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Charles Joseph Marie Ruijs de Beerenbrouck

*Roermond, 1. Dezember 1873 - † Utrecht, 17. April 1936 - Politiker (RKSP), dreifacher Ministerpräsident der Zwischenkriegszeit

C. J. M. Ruijs van Beerenbrouck (seit 1895 Ruijs de Beerenbrouck) wurde 1873 als Sohn des Justizministers Gustave L. M. H. Ruijs van Beerenbrouck und seiner Frau Marie Isabelle Louise Ruys de Beerenbrouck in Roermond geboren. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Maastricht und Den Haag studierte er ab 1892 Jura in Leiden und schloss sein Studium im Dezember 1895 mit einer Dissertation über das Strafrecht in der Frühzeit Maastrichts ab. Danach arbeitete er zunächst als Rechtsanwalt in Maastricht, wechselte aber bald ans dortige Bezirksgericht.

Bereits in seinem Studium hatte Ruijs de Beerenbrouck sich für die katholische Sache engagiert und in Leiden die Studentenvereinigung St. Augustinus mitgegründet. In Maastricht beriet er katholische Gewerkschaftsvereine in Rechtsfragen, wurde Vorsitzender eines neugegründeten katholischen Bundes gegen die Trunksucht und saß seit 1899 für die Römisch-Katholische Staatspartei (RKSP) im Gemeinderat. Hier beschäftigte er sich vor allem mit sozialen Themen und wirkte an einer Vielzahl sozialpolitischer Initiativen mit. 1905 erfolgte seine Wahl zum Abgeordneten der Zweiten Kammer des niederländischen Parlaments. Ihr gehörte er bis zu seiner Ernennung zum Kommissar der Königin in der Provinz Limburg im Mai 1918 an.

Nach den Parlamentswahlen im Juli 1918 erhielt Ruijs de Beerenbrouck als erster katholischer Politiker den Auftrag zur Regierungsbildung und stellte im September 1918 ein christlich-konservativ geprägtes Kabinett vor. Die Regierung meisterte eine Reihe innen- und außenpolitischer Herausforderungen, darunter die Revolutionsgefahr von links im November 1918 und die Flucht des deutschen Kaisers in die Niederlande. Zu ihren Leistungen gehörten eine Verfassungsreform und die Einführung des Frauenwahlrechts, eine Bildungsreform und die Gründung eines eigenen Ministeriums für Bildung und Wissenschaften sowie wichtige sozialpolitische Initiativen des ebenfalls neu geschaffenen Arbeitsministeriums. Nach einem überzeugenden Wahlsieg im Juli 1922 bildete Ruijs de Beerenbrouck im Herbst 1922 sein zweites Kabinett. Diesmal bestimmten Sparmaßnahmen die Politik der Regierung. Trotz einer Kabinettskrise nach der Niederlage der Regierung in der Abstimmung über das Flottengesetz 1923 hielt sie sich bis zu den nächsten Wahlen im Amt.

Nach einem erneuten Wahlsieg des christlich-konservativen Lagers im Juli 1925 wurde Ruijs de Beerenbrouck von dem ARP-Politiker Hendrik Colijn als Ministerpräsident abgelöst. Ruijs wurde statt dessen Vorsitzender der Zweiten Kammer und im Herbst 1925 auch Vorsitzender der RKSP. Er engagierte sich weiterhin für die Interessen der Katholiken im öffentlichen Leben der Niederlande und wurde im Juli 1927 zum Minister van Staat ernannt.

Zum dritten Mal bekleidete Ruijs de Beerenbrouck das Amt des Ministerpräsidenten vom August 1929 bis zum Mai 1933. Im Parlament stützte die Regierung sich auf wechselnde Mehrheiten und arbeitete auch mit den Sozialdemokraten zusammen. Den wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Weltwirtschaftskrise begegnete man durch Sparmaßnahmen und Einschränkungen der traditionellen niederländischen Freihandelspolitik, aber die Ergebnisse blieben unbefriedigend. Selbst innerhalb der RKSP wurde das Kabinett als zu passiv kritisiert. Nach den vorgezogenen Wahlen von 1933 wurde Ruijs de Beerenbrouck von Hendrik Colijn als Ministerpräsident abgelöst. Er übernahm wieder den Vorsitz der Zweiten Kammer und blieb einer der einflussreichsten niederländischen Politiker.

Im April 1936 starb Ruijs de Beerenbrouck völlig überraschend in Utrecht. Die große Anteilnahme quer durch alle Parteien bei seiner Beerdigung unterstrich das hohe Ansehen, das Ruijs aufgrund seiner verbindlichen Art und seines ausgleichenden Charakters auch bei seinen politischen Gegnern genossen hatte. Seine Berufung zum Ministerpräsidenten stellte einen Schlusspunkt des jahrzehntelangen Strebens der Katholiken nach politischer Gleichberechtigung in den Niederlanden dar.

Autor: Dr. Christoph Strupp
Erstellt: Juli 2007