Selbstportrait (um 1630) von Anthonis van Dyck
Selbstportrait (um 1630) von Anthonis van Dyck
© Anthonis van Dyck
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Anthonis van Dyck

* Antwerpen, 22. März 1599 - London (als Sir Anthony Vandyke), 09. Dezember 1641 - Maler

Nach bzw. neben Peter Paul Rubens ist Anthonis van Dyck wohl der bedeutendste flämische Maler des 17. Jahrhunderts. Er führte den Kompositionsstil und die Maltechnik Rubens' weiter und verfeinerte sie. Van Dycks Bilder beeindrucken dabei weniger durch kraftvolle Dynamik - wie dies bei den Gemälden Rubens der Fall ist - sondern eher durch ein inneres Leuchten. Van Dyck, der einige Jahre (zwischen 1616 und 1620) einer der wichtigsten Mitarbeiter der Antwerpener Rubenswerkstatt war, verbreitete den 'flämischen' Stil in Europa durch zahlreiche Reisen und Anstellungen an auswärtigen Herscherhäusern, so z. B. am Hof Jakobs I (1620) oder Karls I (ab 1632) in England. Berühmt geworden ist er hauptsächlich aufgrund seiner Portraits, obwohl er auch immer wieder religiöse und mythologische Themen dargestellt hat.

Anthonis van Dyck begann im Oktober 1609 seine Malerausbildung bei dem Antwerpener Maler Hendrick van Balen d. Ä., der ihn in die St. Lukasgilde einschreibt. Der Lehrer scheint jedoch wenig Einfluss auf den jungen Maler gehabt zu haben, denn früheste erhaltene datierte und signierte 'Bildnis eines alten Mannes' von 1613 (Brüssel) zeigt keine stilistischen Spuren Van Balens. Das kurz darauf entstandene Selbstbildnis (Wien), das Van Dyck als Vierzehnjähriger malt, ist bereits ein technisches und kompositorisches Meisterwerk. Um 1616/18 betreibt van Dyck eine eigene Werkstatt in Antwerpen; ab 1618 ist er dort in der St. Lukasgilde als Meister eingetragen. Er erhält inzwischen die gleichen Honorare wie Rubens und Jacob Jordaens. Zeitgleich ist er bereits 'freier' Mitarbeiter in der Rubens-Werkstatt, wo er zunächst Stichvorlagen für die sog. 'Rubensstecher' anfertigt.

Wie sehr Rubens seinem Mitarbeiter vertraut, ist daran abzulesen, dass Van Dyck zusammen mit anderen Mitarbeitern der Rubenswerkstatt mit der Ausführung des 39-teiligen Deckenzyklus für die Antwerpener Jesuitenkirche (zerstört 1718) betraut wird; ein Auftrag, den Rubens im selben Jahr unterzeichnet hatte. Die Auftraggeber, die Jesuiten, legten ausdrücklich Wert darauf, dass Van Dyck am Gemäldezyklus mitarbeiten sollte. Van Dyck arbeitete so sehr im Sinne und nach den Entwürfen seines 'Vorgesetzten', dass heute eine Händescheidung zwischen den Arbeiten Rubens und Van Dycks aus dieser Zeit kaum bis gar nicht möglich ist.

Van Dyck arbeitet jedoch nicht ausschließlich für Peter Paul Rubens (wie schon die Eintragung als Meister andeutet), sondern auch für eigene Aufträge. Zu Beginn seiner Laufbahn malt er nicht ausschließlich Portraits sondern ist auch einigen Historiensujets zugewandt.

1621, nach dem ersten Aufenthalt an englischen Adelshöfen, auch in Diensten Jacobs I, unternahm er eine Italienreise, die sein Werk nachhaltig beeinflusste. In Italien studierte er die Malerei Tizians, Veroneses und Giorgiones - also überwiegend die Venezianische Schule - und entnahm diesem Studium wichtige Impulse für die eigene Arbeit. Die Bedeutung der gesammelten Eindrücke belegt ein Studienbüchlein mit Zeichnungen und Skizzen, das heute im British Museum bewahrt wird. Die ersten Eindrücke venezianischer Malerei hatte er bereits während der ersten Reise nach England (zwischen 1620 und 1621) gewonnen, denn am Hofe des Earl of Arundel (Thomas Howard) befand sich eine Sammlung venezianischer Gemälde. Mit einem im venezianischen Stil gemalten Portrait von Isabella Brant, der Gemahlin von Peter Paul Rubens verabschiedet sich Van Dyck aus der Rubensschen Werkstatt um fortan seine Geschicke als Maler allein in die Hand zu nehmen.

Besonders die Malerei Tizians ist für ihn von herausragender Bedeutung: Während seiner Italienaufenthalte kauft er eine Sammlung von 19 Gemälden des italienischen Meisters zusammen. Tizians Malerei wird neben der Rubens' das Vorbild Van Dycks. Schließlich lässt Van Dyck diese Sammlung sogar in seine spätere Heimat, nach England, verschiffen. Durch die großen Reiseaktivitäten und durch die dadurch entstandene weit verstreute Auftraggeberschaft sind heute die Gemälde Van Dycks über alle Kontinente verteilt.

Ab 1627 steht er in Diensten der Erzherzogin Isabella, Statthalterin der Niederlande in Antwerpen.

