VI. Eine Patchworktruppe gibt den Ton an: Gemeinsame Friedenssicherung im Ersten Deutsch-Niederländischen Korps

Bereits im Vorfeld des Zusammenschlusses ging ein Rauschen durch den medialen Blätterwald. Besorgt betrachtete die Volkskrant, eine der größten niederländischen Tageszeitungen, seine Streitkräfte, sprach von einer „bitteren Pille“ gleich für die ganzen Niederlande und „ziemlicher Skepsis unter niederländischen Offizieren“, die nun den Eindruck bekämen, beim ehemaligen Feind untergeschoben zu werden. Schließlich seufzte das Blatt ernüchtert und erklärte seinen Lesern noch einmal, warum sich die Fusion nun nicht verhindern lasse: Für ein Armeekorps braucht es zwei Divisionen und da die Niederlande, bekannt für ihre praktische Politik, ihr Heer aus Kostengründen halbiert hatten, wurde das Armeekorps kurzerhand aufgelöst. Wenigstens ein nationales Korps ist allerdings nötig, um den strengen NATO-Kriterien Stand zu halten.

Am 30. August 1995 in Münster dann der große Tag: Das erste Deutsch-Niederländische Korps wurde aus der Taufe gehoben, im Beisein von Bundeskanzler Helmut Kohl und Premierminister Wim Kok. Glaubt man dem Stimmungsbarometer Zeitung, dann war das wohl ein guter Entschluss, denn, wie die Zeitung Trouw am 20. August 1996 titelt: „Zufriedenheit auf beiden Seiten nach einem Jahr Deutsch-Niederländischem Korps.“ Zwölf Jahre später und einige bedeutende Schritte der Europäischen Integration weiter, kann sich kaum noch jemand vorstellen, dass dieses Projekt, bei dessen Gründung das Ende des Zweiten Weltkriegs und das Ende der Besatzungszeit der Niederlande gerade 50 Jahre her waren, misstrauisch beäugt worden war. Rund 450 Angehörige hat der Führungsstab des ersten Deutsch-Niederländischen Korps, davon 180 Niederländer, 200 Deutsche - und 60 aus anderen Nationen. Denn seit 2002 ist das Korps der NATO unterstellt, trägt den Titel „High Readiness Forces Headquarters“, was bedeutet, dass es in ihrem Auftrag – theoretisch denkbar wäre auch im Auftrag der EU - als eine von insgesamt nur sechs vergleichbaren NATO-Führungseinheiten in alle Welt geschickt werden kann, um dort den Einsatz von Einheiten aller Länder, die dem Verteidigungsbündnis angehören, zu koordinieren und zu leiten. Innerhalb weniger Tage ist man in Münster abmarschbereit, ein Kommando über bis zu 60.000 Soldaten ist möglich. Darunter könnte etwa eine rumänische Pioniereinheit oder französische Artillerie sein. So verwundert nicht, dass einer der Abteilungsleiter, der Deputy Chief of Staff Support ein Franzose ist, ein anderer, der Deputy Chief of Staff Rear Support Command, ein Norweger. Zwölf Nationen, darunter auch Türken und Amerikaner, arbeiten in der Schaltzentrale am münsterschen Hindenburgplatz zusammen, wobei es Außenstellen im niederländischen Eibergen und Garderen gibt.

Proben für den Ernstfall

Der Alltag der Mitglieder des Führungsstabes besteht aus Planung und Vorbereitung auf den Ernstfall. NATO-Prozedere muss mit dem des Korps abgeglichen, die unterschiedliche Arbeitsweise von Kommandeuren vieler unterschiedlicher Nationen berücksichtigt werden.
In Manövern folgt dann der Praxistest, der sich auf drei Ebenen vollzieht. Auf der individuellen Ebene stehen neben herkömmlichem Schießen, Zelt aufbauen, und Sanitätsausbildung vor allem auch Fächer wie „kulturelle Geflogenheiten der Einsatzgebiete“ und „Umgang mit traumatisierten Kollegen“ auf dem Stundenplan. Vorbei sind die Zeiten, in denen sich Länder ihre Armee zur Vergrößerung des eigenen Territoriums, zumindest aber zur Abschreckung solcher imperialistischer Gelüste, hielten. Einsätze finden heute aus humanitären Gründen, als Katastrophenhilfe oder zur Friedensunterstützung statt. Dementsprechend hat sich auch das Auftreten der Soldaten verändert. „Wörter statt Waffen“, heißt die Parole. Einleuchtend, das Szenario, das Paul Kolken, Offizier des Public Information Office beschreibt: „Wenn man mit gezogener Waffe auf einen Gesprächspartner zukommt, gibt das schon eine spezielle Stimmung“. Die sei dann ganz anders, als wenn man auf jemanden mit einem Blumenstrauß zugeht, sagt er dann noch – aber Blumen von der Bundeswehr, das ist wohl eher Zukunftsmusik. Es gibt aber auch die Ebene der Gruppen- oder Kompaniearbeit, bei der das Zusammenwirken in diesem Rahmen exerziert wird. Und schließlich die Ebene der gemeinsamen, zielgerichteten Arbeit, also mit den beteiligten Nationen, mit anderen Einheiten, wie beispielsweise Artillerie, Pioniere, Logistiktruppen, Fallschirmjäger und Fernmelder, aber auch mit Luftwaffe oder Marine. Oder der NATO oder UN, in deren Auftrag man tätig ist. Hilfsorganisationen, die sich im Einsatzgebiet aufhalten werden mit einbezogen. Und dann sind da auch noch die Medien, die dem Korps auf die Finger schauen. Diese letzte Ebene ist die Stabsebene.

