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Frans Timmermans

*Maastricht, 6. Mai 1961 – niederländischer Politiker (PvdA)

Franciscus Cornelis Gerardus Maria Timmermans ist – obwohl es ihn immer wieder in die Welt hinaus gezogen hat – seiner Heimat Limburg treu geblieben. Geboren wurde er im Mai 1961 in der Stadt Maastricht und auch heute kommt Timmermans an freien Tagen in seinem Wohnort Heerlen nahe der deutsch-niederländischen Grenze im Kreise seiner Familie oder bei Spielen des lokalen Erstligaclubs Roda JC Kerkrade zur Ruhe. Seine Eltern stammten beide aus traditionellen Bergmannsfamilien, sein Vater schlug jedoch eine Karriere im diplomatischen Dienst der Niederlande ein. Bereits als Kind zog es Frans Timmermans so immer wieder aus Limburg in die weite Welt hinaus. Durch die Tätigkeit des Vaters verbrachte die Familie Teile von Frans’ Jugend unter anderem in Frankreich, Belgien, Deutschland und Italien. Timmermans ist seit September 2000 mit einer Richterin verheiratet und hat zwei Söhne und zwei Töchter – zwei der Kinder stammten aus einer früheren Ehe.

Sprachtalent

Timmermans spricht sieben Sprachen fließend, neben Niederländisch auch Deutsch, Italienisch, Englisch, Russisch, Französisch und den lokalen Dialekt Limburgisch. Eine Qualifikation, der er sich 2012 bei einer Bewerbung für den Posten als Menschenrechtskommissar des Europarates bediente, indem er ein Video drehen ließ, in welchem er seine Bewerbung eindrucksvoll in sechs Sprachen öffentlich verkündete.[1] Deutsch liegt ihm dabei besonders am Herzen, weshalb er in seinem Heimatland auch als Botschafter für mehr Deutschunterricht in niederländischen Schulen auftritt.[2] Die Liebe zu Deutschland ergibt sich bei Frans Timmermans zum einen dadurch, dass er als Limburger große Teile seines Lebens sehr dicht an der Grenze gewohnt hat. Zudem arbeitete sein Vater während der Wendezeit in einem niederländischen Konsulat in Deutschland und ist zudem mit einer deutschen Frau verheiratet. Als Timmermans im November 1989 vom Fall der Berliner Mauer erfuhr, sprang er sofort in seinen alten Toyota Starlet und fuhr nach Berlin, wie er Ende 2012 in einem Interview erzählte.[3] Mit seiner Familie besucht er zudem regelmäßig einmal pro Jahr die deutsche Hauptstadt. Bis zu seinem Amtsantritt als Außenminister im November 2012 war Timmermans zudem Vorsitzender der Contactgroep Duitsland (dt. Kontaktgruppe Deutschland). Die Gruppe wurde 2003 mit dem Ziel gegründet, die Kontaktaufnahme niederländischer Abgeordneter zu deutschen Abgeordneten zu erleichtern und durch einen regen Austausch, die Zusammenarbeit zu fördern.

Auch die Grundlagen für Timmermans’ Talent in den anderen Sprachen wurden bereits früh in der Kindheit durch die Auslandsaufenthalte des Vaters und sich daraus ergebenden Besuchen ausländischer Schulen gelegt. So besuchte Timmermans die Grundschule im belgischen Sint Stevens-Woluwe und als weiterführende Schule ging er von 1972 bis 1975 zunächst auf die Saint George’s English School in Rom, bevor er dann anschließend bis 1980 zurück nach Heerlen ging und dort das katholische Bernardinus College besuchte. Während seiner Zeit in Rom passierte etwas, über das Timmermans erst im Jahr 2002 in einem Interview mit dem NRC Handelsblad[4] sprach. Er war dort als dreizehnjähriger Junge bei den durch Priester geführten amerikanischen Pfadfindern aktiv und teilte bei der Vorbereitung eines Sommercamps ein Hotelzimmer mit einem Pater. Im Laufe des Abends kam es zu einem sexuellen Missbrauch. Erst Monate danach wurde Timmermans mehr und mehr verschlossen – aus Scham sprach er mit niemandem über diesen Vorfall.

