Das niederländische Königshaus


IV. Königin Juliana und Prinz Bernhard

Königin Juliana und Prinz Bernhard 1946
Prinzessin Juliana und Prinz Bernhard 1946, Quelle: NA (901-5977)

Königin Juliana war nie die Majestät, als die ihre Tochter Beatrix sich gerne gezeigt hat. Die Königinmutter trat gerne volkstümlich-bürgerlich auf. Rollte man ihr den roten Teppich aus, ging sie oft nebenher. Das brachte ihr die Sympathie der Bevölkerung und den Titel „Großmutter des Volks“ ein. Am 20. März 2004 ist Juliana im Palais Soestdijk im Alter von 94 Jahren gestorben.

1948, mitten im Kalten Krieg, übernahm Königin Juliana ihr Amt von ihrer Mutter, die zuvor fünfzig Jahre lang regiert hatte. Doch die Position der jungen Königin, die ihre vier Töchter während des Zweiten Weltkriegs im kanadischen Exil aufgezogen hatte, war eine andere als die Wilhelminas. Die alte Königin hatte von London aus den Widerstand gegen die deutsche Besatzung politisch vertreten, ihr Schweigersohn Prinz Bernhard hatte den militärischen Widerstand angeführt. Juliana dagegen nahm in dieser Zeit kaum politisch Einfluss und war lediglich durch Besuche in den niederländischen Kolonien in der Karibik aufgefallen.

„Das Protokoll ist mein natürlicher Feind“

Während des Exils wurde die neue Königin zu einer Bewunderin des amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt und seinem Ideal der „vier Freiheiten“: Freiheit der Meinung, der Religion, von Angst und Not. Nach ihrer Rückkehr in die Niederlande hielt Juliana den autokratischen Stil der alten Zeit für nicht mehr angemessen. Die junge Regentin legte Wert auf einen persönlichen, von manchen als zu freundschaftlich-familiär empfundenen Umgangsstil. Sie ließ sich mit „Mevrouw“ statt mit „Majestät“ anreden und schaffte den Hofknicks ab. „Das Protokoll ist mein natürlicher Feind“, soll die Monarchin einmal gesagt haben. Auch galt sie als Vorkämpferin für den Frieden mit linksliberaler Ausstrahlung.

Die Regierungszeit Julianas war von einem tief greifenden Wandel der niederländischen Gesellschaft geprägt. Die Dekolonisation Indonesiens, die nicht ohne militärische Auseinandersetzungen ablief, die Flutkatastrophe von 1953 im Rheindelta und die Provo-Bewegung, die in den 19060er Jahren die großen Städte fest im Griff hatte, veränderten das Zusammenleben der Niederländer grundsätzlich. Juliana nahm diese Herausforderungen an und watete 1953 in Gummistiefeln durch die überschwemmten Gebiete Zeelands, um den Menschen Mut zuzusprechen. Trotz ihres sozialen Engagements und ihres Charmes, mit dem Juliana die Monarchie in einer modernen Demokratie akzeptabel machte, gilt sie als eher schwache Fürstin. Die hängt vor allem mit der so genannten Greet-Hofmans-Affäre zwischen 1948 und 1959 zusammen. Prinzessin Maria Christina, jüngste Tochter der Königin, litt an einer Augenkrankheit, die die Gebetsheilerin Hofmans behandeln sollte. Deren stark pazifistische Haltung machte großen Eindruck auf Juliana und beeinflusste ihr Auftreten unter anderem während einer Amerika-Reise 1952 – mehr, als die offizielle Politik und auch Prinz Bernhard hinzunehmen gewillt waren. Schließlich drohte dem königlichen Paar sogar die Scheidung.

