vor der libanesischen Küste. Ähnlich intensiv gestaltet sich die Zusammenarbeit in den Bereichen Polizei und Justiz. Der Vertrag von Prüm ermöglicht die effizientere gemeinsame Bekämpfung der grenzüberschreitenden Kriminalität und insgesamt eine verbesserte polizeiliche Zusammenarbeit.

Großes Land - kleines Land?

Die zunehmende Bereitschaft Deutschlands, international Verantwortung zu übernehmen, wird in den Niederlanden vorbehaltlos begrüßt; diese Bereitschaft hat unser „Image“ hier verbessert. Dennoch ist das Begriffspaar "großes Land – kleines Land", das in niederländischen Debatten über europäische und internationale Themen allgemein eine wichtige Rolle spielt, im Verhältnis zu Deutschland nicht immer frei von Ressentiments. Es wird der Qualität unserer Beziehungen nicht gerecht. Stereotypen vom "kleinen Nachbarn" bestehen praktisch nur auf der niederländischen Seite der Grenze. In Deutschland ist man sich sehr wohl bewusst, dass den Niederlanden mit ihrer Vergangenheit einer Kolonialmacht, ihrem weltoffenen Handelsgeist, ihrer international verflochtenen Wirtschaft und ihrem großen Einsatz in multilateralen Bereichen wie Entwicklungshilfe, humanitärer Hilfe und Peacekeeping-Operationen ein Gewicht zukommt, das sich nicht in Fläche und Einwohnerzahl ausdrücken lässt. Den Haag schließlich trägt als Welthauptstadt des internationalen Rechts („legal capital“) zusätzlich zur Bedeutung des Landes bei.

Grenzüberschreitende Zusammenarbeit - Euregios

Einen besonders wichtigen Beitrag sowohl zu unseren bilateralen Beziehungen als zur Europäischen Integration leistet die grenzüberschreitende Zusammenarbeit im Rahmen der fünf Euregios. Träger sind Kommunen und regionale Gebietskörperschaften wie z.B. Gemeinden, Landkreise, Provinzen. In den Euregios geht es um praktische, die Menschen sehr direkt betreffende Fragen des Zusammenlebens, sei es beispielsweise im Arbeitsmarktbereich (Stichwort Grenzpendler), im grenzüberschreitenden Gesundheitswesen, im Bereich Forschung und Innovation. Der Regelungsbedarf ist nahezu unerschöpflich, das Bohren dieser dicken Bretter lohnt sich jedoch - nicht nur für die Betroffenen selbst, sondern auch darüber hinaus als Pionierleistung für künftige Regelungen auf europäischer Ebene.

Wirtschaftsbeziehungen

Von fundamentaler Bedeutung für das Verhältnis zwischen unseren beiden Ländern sind die Wirtschaftsbeziehungen. Die beiden Volkswirtschaften sind in hohem Maße miteinander verflochten. Das zeigt sich vor allem am bilateralen Handel: Deutschland ist für die Niederlande seit langem das wichtigste Import- und Exportland, und für Deutschland sind die Niederlande nach Frankreich das erste Bezugsland ausländischer Waren und Dienstleistungen. Deutschland treibt mit den Niederlanden mehr Handel als mit Russland und China zusammen. In den Niederlanden haben sich über 1.000 deutsche Unternehmen angesiedelt und bieten zehntausende Arbeitsplätze. Deutschland ist nach den USA auch der größte ausländische Investor. 40% der in Rotterdam umgeschlagenen Güter sind für den deutschen Markt bestimmt. Gut 40% der niederländischen Gütertransporte werden über Deutschland - sprich: die deutschen Autobahnen, Schienenwege und Binnenwasserstraßen abgewickelt. Neue Verkehrsprojekte wie die „Betuwelinie“ stehen deshalb im Mittelpunkt der bilateralen Zusammenarbeit.  

