II: Nachbarschaft als geographisches und historisches Schicksal

Bei der ersten Deutsch-Niederländischen Konferenz 1996 (siehe unten) sagte der damalige niederländische Außenminister Hans van Mierlo: Die „Nachbarschaft“ beider Staaten sei „eine Sache geographischen und historischen Schicksals, das seine eigene Spannung hervorruft“. Damit verwies er auf die strukturellen Faktoren, die die deutsch-niederländischen Beziehungen immer etwas prekär machen, so gut die Stimmung auch ist. Für die deutsche Nachbarschaft zu Belgien und Luxemburg gilt Vergleichbares, wenn auch das deutsch-niederländische Verhältnis nach 1945 im Vergleich oft etwas angespannter gewesen ist.

Deutschland und insbesondere Nordrhein-Westfalen sind durch eine sehr alte Beziehungsgeschichte mit den Nachbarn im Nordwesten verbunden. Bedingt durch die Geographie Europas stehen die Menschen, ihre Städte und Staaten, in diesem Raum schon seit Jahrhunderten in engem und intensivem Kontakt zu einander. Sie entwickelten kulturellen Gemeinsamkeiten und, bei allen Unterschieden, vergleichbare Mentalitäten. Doch sowohl die Beziehung der Westdeutschen zu ihren Nachbarn als auch die Beziehungen der Belgier, Niederländer und Luxemburger untereinander[1] waren erheblichen Schwankungen unterworfen.

Handel, Bildformung und Beziehungen

Die Regionen auf dem Gebiet des heutigen Nordrhein-Westfalen und des Benelux-Raums sind traditionell durch Handel verknüpft. Nirgends war die gegenseitige Abhängigkeit deutlicher, und für beiden Seiten oft vorteilhafter, als entlang des Rheins, der Wasserstraße, die das deutsche Rheinland und die Niederlande schon seit jeher verbindet. Während Rotterdam sich dank der deutschen Industrialisierung zum „größten Hafen Deutschlands“ entwickelte, sorgte die Schaffung neuer Infrastrukturen wie etwa der Bahnverbindung „Eiserner Rhein“ zwischen dem Hafen in Antwerpen und dem Rheinland sowie dem Ruhrgebiet dafür, dass auch die Wirtschaftsbeziehungen zu Belgien sich sprunghaft entwickelten. Heutzutage sind die Niederlande und Deutschland wirtschaftlich so eng verflochten, dass nur das Staatenpaar Amerika-Kanada diese Nachbarschaft noch überbieten kann, und auch Belgien und Luxemburg sind eng mit der deutschen Wirtschaft verknüpft.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zeigte die räumliche Nähe ihre dunkle Seite. Die Besatzung der Nachbarländer – Belgien und Luxemburg sogar in beiden Weltkriegen – verursachte Verletzungen und Vertrauensverluste, wodurch sich nach 1918 und noch stärker nach 1945 ein Neuanfang der Nachbarschaft nur schwer realisieren ließ. Wie Frankreich stellte das kriegsgeschädigte Belgien nach dem Ersten Weltkrieg hohe Reparations- und Annexionsforderungen und ab 1923 beteiligte sich das Land auch an der Besetzung des Ruhrgebiets und des Rheinlands. Teile der ehemaligen preußischen Rheinprovinz rund um die Städte und Gemeinden Eupen, Malmedy und St. Vith waren bereits zuvor als Reparationsleistung an Belgien gegangen.[2]

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren es eher die Niederlande – am Ersten Weltkrieg noch unbeteiligt – die es besonders schwer fanden, wieder zu einem konstruktiven Verhältnis zu Deutschland zu finden. Während Belgien und Luxemburg in den 1950er Jahren Ausgleichsverträge mit Deutschland geschlossen und sich die bilateralen Verhältnisse überraschend schnell normalisiert hatten, blieb das deutsch-niederländische Verhältnis angespannt. Erst 1963 kam nach jahrelangen Verhandlungen ein Ausgleichsvertrag zustande.

Ressentiments

Obwohl die praktische Zusammenarbeit auch im Politischem danach relativ reibungslos verlief - in der Wirtschaft war sie ohnehin schon längst wieder gut -, blieb die Wahrnehmung der Deutschen und Deutschlands ambivalent und manchmal negativ. Ein Teil der Niederländer hegte noch lang starke Ressentiments gegen die Deutschen und schaute mit Skepsis auf das Nachbarland und seine junge Demokratie. Wie nah die Ressentiments unter einer Oberfläche scheinbar glänzender Beziehungen weiterlebten zeigte sich in der Fußballeuropameisterschaft 1988. Eine ungekannte Euphorie machte sich auf niederländischen Plätzen und Straßen breit nach dem niederländischen Sieg über die Deutsche Nationalelf im Halbfinale des Turniers. Antideutsche Sprechchöre und vereinzelte Übergriffe auf deutsches Eigentum verdarben hier und da die Party.

Auch am Anfang der 1990er Jahre wurde noch einmal von einer Krise im deutsch-niederländischen Verhältnis gesprochen. So wurde im Herbst 1992 in den niederländischen Medien hitzig über die Übernahme des niederländischen Flugzeugherstellers und Technologiekonzerns Fokker durch die – ausgerechnet – aus Deutschland stammende DASA diskutiert. Kurze Zeit später sorgte eine Umfrage unter niederländischen Jugendlichen durch das Haager Institut „Clingendael“ für große Erregung: 56 Prozent der jungen Niederländer dachten negativ über die Deutschen und ihr Land. Wenig später schien eine Postkartenaktion dies noch zu bestätigen. Nach einem Aufruf einer Jugendradiosendung unterzeichneten mehr als 1,2 Millionen Zuhörer Postkarten mit dem Text „Ik ben woedend“ (dt.: Ich bin wütend). Damit wollten sie dem deutschen Bundeskanzler ihre Wut über einen ausländerfeindlichen Brandanschlag im deutschen Solingen mitteilen.