Ausbildung

Nach Abschluss seiner Schullaufbahn folgte für Frans Timmermans von 1980 bis 1985 ein Studium der französischen Literaturwissenschaft an der Universität Nimwegen sowie in den Jahren 1984 und 1985 weitere akademische Studien in den Fächern Europäisches Recht, Französische Literaturwissenschaft und Geschichte im französischen Nancy. Den anschließenden Militärdienst leistete Timmermans von Anfang 1986 bis Mitte 1987 beim militärischen Nachrichtendienst in der Oranje-Nassau-Kaserne in Harderwijk ab. Er wurde dort zum Befrager für russische Kriegsgefangene ausgebildet, wodurch sich auch die Kenntnis dieser Sprache erklären lässt.

Parteipolitisch engagierte sich Timmermans seit seinem Examen 1985. Hier zunächst bei den sozialliberalen Democraten 66, ab 1990 dann bei der sozialdemokratischen Partij van de Arbeid. Da Timmermans immer schon ein großer Anhänger der sozialdemokratischen Idee war, allen Teilen der Bevölkerung die gleichen Chancen zu ermöglichen und sie so durch Bildung und Kultur geistig weiterzuentwickeln, lag dieser Schritt mehr oder weniger auf der Hand. Politisch bedeutete der Parteiwechsel von der eher kleinen D66 zur Volkspartei PvdA aber nicht zuletzt auch für Timmermans bessere Aufstiegsmöglichkeiten, die er in seiner weitere Karriere gut zu nutzen wusste.

Karriere

Beruflich schlug Frans Timmermans 1987 aber zunächst den Weg seines Vaters ein. Bereits von Kindesbeinen an hatte er die diplomatische Welt kennengelernt und so war es kein großer Schritt, dass er im Alter von 26 Jahren eine Diplomatenausbildung im niederländischen Außenministerium begann – jener Behörde, dessen Chef er 35 Jahre später werden sollte. Seine Laufbahn im Außenministerium begann als Beamter in der Abteilung Europäische Angelegenheiten. Bereits 1990 führte es Timmermans dann aber hinaus aus Den Haag und zurück in die weite Welt. Aufgrund seiner während der Armeezeit erworbenen Russischkenntnisse ging er von 1990 bis 1993 als zweiter Botschaftssekretär in die diplomatische Vertretung seines Landes in Moskau, bevor es ihn anschließend wieder kurz nach den Haag ins Außenministerium zurückführte. Es sollte sich dort in der Generaldirektion für Entwicklungszusammenarbeit nur um einen gut halbjährigen Zwischenstopp für Timmermans handeln, um von 1994 bis 1995 anschließend für gut ein Jahr nach Brüssel zu gehen und dort als Mitarbeiter an den niederländischen EU-Kommissar Hans van den Broek ausgeliehen zu werden. Anschließend ging Timmermans bis 1998 als Berater und persönlicher Sekretär zum Hochkommissar für nationale Minderheiten der OSZE, Max van der Stoel, um anschließend wiederum nach Den Haag zurückzukehren.

Am niederländischen Regierungssitz nahm sodann die parteipolitische Karriere von Frans Timmermans Fahrt auf. Der Sozialdemokrat wurde bei den Wahlen im Mai 1998 ins niederländische Unterhaus, die Zweite Kammer, gewählt und behielt seinen Sitz dort mit einer Unterbrechung von 2007 bis 2010, wo er sich als Staatssekretär im Außwärtigen Amt um die europäische Zusammenarbeit kümmerte. Innerhalb seiner Partei gehört er zum progressiven, linksliberalen Flügel und wiedersetzte sich mehrmals stark einer Annäherung der Sozialdemokraten an die sozialistische SP. Als Abgeordneter gehörten vor allem auswärtige Angelegenheiten sowie die Verteidigungspolitik zu den Schwerpunkten von Timmermans’ Arbeit.

Jene Themenbereiche, gepaart mit seiner Sprachenkenntnis und einem fast aufreibenden Engagement sorgten dafür, dass sich Timmermans im Laufe der Jahre ein großes internationales Netzwerk aufbauen konnte. Auf internationalem Parkett bewegte er sich so stets sehr vertraut. Es mag somit vielleicht auf der Hand liegen, dass der nächste Schritt im Leben des Frans Timmermans 2012 die Ernennung zum niederländischen Außenminister und damit zum Chefdiplomaten „seines“ Außenministeriums in Den Haag war. Dass ein Sozialdemokrat in den Niederlanden diesen Posten bekleidet, war – mit Ausnahme seines Ziehvaters Max van der Stoel in den 1980er Jahren – bis dahin jedoch eine Ausnahme. Für Timmermans selbst war die Berufung die Erfüllung eines langes Traums. „Ich stand gestern unter der Dusche und musste zu mir selbst sagen: ‚Du bist wahrhaftig Minister für Auswärtige Angelegenheiten‘“, sagte er einmal dem Algemeen Dagblad[5].