Exotische Reiseziele sind zum Üben nicht vonnöten, für ein Großmanöver reicht Norwegen, um „zu spüren wie es ist, wenn man Deutschland verlässt.“ Vor allem ist es ein logistischer Kraftakt, der dafür gestemmt wird: fast 6000 Soldaten, mit über 2000 Fahrzeugen im Gepäck, darunter neun Schiffe, Panzer und Flugzeuge, kommen Ende Mai 2005 im norwegischen Fredrikstad an und schwärmen aus zu ihren Übungsplätzen in Elverum und Hoenefoss. Die Teilnehmer der Operation „Iron Sword“ finden sich in einem gigantischen Planspiel wieder, bei denen sie sich Szenarien von Vogelgrippe, Maul- und Klauenseuche, aber auch terroristischen Anschlägen stellen müssen.

Ein harter Job für alle

Das hört sich dramatisch an, aber oft sind es gerade die vermeintlich kleinen Dinge, die bei Übungen dieser Art auffallen, geübt werden und dann im wirklichen Leben nur noch Routine sind: Wie wird ein Container optimal gepackt? Welche Papiere werden benötigt? „Wenn da ein Fehler gemacht wird, bedeutet das im Ernstfall mehrere Wochen Verspätung“, sagt Kolken, „wir brauchen Lösungen, die schnell und vernünftig sind. Das spart Geld und vielleicht auch Menschenleben.“

Der Ernstfall, das ist etwa der Einsatz der International Security Assistance Force (ISAF) in Kabul, Afghanistan. Im Oktober 2001 stürzen die USA das Taliban-Regime. Das dadurch entstehende Machtvakuum soll eine Übergangsregierung später eine demokratisch gewählte Volksvertretung füllen, der Wiederaufbau des Landes vorangetrieben werden. Der UN-Sicherheitsrat veranlasst ab Dezember 2001 die Entsendung internationaler Schutztruppen um den brüchigen Frieden zu sichern. Am 10. Februar 2003 löst das erste Deutsch-Niederländische Korps unter dem Kommando von Norbert van Heyst ein Kommando unter türkischer Führung ab. Bis zum 10. August 2003 bleiben die Soldaten, die sonst in Münster und Eibergen stationiert sind, in Kabul. Bei ihrer Arbeit wird die Führungsebene von zwei Bataillonen unterstützt: dem CIS, das für die Kommunikationseinrichtungen sorgt, wie den Anschluss von Laptops, die auch bei sengender Hitze und Wüstenstaub funktionieren müssen. Und das Bataillon für Staff Support, das für das Zeltdach über dem Kopf genauso zuständig ist, wie für Feldbetten, Duschen und das leibliche Wohl. Beide Bataillone gehören mit zum ersten Deutsch-Niederländischen Korps. Ein harter Job für alle, „für ISAF wird es immer schwieriger, Nachfolger zu finden“, bemerkt Paul Kolken. Und dabei wird es für die Truppe 2008 womöglich wieder Ernst: Derzeit laufen die Vorbereitungen, es sind Manöver geplant, bei denen geprobt wird, unterschiedliche Einheiten zu integrieren und zusammenarbeiten zu lassen. Im Dezember wird das Korps auf Herz und Nieren geprüft, denn 2008 steht es als „Response Force“ in ständiger Einsatzbereitschaft für die NATO. Flammt irgendwo ein Krisenherd auf, heißt das dann alles stehen und liegen zu lassen, auszurücken binnen fünf Tagen, von Münster in alle Welt – um einer internationalen Truppe zu sagen, wo es lang geht.

Autorin: Monika Schubert-Jung
Erstellt: Juni 2007