Das niederländische Königshaus


XIV. Nachbarschaftspflege auf höchster Ebene

Ausgerechnet einen Deutschen hatten sich sowohl Königin Juliana als auch Königin Beatrix als Ehemann auserkoren

Beatrix und Claus 1976
Beatrix und Claus 1976, Quelle: NA (928-9714)

Die Beziehungen zwischen den Niederlanden und Deutschland sind komplex, manche würden sogar sagen schwierig. Beide Länder haben wohl keinen Nachbarn, mit dem sie so eng verzahnt sind, mit dem sie öffentlich weitgehend unbeachtet so eng zusammenarbeiten. Für die Niederländer sind die Deutschen beispielsweise seit Jahrzehnten der wichtigste Handelspartner. Beide Länder haben gemeinsame Interessen, sind Motoren in den wichtigsten supranationalen Organisationen wie Europäischer Union und NATO. Und dennoch: Eine richtig gute Freundschaft sieht anders aus. In Umfragen unter niederländischen Schülern landete die Deutschen bis in die späten 1990er Jahre hinein im Kreis der 15 mit schöner Regelmäßigkeit auf dem Platz des unbeliebtesten Menschen in der EU. Noch immer wird dem Land, das 1940 die kleinen Niederlande überfiel und besetzte, mit einem mittlerweile eher diffusen Misstrauen begegnet. Völligen Ernstes verbinden vor allem auch jüngere Bürger den brutalen Überfall von 1940 und die anschließende Besatzungszeit mit der Fußball-WM von 1974 als das niederländische Team im Endspiel gegen die Deutschen verlor.

Prinz Bernhard: Schneidig-charmantes Auftreten

Ausgerechnet aus diesem Land „bezog“ das Herrscherhaus im vergangenen Jahrhundert die Ehepartner für die wichtigsten Mitglieder der königlichen Familie. Überraschenderweise wurden auch ausgerechnet diese anfangs umstrittenen, teils heftig abgelehnten Neuniederländer zu den beliebtesten Bürgern des Landes. Königin Juliana lernte 1936 in den Niederlanden Bernhard Leopold zur Lippe-Biesterfeld kennen, der in Amsterdam in der Außenstelle der IG Farben arbeitete. Sein schneidig-charmantes Auftreten becircte die junge Prinzessin, die die Schattenseiten des schneidig-charmanten nicht erkannte oder erkennen wollte. Am 7. Januar 1937 wurde geheiratet. Die „dunklen Seiten“ des deutschen Bonvivant, der aus dem Exil heraus an der Befreiung seines Landes mitwirkte, sollten – so muss man der jugendlichen Prinzessin und späteren Königin zugestehen – aber auch erst Jahre beziehungsweise Jahrzehnte später eine Rolle spielen: Prinz Bernhard, so der offizielle Titel Lippe-Biesterfelds war offenbar Mitglieder der SA, der Reiter-SS und – von ihm trotz belastender Belege immer bestritten – Mitglied der NSDAP. Ein Umstand der trotz seiner Rolle im Widerstand nicht unproblematisch für viele Niederländer ist.

Noch 2002 sorgte das Gerücht, dass es frühe Filmaufnahmen des Prinzen in SS-Uniform gebe, für reichhaltiges Geraune auf den Redaktionsfluren niederländischer Zeitungen – ohne dass irgend jemand die Bilder des „schneidigen“ Deutschen gesehen hätte. Der „charmante Deutsche muss ein ausgesprochener Playboy gewesen sein. Während seiner frühen europäischen Jahre sorgte er, so hielten sich jahrelang unbestätigte, für zahlreichen außerehelichen Nachwuchs (Einen Teil dieser Gerüchte bestätigte er Anfang des Jahres 2004). Dennoch galt Prinz Bernhard in den Nachkriegsjahren als „bester Exportartikel“ des Landes. Immerhin war er sogar Oberbefehlshaber der niederländischen Streitkräfte. Darüber hinaus zur politischen Untätigkeit verurteilt, glänzte der Anhang des Staatsoberhauptes auf gesellschaftlichem Terrain. Einfach nur so als Teil der High Society aber auch bei durchaus ernstzunehmenden Aufgaben: So war er Gründungspräsident des WWF. Sein öffentliches Engagement endete mit einer reichlich schmutzigen Schmiergeldaffäre um den US-amerikanischen Lockheed-Konzern. Damit endete zugleich für Jahrzehnte öffentliche das Leben des prominenten Deutsch-Niederländers, dessen Biographe – stellvertretend für die Beziehungen beider Länder ebenso komplex war, wie die seines Nachfolgers.