Der hohe Arbeitsdruck als Minister kommt dem Workaholic Timmermans, bei dem eine achtzig-Stunden-Woche keine Ausnahme ist, entgegen. Mehr noch: Timmermans dreht erst richtig auf, wenn es auf dem internationalen diplomatischen Parkett heiß her geht und er besonders gefordert wird. So etwa beim Konflikt mit Russland über festgenommene Greenpeace-Aktivisten im September 2013[6] oder dem Absturz des Passagierflugzeuges MH17 mit fast 200 niederländischen Insassen an Bord im Sommer 2014[7]. Timmermans genoss gerade seinen kostbaren Urlaub und machte eine Radtour mit seinem Sohn, als ihn die Nachricht des Absturzes der Passagiermaschine über der Ostukraine erreichte und er in den folgenden Tagen fast ausschließlich in dieser Sache unterwegs war. An den Wochenenden versucht er normalerweise zu Hause bei seiner Familie zu sein, dies fiel ihm in der Zeit als Außenminister jedoch oft sehr schwer oder seine kostbare Freizeit in Heerlen ging an die Arbeit verloren. Nach dem Absturz der MH17 hat Timmermans wohl erstmals mehr Zeit im Flugzeug als auf dem Erdboden verbracht. Ein Einsatz, für den er viele Lorbeeren bekommen hat und durch die er vielen, für die er bisher kein Begriff war, bekannt wurde. Zu erwähnen ist dabei nicht zuletzt eine packende Rede vor dem UN-Sicherheitsrat am 21. Juli 2014, in welcher er mit sehr vielen Emotionen dafür plädierte, einem Aufklärungsteam Zutritt zu der in einem Bürgerkriegsgebiet liegenden Unglücksstelle der MH17-Maschine zu verschaffen.[8] Timmermans ist ein fabelhafter Redner, dessen Reden sich auch auf Englisch oder einer der anderen von ihm gesprochenen Sprachen stets dadurch auszeichnen, dass sie frei gehalten werden.

Beliebter Politiker

Beliebt war Timmermans als Außenminister auch in seinem eigenen Haus. Hatten die Beamten des niederländischen Auswärtigen Amtes mit seinem Vorgängern keine guten Erfahrungen gemacht, sprach man von Timmermans vielfach in lobenden Worten und konnte er das Vertrauen der Mitarbeiter sowie – noch wichtiger – der Bevölkerung schnell gewinnen. Timmermans arbeitete sich während seiner Amtszeit zum beliebtesten Politiker des Landes empor und schaffte es mit seiner offenen Art, Kritiker seiner Behörde, die sich gegen die mit hohen Kosten verbundenen zahlreichen diplomatischen Vertretungen im Ausland, die vielen Dienstreisen oder den großen Beamtenapparat aussprachen, zum Verstummen zu bringen.

Es war stets Ziel seiner Arbeit als Minister, die Interessen seines Landes auf dem Bereich der auswärtigen Angelegenheiten sichtbar zu machen. Der beschriebene diplomatische Konflikt mit Russland, der Flugzeugabsturz in der Ost-Ukraine oder der erneut eskalierende Streit zwischen Israel und der Hamas halfen Timmermans dabei, sein Land in der Welt sichtbarer zu machen. Timmermans war stets da, wo es einen neuen Brandherd gab und versuchte, vermittelnd einzugreifen. Etwas, was man ihm in seinem Ministerium sehr hoch anrechnete.

Entgegen kam ihm auch, dass er immer schon gerne die Öffentlichkeit suchte. Er war als einer der ersten Politiker in den Niederlanden beim sozialen Netzwerk Facebook aktiv und berichtet – nicht zuletzt als Außenminister – stets über seine Arbeit und kommentiert aktuelle Geschehnisse. Dieses Prinzip der Transparenz brachte er als Außenminister auch in seine Behörde ein: fortan sollten alle Mitarbeiter ihre Arbeit und die Arbeit ihrer Behörde durch die sozialen Medien „sichtbarer“ machen. Und vom kleinen Beamten bis zur angesehenen Botschafterin wurde erwartet, dass sie ihre Arbeit über Kanäle wie Facebook oder Twitter erklären und „verkaufen“. De Volkskrant zitierte dazu im Januar 2014 einen Botschafter, der die neue Öffentlichkeitsoffensive lobte, aber auch Timmermans’ eitle Rolle dabei durchschaut hatte: „Er bringt unsere Arbeit gut ans Tageslicht. Er reist zu den Diplomaten, stellt dann ein Foto mit dem Botschaftspersonal auf seine Facebookseite und schreibt stets etwas Nettes über die Menschen dazu. So etwas wird sehr geschätzt.“ Der einzige Kritikpunkt: „Er steht selbst immer in der Mitte der Fotos.“

