II. Nach dem Mord

Der Mord an Theo van Gogh löste in den Niederlanden vor allem eine Emotion aus: Wut. Diese Wut brach sich in den darauffolgenden Tagen ihre Bahn. Die Trauer um Van Gogh wurde rasch von einer aggressiven Stimmung überlagert, der die Regierung und ihre Apparate zunächst einigermaßen hilflos gegenüberstanden.

Wut und Trauer

Noch am Abend des 2. November 2004, dem Tag, an dem Theo van Gogh ermordet wurde, zog ein mächtiger Demonstrationszug durch Amsterdam. Mehrere zehntausend Menschen brauchten ein Forum, ihrem Entsetzen über den Mord Ausdruck zu verleihen. Es war keine stille Trauer. Mit mitgebrachten oder eilig improvisierten Instrumenten gaben die Amsterdamer ein lautes Signal. Stille Trauer gab es dagegen am Tatort. Viele Menschen pilgerten in den Tagen nach dem Mord in die Linnaeusstraat. Ein mit Baustellensperren abgesichertes 30 Meter langes und drei Meter breites Areal markierte den Tatort. Darum beinahe immer eine dichte Menschentraube. Die Menschen nahmen auf ihre Weise Abschied von Theo van Gogh. Neben den obligatorischen Blumen standen und lagen Weinflaschen, Bierdosen, Filmrollen und Zigaretten auf dem Boden. Ein Bild aus vorchristlichen Zeiten. Gaben, die dem Toten auf dem Übergang ins Reich der Toten begleiten sollten. Zwischen den Gaben waren aber auch zahlreiche Botschaften hinterlegt. Nachrichten, die mehr als Trauer ausdrückten. Botschaften, die der Regierung ein deutliches Signal hätten sein können. „Islamisten Hand in Hand, zurück ins eigene Land“ stand dort zu lesen. „Bis hierhin und nicht weiter“ auf einem anderen. „Auch Theo ist Tot. Danke Regierung“ auf einem weiteren. Vorboten einer unruhigen Zeit.

Brennende Moscheen

Es sollte knapp eine Woche dauern, bis sich der Zorn entlud. Noch am Wochenende hatten die Zeitungen beinahe beiläufig von Brandanschlägen auf Moscheen berichtet. Doch dann explodierte ein Brandsatz in einer Islamschule in Eindhoven. Zwar entstand nur Sachschaden, doch der Angriff auf eine Schule für Kinder war offenbar eine neue Eskalationsstufe. Nur einen Tag später folgte mit dem Anschlag auf eine Kirche die Reaktion der Moslems. Mehr als ein Dutzend Angriffe auf Schulen, Moscheen und Kirchen mussten die Niederländer in den nächsten Tagen hinnehmen. Die Menschen, Moslems und Christen, vor allem diejenigen, die bis dahin relativ harmonisch nebeneinander gewohnt hatten, waren entsetzt.

Noch hielten sich die Attentäter, die der Bürgermeister von Eindhoven in einem Anfall von empörter Hilflosigkeit als „Idioten“ bezeichnete, an – man mag es kaum so nennen – minimale Regeln des Anstandes und verübten ihre Anschläge nachts, wenn keine Menschen in den Gebäuden zu erwarten waren. Lediglich in Rotterdam krachte ein Molotowcocktail am Tage in eine Kirche. Da der Sprengsatz nicht explodierte, kamen die Kirchgänger an einer Katastrophe vorbei. Erst Monate danach hatte sich die Lage einigermaßen beruhigt – auch deshalb, weil die Behörden aktiv wurden und die Sicherheitsmaßnahmen um Moscheen verstärkt wurden. Möglicherweise merkten die Menschen auch, dass sie dorthin steuerten, wovor Theo van Gogh immer gewarnt hatte. „Wenn sich nichts ändert, haben wir hier bald Zustände wie in Belfast“, war eine seiner Mahnungen. Vielleicht siegte die Vernunft, vielleicht erschreckte die Bürger aber auch der Einsatz der Sicherheitskräfte, die endlich aufgewacht waren und den Bürgern, erneut in den Niederlanden unerwartete Nachrichten und Bilder zumuteten.

Neue Härte

Für eine Weile sah es so aus, als sollte der Regierung die Kontrolle über die Ereignisse entgleiten. Das Land – und das heißt in diesem Fall vor allem die politische Klasse – gibt viel auf seine liberale Toleranz. Härte, so kritisieren Niederländer, auch wenn sie von der Nachgiebigkeit profitieren, liegt der politischen Klasse bisweilen nicht. Die Exekutive sei „feminin“, weich, nachgiebig (so das passende Stereotyp) eben. Ein Beispiel hierfür: In der Woche nach dem Mord an Theo van Gogh hatte ein Niederländer seinen Protest auf eine Mauer seines Grundstückes gemalt. „Du sollst nicht töten“, schrieb ein Aktionskünstler. Die Wand befand sich gegenüber einer Moschee in Rotterdam, dessen Imam sich beschwerte: Die Polizei kam, sah – und entschied das Mauer und Schriftzug weg müssen. Beschwichtigung schien auch nach dem Mord an Van Gogh das Mittel der Exekutive.

Doch dann kam der 10. November. Der Mord war etwas mehr als eine Woche her. Es war ein Tag voller ungewöhnlicher Nachrichten für die Amsterdamer. Nachrichten, die sie eher aus den Krisengebieten dieser Welt gewohnt waren: Am Morgen berichte der Rundfunk von einer Verfolgungsjagd nach Terroristen, Vormittags erfuhren sie von einem Schusswechsel und der Verletzung von Polizisten durch Handgranaten und Mittags befand sich ein Teil Den Haags im Belagerungszustand. Sogar Einheiten der Armee waren im Einsatz. Erst am späten Nachmittag kam die Entwarnung. Die Wohnung, in der sich zwei mutmaßliche Terroristen verschanzt hatten, war ohne weiteres Blutvergießen gestürmt worden. Zeit zum Durchatmen blieb den Niederländern dennoch kaum, denn die Polizei enthüllte, auf wen sie Jagd gemacht hatten. Die Bürger des Landes erfuhren von der Hofstadgruppe, einer Terrorzelle, deren Mitglieder zahlreiche Anschläge geplant hatten. Das Schreckgespenst der Parallelgesellschaft im Lande erschien angesichts dessen beinahe schon wieder harmlos.


Autor: Jan Kanter
Erstellt: April 2007
Aktualisiert: Februar 2010