Prinz Claus: „Charmantester Niederländer des Jahres“

Auch die Tochter von Königin Juliana, Königin Beatrix hatte sich ausgerechnet einen Deutschen zum Mann gesucht. Der Diplomat Claus von Amsberg sollte es sein: Eine Entscheidung die wesentlich kontroverser diskutiert wurde als die Vorkriegsehe ihrer Mutter. Bei der Hochzeit in Amsterdam, der Hochburg des Widerstandes gegen die deutsche Besatzung kam es 1966 zu regelrechten Straßenschlachten. Bereits die Genehmigung der Regierung zur Hochzeit, die laut Verfassung notwendig ist, hatte erbitterte Debatten ausgelöst. Nur wenige Jahre später hatte sich die negative Einstellung gewandelt. 1976 wählten die Leser einer niederländischen Tageszeitung den Deutsch-Niederländer ausgerechnet zum „charmantesten Niederländer des Jahres“. Prinz Claus hatte vor allem zwei Dinge richtig gemacht: Er hatte dem Land nach mehr als hundertjähriger Abstinenz wieder zu einem männlichen Thronfolger verholfen, was offenbar auch für ein Land mit offener Thronfolge irgendwie wichtig ist, und er hatte sich zur moralischen Instanz entwickelt. Sich für die richtige Sache einzusetzen, wenn beziehungsweise gerade weil ein kleines Land nur wenig wirklich bewegen kann, ist für die Niederländer besonders wichtig. Sein Einsatz für Umweltpolitik und Entwicklungszusammenarbeit kam an.

Katalysatorfunktion

Beide Prinzen, Bernhard und Claus waren beliebt in den Niederlanden; vielleicht sogar beliebter als ihre jeweiligen Gemahlinnen, Königin Juliana und Königin Beatrix. Beide waren aber vermutlich deshalb so populär, weil sie von der Bevölkerung über einen langen Zeitraum eher als Niederländer denn als Deutsche gesehen wurden. Das „Deutsche“ in den Prinzen war in der öffentlichen Wahrnehmung immer eher ein Risikofaktor für die königliche Familie – vor allem dann, wenn es auf den dunkleren Teil der deutsch-niederländischen Geschichte hindeutete. Beide hatten so aber möglicherweise eine Katalysatorfunktion für die Niederländer, sich mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen: Nach dem Krieg gab es nur Gut und Böse: Gut waren die überfallenen Niederländer und Böse die Deutschen, sowie die wenigen (so die allgemeine Auffassung jener Tage) Niederländer, die den Besatzern halfen.

Erst am Ende des vergangenen Jahrhunderts setzte sich die Erkenntnis durch, dass die niederländische Geschichte vielschichtiger, das eigene Versagen größer war, als angenommen. Dafür gibt es wiederum einen Beleg bei den Prinzen: Zu Beginn des Jahres schrieb Prinz Bernhard: In der Tageszeitung de Volkskrant einen offenen Brief, in dem er sich gegen verschiedenen Anschuldigungen zur Wehr setzte (und einige Verfehlungen zugab): So war ihm immer wieder vorgeworfen worden, er hätte sich 1942 den Nazis als Statthalter für die Niederlande angedient und später die Angriffspläne auf Arnheim verraten. Beides hatte er immer bestritten – nur eben nicht öffentlich: Drei Ministerpräsidenten hatten ihm die Rechtfertigung verwehrt. Erst der Christdemokrat Jan Peter Balkenende gewährte ihm diese letzte Chance auf Rechtfertigung, die die Niederländer noch einmal tief in die Vergangenheit führte.

Stereotype im täglichen Umgang nicht haltbar

Dennoch hat bei allen Schwierigkeiten vor allem Claus von Amberg in den 1970er und 1980er Jahren als Zugereister viel für das Deutschlandbild in den Niederlanden getan. Vermutlich, weil der weltgewandte Diplomat durch tägliche Anschauung einen Gegenentwurf zum Stereotyp des ungeschlachten, lauten und aggressiven Deutschen ablieferte. Vielleicht stehen die Prinzen für ein in mancherlei Hinsicht neurotisches Miteinander, das sich verkürzt so beschreiben lässt: Die Niederländer sind den Deutschen nicht so ähnlich wie die Deutschen es glauben – und sie sind nicht so anders, wie die Niederländer es sich wünschen. Die bisweilen spürbare Ablehnung der Deutschen seitens der Niederländer, die kein ernsthaftes Problem, aber eben doch eine kleine, unterschwellig fortbestehende Symptomatik ist, scheint ein diffus kollektives Phänomen, es halten sich gewachsene Stereotype, die aus der Ferne angewendet werden, im täglichen Umgang aber – und das haben die deutschen Ehemänner der Königinnen jahrelang demonstriert – nicht haltbar sind.


[1]  Der Artikel ist in der Ausgabe „Royals – Die Monarchien Europas“ von Das Parlament erschienen (54. Jahrgang. Nr. 43. Berlin, 18. Oktober).

Autor: Jan Kanter
Erstellt: Oktober 2004
Aktualisiert: Februar 2013


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