VI. Die Populisten

Der erste, der das Problem der niederländischen Bevölkerungsstruktur angesprochen hatte, war vermutlich gänzlich unverdächtig, extreme oder populistische Absichten zu hegen. Frits Bolkestein, später EU-Kommissar, hatte Mitte der 1990er Jahre in Vorlesungen seine Probleme mit der islamischen Minderheit im Land thematisiert. Es folgten eine Reihe Wissenschaftler wie der Soziologe Paul Scheffer, die das „Unbehagen mit dem Islam“ aufschrieben. In den liberalen Niederlanden war das jedoch lange politisch unkorrekt und eigentlich nur Künstlern wie Theo van Gogh erlaubt.

Pim Fortuyn war der erste, der beschloss, mit dem schwierigen Ausländerthema Wahlkampf und Politik zu machen. Er machte damit die politische Unkorrektheit salonfähig. Seither gibt es, so scheint es, in den Niederlanden drei Gruppen: Die politisch Korrekten, die politisch Unkorrekten und eine größer werdende Zahl eigentlich braver Bürger, die angesichts des Unkorrekten ein wohliger Schauer durchfährt. Das nutzen die Populisten. Derzeit macht mit Geert Wilders wieder einer von ihnen Karriere.

Geert Wilders

Noch im Oktober 2004 galt Wilders als politisch weitgehend erledigt. Von seiner Fraktion in bestem Einvernehmen (wie Politiker einen Rauswurf gerne verklausulieren) geschieden, saß er als Einzelkämpfer im Parlament. Alle erwarten, dass der ehemalige Liberalkonservative die Legislaturperiode absitzen und bei der nächsten Wahl aus der Zweiten Kammer verschwinden würde. Mit seinen islamkritischen Äußerungen hatte sich der 41-Jährige innerhalb der eigenen Fraktion isoliert. „Seine Ansichten wurden immer extremer. Deshalb war keine Zusammenarbeit mehr möglich“, erinnert sich seine ehemalige Parteifreundin, die Abgeordnete Fadime Örgü. Er hatte sich unter anderem dafür ausgesprochen, die Türkei nie in die EU aufzunehmen und islamische Fundamentalisten zur Not auch ohne große rechtsstaatliche Verfahren mit der Hilfe von „Notstandsgesetzen“ möglichst schnell abzuschieben.

Dann geschah der Mord an Theo van Gogh. Unbekannte bedrohten über das Internet neben Ayaan Hirsi Ali auch Geert Wilders. Der legte in den unruhigen Zeiten nach dem Mord noch einmal verbal nach und erhielt einen ungeahnten Popularitätsschub. Die Umfrageinstitute errechneten in den letzten Wochen des Jahres 2004bis zu 20 Prozent Zustimmung für Geert Wilders. Damit könnte es in der vergleichsweise bunten Parteienlandschaft dazu reichen, als Ein-Mann-Partei die drittstärkste Fraktion (oder sogar mehr) im Parlament zu stellen.

„Der neue Pim Fortuyn“

Schon wurden erste Vergleiche angestellt: Der „neue Pim Fortuyn“ wurde Wilders genannt. Mit ersterem teilt Wilders zumindest die Neigung zur auffälligen Frisur. Fortuyn hatte seinen Schädel kahlgeschoren und damit kokettiert, Wilders hat sich vor 20 Jahren blondieren lassen und sieht ein wenig aus, wie ein in die Jahre gekommener Fußballprofi mit leichten Gewichtsproblemen. Immerhin hat ihm seine Frisur schon eine ganze Reihe von Spitznamen eingebracht. „Pitbull“, „Wildfang“ oder einfach nur „der mit dem Haar“ lauten die Etiketten.

Er selber weist den Vergleich mit Pim Fortuyn nur halbherzig zurück. Immerhin sieht er sich politisch in seiner Tradition, nur habe er mehr Zeit, einen vernünftigen Apparat aufzubauen, mit dem er 2006 bei den Wahlen antreten konnte. Bis dahin hatte er zumindest schon neue Freunde gefunden. Eigentlich waren es alte. Die Führung der liberalkonservativen VVD – Wilders’ alter politischen Heimat – hatte angedeutet, den überraschend populären Populisten wieder zurücknehmen zu wollen. Wilders lehnte angesichts seines eigenen Erfolges vorerst dankend ab.


Autor: Jan Kanter
Erstellt: Dezember 2004
Aktualisiert: Februar 2010