III. Ein Land mit zwei Gesichtern

Die Ereignisse des Novembers haben gezeigt, soweit das nicht bereits durch den Mord am Populisten Pim Fortuyn im Jahr 2002 offenbar wurde, dass die Niederlande ein zerrissenes Land sind. An der Oberfläche scheinen die Niederlande ein Idyll des Friedens, der Liberalität und der Toleranz. Das zeigt sich bei kurzen Besuchen, wenn sich das Land als wohlhabend, sauber und harmonisch präsentiert. Die Innenstädte von Den Haag, Leiden und Amsterdam wirken wie Puppenstuben, überall sind Zeichen multikultureller Vielfalt zu sehen.

Selbst in den Problemvierteln, wie dem Westen Amsterdams, aus dem Mohammed Bouyeri stammt, scheint das Leben in einigermaßen geregelten Bahnen zu verlaufen. Lediglich die Häufung von Satellitenschüsseln deutet daraufhin, dass in den Häusern Menschen leben, deren kultureller Bezugspunkt außerhalb der Niederlande liegt. Der zweite Blick offenbart, dass frische Farbe auf Fassaden, von Stadtarchitekten verteilte Blumenkübel und Betonbänke nur Versuche sind, den Blick auf die in diesen Vierteln brodelnden Probleme zu lenken. Die Amsterdamer selber sprechen bei bestimmten Stadtvierteln nur noch von „little Gaza“. In den Tagen nach dem Mord wurden Menschen weißer Hautfarbe aus den Straßen um die Tawhid-Moschee, die Mohammed Bouyeri besuchte, mit Steinen beworfen und vertrieben. In diesen Vierteln, so wurde durch die Steine deutlich, leben Menschen, die mit dem Land nichts zu tun haben wollen.

Parallelgesellschaften

Die Niederländer sind stolz auf ihre Toleranz. Jeder soll seinen Weg gehen, auf seine Weise glücklich werden. Die Regierung lässt jeden gewähren, kümmert sich, so wurde deutlich, aber auch nicht um jeden. Die Niederlande sind Einwanderungsland, die Niederlande sind multikulturelle Gesellschaft. Wer kommt ist willkommen, wer neu im Land ist kann den Aufstieg schaffen, wenn er denn will. Viele wollen offenbar nicht. Probleme bereiten unter den Einwanderern, die aus Indonesien, aus Surinam, den arabischen Ländern, der Türkei und mittlerweile verstärkt aus Osteuropa kommen, vor allem die Gastarbeiter, die in den 1960er Jahren aus der arabischen Welt ins Land geholt wurden.

Die Moslems scheinen, so die neue Erkenntnis, Probleme mit der niederländischen Sprache zu haben, können mit der niederländischen Lebensweise wenig anfangen und wenden sich im „Ausland“ – eigentlich der neuen Heimat – einer fundamentalistischen Auslegung ihrer Religion zu. Die Probleme sind bekannt, nach dem Mord an Pim Fortuyn wandte sich die Regierung dem Problem zu, setzte eine Kommission ein, die das Problem untersuchen sollte. Die Erkenntnisse waren niederschmetternd. Es gebe, so der Bericht, viele Neubürger, die noch immer von den „Obrigkeiten ihrer Heimatländer gesteuert“ würden. Es sei für die eingebürgerten Gastarbeiter an der Tagesordnung, sich der Integration zu entziehen. Die größte Gefahr, so die Experten, die die Integration immerhin noch als einigermaßen gelungen bezeichneten, bestehe im entstehen „rein schwarzer“, so die Formulierung, Stadtteile und Schulen.

Ein ähnliches Bild zeigt ein Bericht des Sociaal Cultureel Planbureau, der die Bildungsnachteile der Immigranten zeigt. Bis zu 60 Prozent der marokkanischen Einwanderer beispielsweise verfügen nur über rudimentäre Schulbildung. Der Bericht zeichnet auf wissenschaftlicher Basis ein Szenario, dass Pim Fortuyn und Theo van Gogh ebenfalls thematisiert haben. In nicht allzuferner Zukunft werden die Einwanderer in den Großstädten die Bevölkerungsmehrheit stellen. Trendforscher Adjiedj Bakas sieht dadurch eine verhängnisvolle Entwicklung in Gang gesetzt. Demnach verlasse die Mittelschicht die großen Städte. Nach ihrer Flucht gebe es dann nur noch Eliten und die Unterschicht in den Metropolen.


Autor: Jan Kanter
Erstellt: Dezember 2004
Aktualisiert: Februar 2010