1632 schließlich siedelt Van Dyck nach England über, wo er 1634 zum Ritter geschlagen wird. Obwohl er im Dienste Karls des I. zahlreiche Portraits des Herrschers und der Herrscherfamilie anfertigt, lässt er die Kontakte zum Kontinent nie ganz abreißen. 1634 und 1640 bereist er Flandern und Paris von England aus.

Anthonis van Dyck heiratet erst sehr spät, 1640, in England und stirbt bereits am Tag der Taufe seiner Tochter nach schwerer Krankheit. Kurz vor seinem Tode reist er noch einmal durch Europa, muss jedoch seine Arbeit aus Krankheitsgründen abbrechen. Dass er inzwischen England als seine Heimat ansah, ist daran ablesbar, dass er todkrank dorthin zurückkehrte und selbst testamentarisch verfügte, in England begraben zu werden. Sein Grab befindet sich in der St. Paul's Cathedral in London.

Anthonis van Dyck kann, salopp ausgedrückt, als der 'Exporteur' der flämischen Kunst betrachtet werden. Genau wie sein Lehrer Rubens begab er sich auf zahlreiche Reisen; anscheinend nicht nur, um neue Stile und Maltechniken anderer Meister kennenzulernen als vielmehr, um seine eigenen Künste anderenorts bekannt zu machen. Mit Erfolg. Sein Streben nach gesellschaftlichem Aufstieg hatte ihn mit enormem Fleiß und großer Reisefreude an den englischen Hof gebracht. Er stand in den Diensten Karls I in England, wo er sein Brot als Hofmaler verdiente. Seine Malerei brachte die enormen künstlerischen Entwicklungen des Kontinents auf die britische Insel, wo sie alsbald Nachahmer fanden. Noch waren es zunächst ebenfalls Einwanderer aus dem niederländischsprachigen Raum (wie z. B. Pieter van der Laer), später auch Einheimische. Die flämische Malerschule war in England so erfolgreich, dass sich sogar die einheimischen Künstler gegen die 'Einwanderer' verbündeten, um eine Einschränkung der Arbeitsmöglichkeiten zu erwirken.

Bei einem mythologischen Thema, dem Trunkenen Silen, zeigt van Dyck einen einfachen aber zwingenden Bildaufbau: Die bacchantische Szene entbehrt jeglicher Leichtigkeit, da der unbekleidete, korpulente alte Silen der Schwerkraft nicht mehr genügend Standfestigkeit entgegenbringt und mit massigem Körper vornüber, beinah in Richtung des Betrachters, zu Boden sänke, wenn ihn nicht ein Faun und eine Bacchantin mit vereinten Kräften am Oberarm ziehend aufzurichten versuchten. Wie wenig der Silen bei dieser Hilfestellung zur Unterstützung beizutragen hat, ist am Weinkrug in seiner Hand abzulesen, denn er entgleitet ihm aus der unkontrollierten Hand, so dass sich der Wein in einen Strauch ergießt. Van Dyck führt das Licht in diesem von warmen Tönen dominierten Gemälde über Schulter, Rücken und Kopf des alten Mannes, über die Körperteile also, die den Moment des Fallens betonen, weil sie einer aufrechten Haltung am deutlichsten zuwiderlaufen. Es entsteht eine dynamische Spannung, die nicht aufgelöst wird: Es bleibt offen, ob die Kräfte des Faun ausreichen werden, den Betrunkenen vor dem Sturz zu bewahren.

Die besondere Meisterschaft Van Dycks zeigt sich jedoch in den Portraits, denn sie zeigen konzentrierte und nuancierte Mimik der Dargestellten; bei ganz- oder halbfigurigen Portraits in Verbindung mit eleganter Körperhaltung. Dunkle Hintergründe ohne räumliche Allusionen und dunkle Kleidung lenken die gesamte Aufmerksamkeit des Betrachters auf das Gesicht. Zumindest bei den Portraits, die nicht einem herrscherlichen Kontext zuzuordnen sind, wie das Bildnis des Bildhauers François Duquesnoy, fehlen somit die Attribute, die den gesellschaftlichen Status des Dargestellten hervorheben sollen. In diesem Fall trägt der Dargestellte seiner Profession entsprechend, nur den Kopf einer antikisierenden Skulptur in Händen - es könnte sich auch um ein Tonmodell handeln und würde dann auf den Arbeitsprozess verweisen. Der Portraitierte definiert sich somit über seine Arbeit als Künstler und über sein Wesen, das im Gesicht Ausdruck findet. Van Dyck zeigt den Bildhauer mit locker fallendem offenen Haar, stolzem, jedoch leicht skeptischen Gesichtsausdruck mit etwas gerunzelten Brauen. Duquesnoy selbst scheint den Betrachter einer kritischen Prüfung zu unterziehen, sein Blick ist unverwandt und direkt, keinesfalls milde und nachsichtig. So stellt Van Dyck den Blick des Künstlers zugleich als Teil seiner Arbeit dar, der auf der Suche nach dem 'wahren Bild' ist.

Wie Rembrandt nutzte auch Van Dyck das Selbstbildnis u. a. für die Suche nach der geeigneten Bildsprache für Portraits überhaupt. Besonderes Augenmerk legte er auf die elegante und sprechende Körperhaltung sowie auf differenzierte und aussagekräftige Mimik, die bei Van Dyck jedoch anders als bei Rembrandt (und Rubens) oft ins Lyrische und Melancholische spielt und somit eine Innerlichkeit der Dargestellten zu verbildlichen sucht.

Autorin: Beatrix Zumbült
Erstellt: Juni 2005