Pieter Geyl

* Dordrecht, 15. Dezember 1887 - † Utrecht, 31. Dezember 1966 - Historiker

Pieter Geyl wurde 1887 als Sohn des Arztes Arie Geyl und seiner Frau Alida van Erp Taalman Kip in Dordrecht geboren. Nach dem Abschluss des Städtischen Gymnasiums in Den Haag studierte er ab 1906 Niederländische Literatur und Geschichte an der Universität Leiden. Nach dem Examen 1911 ging er für ein halbes Jahr nach Italien und sammelte Material für eine Dissertation über Christofforo Suriano, der von 1616-1623 die Republik Venedig in Den Haag repräsentierte. Inzwischen verheiratet und als Gymnasiallehrer in Schiedam tätig, promovierte Geyl Ende 1913 in Leiden bei dem Historiker P. J. Blok.

Im gleichen Jahr, 1913, bekam er die Chance, als Korrespondent des Nieuwe Rotterdamsche Courant nach London zu gehen. Das Angebot kam Geyls Interesse an den Entwicklungen der Gegenwart und seinem Bedürfnis nach einer herausgehobenen Stellung entgegen. Er knüpfte rasch Kontakte zu führenden englischen Politikern und Journalisten, aber auch zu prominenten Historikern. Im Herbst 1919 wurde Geyl dann an der Universität von London Professor für Niederlandistik, später Niederländische Geschichte. Nebenbei arbeitete er im Pressebereich für die niederländische Gesandtschaft.

In den zwanziger Jahren engagierte sich Geyl als überzeugter Nationalist mit Vorträgen und Zeitungsartikeln in der flämischen Bewegung. Zwar trat er im Gegensatz zu vielen seiner Mitstreiter nicht offen für eine Teilung Belgiens und den Anschluss Flanderns an die Niederlande ein. Er leistete aber mit seiner romantisch-nationalistischen Vorstellung eines „niederländischen Stammes“, die sich an den Sprachgrenzen orientierte und über die gegenwärtigen Staatsgrenzen der Niederlande hinausgriff, einen wichtigen ideologischen Beitrag zu der Bewegung. Geyl widersetzte sich der „kleinniederländischen“ Tradition der Historiographie, die im Nationalstaat des späten neunzehnten Jahrhunderts das Ergebnis natürlicher historischer Entwicklungen sah. Statt dessen beschrieb er in seinem Hauptwerk De Geschiedenis van de Nederlandsche Stam (1930-1937 für die Zeit bis 1751, ergänzt 1959 um die Jahre bis 1798) die Geschichte Flanderns und der nördlichen Niederlande als historische Einheit. Im Bereich der Nationalgeschichte legte Geyl außerdem wichtige Arbeiten zur politischen Bedeutung der Regenten und des Hauses Oranien in der frühen Neuzeit sowie zu den „Patriotten“ der Revolutionszeit vor.

Geyls Konzept einer politisch engagierten Wissenschaft, seine nationalistischen Standpunkte und sein polemischer Charakter hatten trotz ansonsten linksliberaler politischer Ansichten dem Ruf auf eine Professur in den Niederlanden lange im Weg gestanden. Erst 1936 erhielt er den Lehrstuhl für neuere Geschichte in Utrecht. Nach dem deutschen Überfall auf die Niederlande wurde er im Oktober 1940 als erklärter Gegner des Totalitarismus mit anderen prominenten Niederländern zunächst im Konzentrationslager Buchenwald, später in niederländischen Lagern als Geisel interniert und erst 1944 aus Gesundheitsgründen freigelassen.

Nach dem Krieg nahm Geyl seine Lehrtätigkeit in Utrecht wieder auf. Deutliche Kritik an jeglicher Form historischen Determinismus, darunter der Weltgeschichtskonzeption des Briten Arnold Toynbee, machte ihn nun auch international bekannt. Er setzte ihr eine liberale Vorstellung von der Geschichte als „Diskussion ohne Ende“ entgegen, die dem Wahrheitsethos des Historikers und der Vielfalt in der Geschichte selbst angelegter historischer Möglichkeiten besser gerecht werden sollte. In den späten vierziger und fünfziger Jahren bekam er dafür vor allem in der angloamerikanischen Geschichtswissenschaft viel Anerkennung. Seine Schriften, darunter die mehrfach nachgedruckten Debates with Historians (1955), erschienen in Übersetzung, und er hielt sich zu Vortragsreisen in den USA auf. Sein Bewusstsein für die literarische Dimension der Geschichtsschreibung fand 1958 seinen Ausdruck in der Verleihung des P. C. Hooft-Preises für sein essayistisches Werk.

Das historische Werk Pieter Geyls steht in der Tradition der großen erzählenden, politisch und wissenschaftlich gleichermaßen engagierten europäischen Historiker des neunzehnten Jahrhunderts. Zwar haben seine Thesen und sein Argumentationsstil nach seinem Tod 1966 in der Forschung nur noch wenig Widerhall gefunden, aber die Bedeutung Geyls für die zeitgenössische Historiographie von den zwanziger Jahren bis in die Nachkriegszeit ist unbestritten.

Autor: Christoph Strupp
Erstellt: Juli 2007