Im Hintergrund spielte es eine Rolle, dass die Niederlande durch die Umbrüche um 1990 – deutsche Einigung, Ende des Kalten Krieges, Aufhebdung der Teilung Europas – stark verunsichert waren. Nach 1945 hatte das Land für den Erhalt seiner Sicherheit und der Stabilität auf dem Kontinent, in Zusammenarbeit mit anderen Staaten, mit der NATO und der europäischen Integration zwei verhältnismäßig gut funktionierende Lösungen gefunden. Der Fall der Mauer, der an sich von den meisten Niederländern sehr begrüßt wurde, und dessen Folgen schienen diese jedoch in Frage zu stellen.

Durch „Clingendael“ wurde es den Entscheidungsträgern und einigen verantwortungsbewussten Meinungsmachern klar, dass diese Unsicherheiten in der niederländischen öffentlichen Debatte zu sehr auf das neue Deutschland projiziert wurden. Mithilfe der Bundesregierung entwickelten sie ab 1994 eine Reihe von Aktivitäten zur Intensivierung des Verhältnisses zwischen Deutschland und den Niederlanden. Diese waren auf verschiedene Zielgruppen gerichtet und stellten in ihrer Gesamtheit eine relative einzigartige Kampagne dar. Dem lag kein bis ins Detail ausgearbeiteter Masterplan zugrunde, sondern die verschiedenen Elemente inspirierten, ergänzten und verstärkten sich oft gegenseitig.

Basis für ein besseres Verhältnis schaffen

Deutsch-Niederländisches Forum 2012
Deutsch-Niederländisches Forum 2012
© Angelika Fliegner/NiederlandeNet/cc-by-nc-sa

Man fing an mit einer Reihe äußerst medienwirksamer Besuche führender Politiker aus Deutschland in den Niederlanden: Bundeskanzler Helmut Kohl und Bundespräsident Roman Herzog besuchten das Land im Jahr 1995. Außerdem setzten die Außenministerien der beiden Nachbarländern sich daran, neue deutsch-niederländischen Netzwerke zu knüpfen, die den Beziehungen nicht nur einen positiven Impuls geben sollten, sondern mit denen auch eine solidere Basis für ein besseres Verhältnis geschaffen werden sollte. Ab 1996 fand eine regelmäßige Begegnung von Vertretern der Politik sowie einer ganzen Reihe von gesellschaftlichen Sektoren statt, die so genannte Deutsch-Niederländische Konferenz, 2012 in Deutsch-Niederländisches Forum umbenannt. Noch davor, im Jahr 1994, startete außerdem ein jährlicher Journalistenaustausch, das Journalistenstipendium Deutschland-Niederlande.

Schließlich entwickelten sich ab der Mitte der 1990er Jahre viele Initiativen auf dem Gebiet der deutschen Sprache und des Unterrichts über Deutschland. Vieles davon geschah unter Federführung des niederländischen Bildungsministeriums, doch es half sehr, dass die Regierung Nordrhein-Westfalens bereits ab den späten 1980er Jahren auf dem Gebiet der Bildung die Zusammenarbeit und den Austausch mit den Niederlanden suchte. In den Niederlanden kam die wichtigste Initiative im Bereich der Bildung und Wissenschaft erst Mitte der 90er Jahre zustande, auch wenn in der zweiten Hälfte der 80er Jahre bereits einige, teils von privaten Institutionen getragene Initiativen ins Leben gerufen worden waren (wie etwa die Stiftungen zur Förderung der deutschen Sprache und der Deutschlandstudien).

Die wichtigste Initiative des niederländischen Bildungsministeriums war das Deutschlandprogramm für das Hochschulwesen, das unter anderem zur Gründung verschiedener wissenschaftlicher Institute führte. Auffallend war dabei, dass sich das erst 1996 gegründete Duitsland Instituut der Universiteit van Amsterdam auf diesem Gebiet in absehbarer Zeit eine zentrale Stellung erwarb. Dieses DIA erhielt in den verschiedenen Runden des „Duitslandprogramma“ immer mehr Aufgaben und stellt inzwischen in den Niederlanden das zentrale Kompetenzzentrum zum heutigen Deutschland (in politischer, wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Hinsicht) dar. Es trägt sein Wissen auch sehr bewusst in die niederländische Öffentlichkeit, über eine Vielzahl wissenschaftlicher Aktivitäten und Beiträge in den Medien. Daneben erfüllt das DIA eine entscheidende Vermittlerrolle beim Zustandekommen von Netzwerken und deren Unterhalt.

Zugleich entwickelten sich auch anderswo wichtige und interessante Initiativen, so wie etwa mit dem jüngst in Nimwegen geschaffenen und gemeinsam mit der Universität Münster getragenen Masterstudiengang Niederlande-Deutschland-Studien.


[1] Neue Vitalität für eine europäische Kernregion – Partnerschaft NRW-Benelux vertiefen. Düsseldorfer Erklärung der CDU-Fraktion im nordrhein-westfälischen Landtag, Mai 2007.
[2] Vgl.: Wielenga, Friso: Die Benelux aus niederländischer Perspektive, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 8/2008, s.13-19, Onlineversion.

Autor: Ralf Kalscheur
Erstellt: September 2009
Aktualisiert: Februar 2014, Jacco Pekelder