Beziehungen im Kulturbereich

Auch die kulturellen Beziehungen zwischen Deutschland und den Niederlanden sind eng und vielgestaltig. Der Stellenwert, der den Kulturbeziehungen von beiden Ländern eingeräumt wird, ist außerordentlich hoch. Deutschland gehört zu den so genannten "Prioritätsländern" der niederländischen Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik. Umgekehrt genießen die Niederlande auch bei unserer Kulturarbeit große Bedeutung. Besonders eng sind die Verbindungen der Bundesländer Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen mit dem Nachbarland Niederlande. Aber auch Brandenburg hat nicht zuletzt aus historischen Gründen (gewachsene Verbindungen mit dem Hause Oranien-Nassau) viele Berührungspunkte, z.B. bei Architektur, Landschaftspflege und Kunst.


Die Zusammenarbeit im kulturellen Bereich weist beachtliche Erfolge auf: Zusammenarbeit von Schulen und Berufsbildungszentren; Austausch von Lehrern, Schülern und Auszubildenden; Kooperationen von Museen, Stiftungen und anderen Kultureinrichtungen. Im universitären (v. a. auf Instituts- und Fachbereichsebene) und außeruniversitären Forschungsbereich (Max-Planck-Institute, Fraunhofer-Institut, Akademien) bestehen rund 600 Kooperationsvereinbarungen. Beide Länder fördern die Sprache des Nachbarlandes, vor allem im grenznahen Bereich. Darüber hinaus werden Schulpartnerschaften, Jugendaustauschprogramme und die Zusammenarbeit bei der Berufsbildung unterstützt.

Zwischen Kultureinrichtungen und Veranstaltern beider Länder besteht ebenfalls reger Austausch. Ein Großteil dieses Austausches findet auf kommerzieller, institutioneller und privater Ebene statt. Neben dem Goethe-Institut Niederlande, das in Amsterdam und Rotterdam Institute unterhält und das unser Flagschiff der deutschen Kulturarbeit ist, widmen sich drei deutsch-niederländische Kulturstiftungen (Deutsche Bibliothek Den Haag, Genootschap Nederland-Duitsland, Stichting Cultuur & Kommunikation), zum Teil bereits seit über 50 Jahren, der Pflege der bilateralen Kulturbeziehungen durch Autorenlesungen, Musik- und Vortragsveranstaltungen, Diskussionsabende sowie Filmpräsentationen. Das Deutschland Institut Amsterdam (DIA) schafft seit 1994 eine wissenschaftlich fundierte Grundlage für den kulturellen Austausch und das gegenseitige Verständnis.

Deutsch-Niederländische Nachbarschaft: „Pragmatiker“ vs. „Prinzipienreiter“?

Gleichklang der politischen Interessen, hoher Grad wirtschaftlicher Verflechtungen, geographische Nähe und Sprachverwandtschaft dürfen nicht dazu verleiten, die Niederlande als "17. Bundesland" zu sehen, wie es bisweilen – scherzhaft, aber doch – geschieht. Die Niederlande und Deutschland haben ein sehr unterschiedliches historisches Schicksal gehabt, und auch heute gibt es deutliche Unterschiede in der politischen Kultur, die es weiterhin zu respektieren gilt.

Die Dichte der Beziehungen bei gleichzeitig doch bestehenden Unterschieden regt Nachbarn offenbar dazu an, sich übereinander Gedanken zu machen. Hier lauert jedoch stets die Gefahr von Verallgemeinerungen und Vorurteilen. Die Themen Drogenpolitik und Sterbehilfe sind Beispiele dafür, wie schnell Stereotypen zur Hand sind: hier die niederländischen Pragmatiker, das „Händlervolk“, das sich angeblich ohne Bedenken auf die Dinge einstellt, wie sie nun einmal sind, dort die deutschen Prinzipienreiter und realitätsfernen Moralisierer, die nicht aus dem Schatten ihrer Vergangenheit treten können. Jedoch: wenn wir uns die Mühe machen, einander vorurteilslos zuzuhören, und wenn wir wirklich wissen wollen, wie es auf der anderen Seite der Grenze aussieht, werden wir feststellen, dass die Kluft gar nicht so groß ist. Einheit in der sich ergänzenden Vielfalt, getragen von gegenseitigem Respekt – diese Elemente bilden die Orientierungspunkte im Dialog unserer beiden Länder und ihrer Gesellschaften. 

Autor: Dr. Thomas Läufer
Erstellt: April 2007