V. Politische Folgen eines Verbrechens

Der Dandy und der Freak, Pim Fortuyn und Theo van Gogh. Unterschiedlicher konnten zwei Männer nicht sein. Hier der gepflegte, auf Stil und Reichtum Wert legende braungebrannte Fortuyn mit Bentley und Chauffeur, dort der übergewichtige, durch Alkohol und Drogen gezeichnete Van Gogh mit seinem Fahrrad. Dennoch gibt es viele Parallelen zwischen beiden Attentatsopfern. Beide provozierten gerne, beide scheuten sich nicht, Missstände, die sie als solche erkannt zu haben glaubten, publik zu machen. Beide wurden wegen ihrer Arbeit verfemt und bedroht, beide starben ungeschützt auf offener Straße. Beide hatten ein Thema gemein: Ihre Kritik am Islam und den nicht ausreichend integrierten Ausländern im Land. Theo van Gogh sprach in seinen Kolumnen häufig vom „Trojanischen Pferd“ des Islam und warnte für die Niederlande vor Zuständen „wie in Belfast“. Pim Fortuyn nannte den Islam rückständig und wollte „die Asylanten alle wieder nach Hause schicken“.

Wesentliche Unterschiede

Es gibt aber einen wesentlichen Unterschied. Theo van Gogh war Künstler, sah sich selber als „Clown“. Der Regisseur sah Probleme, sprach sie an, hätte aber nie darüber nachgedacht, sie selber zu beheben. Pim Fortuyn war Professor, Kolumnist und wollte Politiker werden. Erst Anfang 2002, nur ein knappes halbes Jahr vor seiner Ermordung entschied er, nicht nur zu kritisieren, sondern selber aktiv zu werden. Im wesentlichen Bestand sein Programm dann auch in seiner Kritik am Islam – und der amtierenden Regierung. Sein letztes Buch „Die Trümmerhaufen von acht Jahren Paars“ (die „Lila Koalition“ unter dem sozialdemokratischen Premier Wim Kok) musste als Wahlprogramm herhalten. Echte Lösungen hatte auch er nicht anzubieten. Immerhin verschaffte ihm allein seine Kritik enormen Zulauf bei den Wählern, die offenbar endlich ihre Ängste ernst genommen sahen.

Pim Fortuyn hatte in diesem Wahlkampf 2002, an dessen Ende er ermordet werden sollte, einen populären Anhänger: Theo van Gogh bewunderte den Populisten, den er schon Mal als „kahles Genie“ bezeichnete. Allerdings blieb er auf Distanz. Zusammenarbeiten wollte er mit Fortuyn nicht. Zunächst hätte ernsthafte politische Arbeit dem Selbstbild des „Hofnarren“ nicht entsprochen. Darüber hinaus war Van Gogh, so deuten Freunde an, skeptisch über den Populisten und seine konservative Weltsicht.


Autor: Jan Kanter
Erstellt: Dezember 2004
Aktualisiert: Februar 2010