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Jan Tinbergen

* Den Haag, 12. April 1903 - Den Haag, 09. Juni 1994 - Niederländischer Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger

Jan Tinbergen wurde 1903 in Den Haag als ältester Sohn des Lehrerehepaares Dirk Cornelis Tinbergen und Jeannette van Eek geboren. Ab 1921 studierte er in Leiden bei Paul Ehrenfest Mathematik und Physik. Nach dem Examen 1925 leistete er Wehrersatzdienst in der Gefängnisverwaltung von Rotterdam und im Centraal Bureau voor de Statistiek (CBS) der Regierung. Seine naturwissenschaftliche Ausbildung und sein zunehmendes Interesse an wirtschaftlichen Fragestellungen verband er in seiner Dissertation über „Minimumproblemen in de natuurkunde en de economie“, die im März 1929 in Leiden angenommen wurde.

Nach der Promotion arbeitete Tinbergen im CBS in einer neuen Abteilung für Konjunkturforschung, der er bis 1945 verbunden blieb. Ab 1930 lehrte er zudem Wirtschaftsstatistik an der Universität von Amsterdam und wurde 1933 außerordentlicher Professor für Statistik und höhere Mathematik an der Handelshochschule in Rotterdam. Als Mitbegründer der Econometric Society trat Tinbergen wissenschaftlich für die Untersuchung wirtschaftlicher Probleme mit statistischen Methoden und makroökonomischen Modellen ein. Verlässliche Wirtschaftsdaten sollten wiederum die Grundlage für Konjunkturprognosen und eine aktive Wirtschaftspolitik bilden.

1922 war Tinbergen Mitglied der niederländischen Sozialdemokraten (SDAP) geworden. Nicht zuletzt sein Wunsch nach politisch-gesellschaftlichem Engagement war für seine Orientierung auf die Wirtschaftswissenschaften verantwortlich. Als Kuratoriumsmitglied des Wissenschaftlichen Büros der SDAP beeinflusste er die wirtschaftliche Theoriebildung der Partei und spielte eine wichtige Rolle bei der Formulierung ihres 1935 vorgelegten „Plans der Arbeit“. Der Plan beantwortete die Frage nach den Wirkungsmöglichkeiten einer aktiven staatlichen Wirtschaftsförderung durch groß angelegte Investitionen in die Infrastruktur erstmals mit Hilfe eines quantifizierenden makroökonomischen Modells der Niederlande.

Auf internationaler Ebene erzielte Tinbergen mit seiner Methode Aufsehen, als er ab 1936 für drei Jahre dem Economic Intelligence Service des Völkerbunds in Genf verbunden war und dort eine Studie zur statistischen Erfassung von Konjunkturzyklen erarbeitete. Sie führte die Theorie der ökonometrischen Methode aus und erstellte auf ihrer Grundlage ein makroökonomisches Modell der Wirtschaft der USA.

Nach dem Krieg wurde Tinbergen 1945 für zehn Jahre Direktor des neugegründeten Zentralen Planungsbüros der niederländischen Regierung und beriet europäische und internationale Organisationen in Wirtschaftsfragen. Seine Methode der Erstellung und Anwendung makroökonomischer Modelle hatte sich seit den dreißiger Jahren nicht grundlegend geändert, wurde nun aber stärker mit konkreten wirtschaftspolitischen Zielen verbunden. 1955 gab er seine Position im Planungsbüro auf und kehrte nach einem Zwischenspiel als Gastprofessor in Harvard an die Rotterdamer Wirtschaftshochschule zurück.

In Rotterdam konzentrierte sich Tinbergen auf Forschungen zum Armutsproblem in den Entwicklungsländern, das er seit einem Besuch in Indien 1951 auch aus unmittelbarer Anschauung kannte. Er beriet die Regierungen zahlreicher Entwicklungsländer in Wirtschaftsfragen.

1965 wurde Tinbergen Direktor des Nederlands Economisch Instituut. Er engagierte sich als Fachmann in internationalen Organisationen wie der OECD, der UNESCO und der Weltbank. 1966 übernahm er für acht Jahre den Vorsitz des United Nations Development Planning Committee, einer Schaltstelle der internationalen Entwicklungshilfe. Für den Club of Rome entwarf er das Grundkonzept einer gerechteren Weltordnung mit einer Weltregierung an der Spitze. 1973 wurde Tinbergen in Rotterdam emeritiert und lehrte danach noch zwei Jahre über internationale wirtschaftliche Zusammenarbeit an der Universität von Leiden.

Tinbergen war Mitglied der Niederländischen Akademie der Wissenschaften und Ehrendoktor von 15 Universitäten. 1969 erhielt er gemeinsam mit dem Norweger Ragnar Frisch den ersten Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften für seine Forschungen zu quantitativen ökonomischen Modellen. 1973 wurde sein Bruder Nikolaas mit dem Nobelpreis für Physiologie ausgezeichnet.

Autor: Dr. Christoph Strupp
Erstellt: Juli 2007