Kritisch wird sich auch über Timmermans’ aufbrausenden Charakter geäußert. Regelmäßig müsse er sich zurückhalten, so de Volkskrant, um nicht zu sagen, was er gerade denkt. „Manchmal misslingt dies und er hetzt sich wieder ein Rudel böse Russen auf den Hals.“[9] Selbstbeherrschung gehöre nicht unbedingt zu seinen Stärken. Schafft er es dennoch, kann er diplomatisch vieles erreichen: „Hier zahlt sich sein großes weltweites Netzwerk aus, seine rhetorischen Fähigkeiten, seine Empathie, seine Sprachkenntnis“, konkludierte PvdA-Spitzenkandidat Diederik Samsom.[10]

Überzeugter Europäer

Timmermans ist ein überzeugter Europäer. Er ist nach eigener Aussage im Laufe der Jahre zwar stets kritischer in Bezug auf die Union geworden, hat immer öfter darauf hingewiesen, wo die Grenzen der EU-Kompetenzen liegen, deshalb aber nicht weniger nachgelassen, um Europaskeptiker in die Schranken zu weisen. Frans Timmermans bezeichnet die Europäische Union als „durchschlagenden Erfolg“. Sie habe nach dem Zweiten Weltkrieg für Frieden zwischen den europäischen Nationen gesorgt. Selbst hat Timmermans auch sehr eng bei der Erstellung des europäischen Verfassung mitgearbeitet und war 2005 einer der Initiatoren des – später negativ ausgefallenen – niederländischen Referendums über den Vertrag.

Timmermans zog es seit jeher in die Welt und der Posten als Außenminister war ein sehr willkommenes Geschenk. Anno 2014 jedoch war es ein öffentliches Geheimnis, dass Timmermans so langsam genug vom beschaulichen Den Haag hatte.[11] Schon zwei Jahre zuvor hatte er sich erfolglos als Menschenrechtskommissar des Europarats beworben. Die Ernennung zum EU-Kommissar und zweiten Mann hinter Jean-Claude Juncker im September kam da gerade recht. „Met diesem Topjob als Europokommissar in Aussicht hat er endlich das internationale Podium, welches er schon so lange sucht und von dem er meint, dass es ihm zusteht“, analysierte Natalie Righton in de Volkskrant[12].


[1] Youtube: Frans Timmermans seeks your support!, Onlineversion.
[2] Wolf-Eichbaum, Marie: Bildung: Niederländer feiern zweiten Tag der deutschen Sprache, in: NiederlandeNet vom 18. April 2013, Onlineversion.
[3] Savelberg, Rob: „Die Holländer sollen mehr Deutsch reden“, in welt.de vom 12. November 2012, Onlineversion.
[4] Doemen, Joep: De kerk moet schoon schip maken, in: NRC Handelsblad vom 17. August 2002, Onlineversion.
[5] Hendrickx, Frank: Onder de douche zei ik: je bent minister van Buitenlandse Zaken, in: Algemeen Dagblad vom 6. Mai 2013, S. 10.
[6] Wolf-Eichbaum, Marie: Russland: Niederländische Greenpeace-Aktivisten auf Kaution frei, in: NiederlandeNet vom 21. November 2013, Onlineversion.
[7] Mäkelburg, Tim: Flugzeugabsturz: 196 Niederländer verunglückt, in: NiederlandeNet vom 18. Juli 2014, Onlineversion.
[8] Fliegner, Angelika: MH17: Emotionale Rede des niederländischen Außenministers vor UN-Sicherheitsrat, in: NiederlandeNet vom 22. Juli 2014, Onlineversion.
[9] Righton, Natalie: Timmermans bereikt zijn bestemming, in: de Volkskrant vom 3. September 2014, S. 5.
[10] ebd.
[11] ebd.
[12] ebd.

Autor:
Erstellt: September 2014