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Aletta Henriëtte Jacobs

* Sappemeer, 9. Februar 1854 - † Baarn, 10. August 1929 - Feministin, Friedensaktivistin und erste niederländische Ärztin

Aletta Jacobs wird am 9. Februar 1854 als Tochter des Wundarztes Abraham Jacobs und Anna de Jongh in Sappemeer geboren. Schon im Alter von sechs Jahren steht für Aletta fest, dass sie Ärztin werden möchte. Aufgewachsen in einer großen jüdischen Familie, in der Ordnung und Freiheit sowie Fleiß und Hingabe geschätzt werden, ist es für Aletta und ihre Familie eine Selbstverständlichkeit, diesen Wunsch zunächst durch die Fortsetzung des Bildungsweges zu verwirklichen. Nach ihrem Examen zur Apothekengehilfin am 26. Juli 1870 in Amsterdam, wird Jacobs noch im selben Jahr als Gasthörerin zur dreijährigen Rijks Hoogere Burgerschool zugelassen. Damit ist sie die erste niederländische Frau, die eine weiterführende Schule besucht. Jacobs wird nach Intervention beim Minister J.R. Thorbecke darüber hinaus 1871 die erste niederländische Studentin und rundet ihr in Utrecht abgeschlossenes Medizinstudium im Jahre 1879 mit der Promotion in Groningen ab.

Beruhend auf ihren eigenen Erfahrungen als junge Frau in einer von Männern dominierten Welt und vor allem inspiriert durch eine der Promotion anschließende Reise nach England, wird sie sich schnell für die Rechte der Frauen und die sexuelle Aufklärung stark machen. Auf ihrer Reise lernt sie die britischen Freidenker Charles Bradlaugh und Annie Besant kennen, die Aletta Jacobs inspirieren. Zurück in Amsterdam fängt sie damit an, sich im Freidenkerverein „De Dageraad“ zu engagieren. Hier verfasst sie im gleichnamigen Monatsheft ihren ersten Artikel über das Frauenwahlrecht. In dieser Zeit gründet sie auch den Nieuw Malthusiaansche Bond (NMB), in dem sie sich bereits 1882 für den Gebrauch von Verhütungsmitteln zur Begrenzung der Kinderzahl einsetzt. In der Zeit von 1882 bis 1894 initiiert sie kostenlose Sprechstunden für Frauen und klärt über Verhütungsmethoden auf. Im selben Jahr führt sie auch ein vom deutschen Arzt W.P.J. Mensinga entwickeltes Verhütungsmittel in den Niederlanden ein.

1899 veröffentlicht sie die erste Ausgabe ihres Buches „De Vrouw“, ein anschauliches und praktisches Buch zur weiblichen Anatomie, sowie ein Buch über die Rechte der Frau mit dem Titel „Vrouwenbelangen“. Neben unmittelbar biologischen und sexuellen Themen zur Frau, beschäftigt sich Jacobs in der Zeit von 1894 bis 1903 aber vor allem auch mit der gesellschaftlichen Position von Frauen und ihrer Situation am Arbeitsmarkt. Durch Jacobs Einsatz werden beispielsweise gesetzliche Regelungen getroffen, welche Sitzgelegenheiten am Arbeitsplatz für weibliche Verkäuferinnen vorsehen und schließlich im "Arbeidsbesluit" von 1920 verankert werden.

Jacobs größtes Verdienst ist jedoch ihr unermüdlicher Einsatz für das niederländische allgemeine aktive Frauenwahlrecht, welches sie ab 1894 an der Spitze der „Vereniging voor Vrouwenkiesrecht“ und ab 1898 an der Spitze des „Nationale Vrouwenraad“ (Nationaler Frauenrat) leidenschaftlich einfordert und welches vor allem dank ihres unermüdlichen Engagements im Jahre 1919 vom Kabinett Ruijs de Beerenbrounck aus Angst vor revolutionären Aktionen angenommen wird. Im Jahre 1922 wird das Allgemeine Aktive Frauenwahlrecht schließlich im Grundgesetz verankert.

Darüber hinaus spielt Aletta Jacobs eine zentrale Rolle in der Friedensbewegung. Berühmt wird sie hier vor allem durch den von ihr organisierten und von der amerikanischen Pazifistin Jane Adams vorsitzenden Frauenkongress, welcher nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges tagt und Vermittlungsversuche zwischen den Kriegsparteien unternehmen will. Hierzu reisen die beiden Aktivistinnen im Anschluss an den Kongress zum amerikanischen Präsidenten W. Wilson, um für Unterstützung für ihr Vorhaben zu werben. Dieser erteilt ihrem Plan jedoch eine Absage. Aletta Jacobs stirbt am 10. August 1929 in Baarn. Sie gilt als die bedeutendste niederländische Feministin.

Autor: Boris Krause
Erstellt: November 2006