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Loe de Jong

* Amsterdam, 24. April 1914 - † Amsterdam, 15. März 2005 - Historiker

Als Autor der vierzehnbändigen Reihe ' Koninkrijk der Nederlanden in de Tweede Wereldoorlog' machte der niederländische Journalist und Historiker Louis (Loe) de Jong sich zu der Autorität schlechthin bezüglich der Geschichte der Niederlande im Zweiten Weltkrieg. Fast zwanzig Jahre nach dem Erscheinen des letzten Bandes gilt sein Werk zwar nicht als unumstritten, aber doch als unumgänglich. Die in den sechziger Jahren von ihm mitgestaltete und moderierte Fernsehsendung 'De Bezetting' prägte das Bild der Niederländer vom Zweiten Weltkrieg nachhaltig.

De Jongs Lebensgeschichte wird bereits vor seiner Forschungstätigkeit stark vom Zweiten Weltkrieg geprägt. Er wird in Amsterdam als Sohn jüdischer Eltern geboren und wächst mit seinem Zwillingsbruder Sally auf. An der Universität von Amsterdam studiert er Geschichte. Nach seinem Abschluss 1937 findet er eine Stelle als Redakteur für Auslandsberichterstattung bei der Zeitschrift 'De Groene Amsterdammer'. Als der Zweite Weltkrieg – für De Jong selbst laut einiger seiner Artikel völlig unerwartet – ausbricht, flüchtet er mit seiner schwangeren Frau Liesbeth nach England. Dabei wird das Ehepaar von De Jongs Eltern und Geschwistern getrennt. Sie werden sich niemals wieder begegnen: De Jong verliert im Zweiten Weltkrieg seine Eltern, seinen Bruder und seine Schwester.

Im Londoner Exil arbeitet Loe de Jong als Nachrichtensprecher und später als Direktor bei der niederländischen Rundfunkstation 'Radio Oranje'. Hier konzipiert er die Idee einer Dokumentationsstelle für die Geschichte der Niederlande im Zweiten Weltkrieg. 1944 bewegt er den damaligen Bildungsminister Bolkestein sogar dazu, die Niederländer in einer Radiosendung zu bitten, Tagebücher, Fotos, Briefe und andere Aufzeichnungen sorgfältig aufzubewahren.

Unmittelbar nach dem Ende des Krieges wird in Amsterdam das 'Rijksinstituut voor Oorlogsdocumentatie' (RIOD) gegründet, das zur Aufgabe hat, die niederländische Geschichte im Zweiten Weltkrieg zu dokumentieren. De Jong wird zum Direktor des Instituts ernannt. Die ersten Jahre sammelt und kategorisiert das Institut so viel Material wie möglich über den Krieg; 1950 hat man genug dokumentiert, um mit der Geschichtsschreibung zu beginnen. Anfänglich versucht man, eine vierköpfige Kommission mit diesem Projekt zu beauftragen. Die Zusammenarbeit dieser vier Wissenschaftler verläuft aber nur mühsam, weshalb sie dazu raten, De Jong die Arbeit selbst machen zu lassen. De Jong nimmt die Herausforderung an, lässt sich aber Zeit. Bis 1967 ordnet er das Material, erst dann fängt er an zu schreiben. Der erste von vierzehn Bänden des Werkes 'Het Koninkrijk der Nederlanden in de Tweede Wereldoorlog' erscheint 1969, danach erscheinen in regelmäßigen Abständen neue Bände. 1988, neun Jahre nach seiner Pensionierung, erscheint der letzte Band.

Zuvor hatte De Jong aber in den sechziger Jahren durch die Fernsehsendung 'De Bezetting' schon maßgeblich das allgemeine Bild des Zweiten Weltkriegs bei der Bevölkerung geprägt. In dieser historischen Dokumentationsfilmreihe wird die Geschichte der Niederlande im Zweiten Weltkrieg systematisch aufgearbeitet. De Jong liefert die Skripte für die Sendungen und moderiert sie. Die Resonanz auf die Reihe ist riesig, viele Haushalte schaffen sich sogar extra einen Fernseher an, nur um sie sehen zu können.

Auch als Direktor des RIOD genießt De Jong großes Ansehen. Wenn Fragen bezüglich der Vergangenheit von öffentlichen Personen gestellt werden, gilt seine Einschätzung als Leitlinie. So geht De Jong zum Beispiel dem Lebensweg Claus von Amsbergs nach, bevor eine offizielle Zustimmung der Regierung für dessen Ehe mit der damaligen niederländischen Prinzessin Beatrix erfolgt.

Obwohl De Jong für seine akribische und gewissenhafte Arbeitsweise bekannt ist, gibt es auch kritische Stimmen zu seiner Darstellung des Zweiten Weltkriegs. Vor allem jüngere Historiker bemängeln, De Jong sei oft sehr moralisch an die Thematik herangegangen, und hätte die beteiligten Personen zu gern in die Kategorien 'gut' und 'böse' einteilen wollen, wo er nuancierter hätte sein müssen.

Autor: Peter van Dam
Erstellt: Dezember 2006