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Jan Romein

* Rotterdam, 30. Oktober 1893 - † Amsterdam, 16. Juli 1962 - Historiker und Publizist

Jan Romein wurde 1893 in Rotterdam als Sohn des Konservenfabrikanten und ehemaligen Marineoffiziers Jan Julius Romein und seiner Frau Catharina ter Marsch geboren. Aufgrund einer Krankheit im Alter von zwölf Jahren beendete er erst 1914 das Gymnasium. Im selben Jahr begann er an der Universität Leiden zunächst Theologie, dann Niederlandistik und Geschichte zu studieren. Hier war für seine wissenschaftliche Prägung der Kontakt zu dem Kulturhistoriker Johan Huizinga von größter Bedeutung, auch wenn Romein 1924 bei dem Slawisten N. van Wijk über Dostojewski in der westlichen Literaturkritik promovierte.

In Leiden begann Romein sich unter dem Einfluss marxistischer Freunde politisch zu engagieren. Hier lernte er auch seine Frau Anna (Annie) Verschoor kennen, die er 1920 heiratete. Anfang der zwanziger Jahre übernahm er in Amsterdam die Redaktion der Parteizeitung „De Tribune“. Nach einer internen Revolte gegen die Parteiführung wurde Romein zwar 1927 aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen, blieb aber seinen marxistischen Idealen treu. Neueren Untersuchungen zufolge waren die Romeins ab 1930 „geheime“ Mitglieder der Kommunistischen Partei und verließen sie endgültig erst unter dem Eindruck der Moskauer Trotzkistenprozesse.

In den zwanziger und dreißiger Jahren war Romein als Übersetzer, Journalist, Essayist und Buchautor tätig. Zu seinen wichtigsten Buchveröffentlichungen gehörten eine Bibliographie der mittelalterlichen Geschichtsschreibung der nördlichen Niederlande (1932) sowie eine Analyse aktueller politischer Entwicklungen mit dem Titel „Machten van deze tijd“ (1932). Landesweit bekannt machten ihn die zusammen mit seiner Frau Annie verfassten, vielfach nachgedruckten und auch finanziell erfolgreichen Werke „De Lage Landen bij de Zee“ (1934), eine populäre illustrierte Geschichte der Niederlande, und „Erflaters van onze beschaving“ (1938-1940), eine Sammlung biographischer Essays über Persönlichkeiten der niederländischen Geschichte.

Nach einem langwierigen Berufungsverfahren, das von politischen Widerständen gegen den „Marxisten“ gekennzeichnet war, trat Romein im November 1939 eine außerordentliche Professur für niederländische Geschichte an der städtischen Universität von Amsterdam an. Nach der deutschen Besetzung der Niederlande im Mai 1940 konnte Romein seine Lehrtätigkeit nicht mehr lange fortsetzen. Im Januar 1942 wurde er offiziell entlassen und mehrere Monate im Konzentrationslager Amersfoort gefangen gehalten. Nach seiner Freilassung hielt er sich mit seiner Frau bis zum Kriegsende versteckt.

1945 nahm Jan Romein seine Lehrtätigkeit in Amsterdam wieder auf. An der Universität setzte er sich für die Gründung einer „siebten Fakultät“ für Politikwissenschaften ein. Politisch engagierte sich Romein, u.a. als Redakteur der 1946 gegründeten Zeitschrift „De Nieuwe Stem“, ohne große Resonanz für einen „dritten Weg“ Europas zwischen den Supermächten USA und Sowjetunion. Wissenschaftlich richteten sich seine Interessen verstärkt auf die Geschichtstheorie, der er eine herausgehobene Stellung in der Geschichtswissenschaft zuwies, und auf die Geschichte Asiens bzw. den Vergleich von asiatischem und europäischem Geschichtsverlauf.

Romeins letztes großes Buchprojekt war eine integrale Geschichte der Jahre um 1900. Sie sollte der Fragmentierung der Geschichtswissenschaft durch die synthetisierende Betrachtung einer kurzen Schlüsselperiode der Entwicklung der Menschheit entgegenwirken. Allerdings verhinderte eine schwere Erkrankung, die ihn 1959 zwang, seinen Lehrstuhl aufzugeben und 1962 zum Tod führte, die Vollendung. Es wurde erst 1967 posthum unter dem Titel „Op het breukvlak van twee eeuwen“ von seiner Frau herausgegeben.

Die Bedeutung Jan Romeins ergibt sich aus seinen wissenschaftlichen Arbeiten zur Geschichtstheorie und außereuropäisch-vergleichenden Geschichte, mit denen er seiner Zeit voraus war und die von seinen niederländischen Kollegen damals nur unzureichend gewürdigt wurden. Sie ergibt sich weiter aus seinem historisch-publizistischen Wirken, das die niederländische Geschichte im Zusammenwirken mit seiner Frau breiten Bevölkerungskreisen näher brachte, und schließlich aus seinem politischen Engagement als linker Intellektueller in den Niederlanden der Zwischenkriegszeit und des ersten Nachkriegsjahrzehnts.

Autor: Christoph Strupp
Erstellt: Mai 2007