Mysteriöser Brief sorgt für Unruhe

1959 kam es zu einer offiziellen Untersuchung, nach der Hofmans den Hof verlassen musste. Bis heute sind die genauen Umstände der Affäre unklar. Besonders die Rolle von Prinz Bernhard ist umstritten. Sicher ist, dass Bernhard Informationen über die Lage am Hof an den Spiegel weitergab. Später rechtfertigte er sich, er habe, „jeden, vor allem aber das Kabinett, wach schütteln wollen“. Wiederholt, zuletzt im Februar 2004, forderte der Prinz, den Untersuchungsbericht öffentlich zu machen. Offenbar rechnet Bernhard damit, dass seine Rolle in der Affäre dort positiv beurteilt wird. Doch der damalige Ministerpräsident Jan Peter Balkenende erteilte diesem Ansinnen nun abermals eine Absage. Der Bericht enthalte zu viele Informationen, die in den „persönlichen Lebensbereich“ noch lebender Personen eingriffen. Nicht nur während der Hofmans-Affäre zeigte Prinz Bernhard sich als schillernde Gestalt. Playboy oder Provo, Landesverräter oder Volksheld – seit mehr als fünfzig Jahren entzünden sich an ihm viele Diskussionen. 2003 sah sich der über Neunzigjährige genötigt, sich mit einem Brief in De Volkskrant gegen neue Angriffe verteidigen zu müssen. Darin verwahrt sich Bernhard dagegen, er habe mit dem Nationalsozialismus sympathisiert und sich Hitler 1942 in einem Brief als Statthalter für die Niederlande empfohlen. Diesen Vorwurf hatte der Historiker Thomas Ross im Oktober 2002 in seinem Buch „Omwille van de troon“ erhoben. Auch Historiker Gerard Aalders widmet dem mysteriösen Brief in seinem Buch „Leonie – das Leben einer niederländischen Doppelspionin“ ein Kapitel.

Lockheed-Starfighter-Affäre

Das Gerücht um den Brief, das von beiden Historikern nicht eindeutig als wahr belegt werden konnte, sorgte für erregte Diskussionen. Denn Bernhard gilt vielen Niederländern wegen seines Einsatzes für den Widerstand als „der einzig gute Deutsche“. Auch über seinen Tod hinaus ist der Prinz eine Integrationsfigur für die Veteranen des Zweiten Weltkriegs, aber auch jene der Dekolonisationskriege bis hin zu den Blauhelm-Soldaten von Srebrenica. Die politische Haltung des Prinzen in den dreißiger und vierziger Jahren bleibt auch nach den jüngsten Veröffentlichungen undeutlich. Bekannt ist, dass Bernhard schon als Jura-Student in Berlin Mitglied in verschiedenen nationalsozialistischen Organisationen war, darunter die SA-Fliegerstaffel und die SS-Motorstaffel. Diese Mitgliedschaften beendete der Prinz erst kurz vor der Heirat mit Juliana. Auch gibt es Gerüchte, Bernhard habe die Luftlande-Aktion der Alliierten bei Arnheim 1944 verraten, wenn auch nicht mit böser Absicht. Der Historiker J.G. Kikkert, der 2004 das Buch "De prins in Londen : Bernhard 1940-1945" schrieb, hält diese Gerüchte für nicht völlig gegenstandslos.

War der Prinz also ein „Schurke im Königreich“, wie ihn niederländische Zeitungen zwischenzeitlich bezeichneten? Bis heute ist ebenfalls ungeklärt, ob Bernhard in der Lockheed-Starfighter-Affäre ein Schmiergeld angenommen hat. 1974 hatte das amerikanische Unternehmen den Prinzen angefragt, für den Kauf des Starfighters F104 durch die Niederlande zu werben. Die Kommission unter dem späteren Justizminister Piet Hein Donner, die 1976 eine Untersuchung führte, kam zu den Ergebnissen, dass keine Beweise für eine Bestechlichkeit Bernhards vorlägen. Zuvor hatte Königin Juliana mit Rücktritt gedroht, sollte ihrem Mann der Prozess gemacht werden. Soweit kam es nicht, doch verlor der Prinz seine Funktion als Generalinspekteur des Heeres und Botschafter der holländischen Wirtschaft im Ausland. Auch das Privatleben Bernhards sorgte immer wieder für Spekulationen. So werden ihm mindestens drei uneheliche Kinder in mehreren Ländern nachgesagt. Ein oft extravaganter Lebensstil mit schnellen Sportwagen und schönen Begleiterinnen komplettierten das Bild.

Je älter desto populärer

Wie viel Wahrheit hinter den vielen Vorwürfen und Vermutungen steckt, bleibt undeutlich. In einem Gespräch mit De Volkskrant beklagte der Prinz 2004, sich gegen ungerechtfertigte Angriffe nicht wehren zu können. Als Mitglied des Königshauses müsse er über alle Angelegenheiten schweigen. Allerdings seien „die Grenzen des Anstands“ von einigen Publizisten in jüngster Zeit „weit überschritten“ worden. Vor allem durch die Berichte über seine Kriegsvergangenheit fühle er sich „beschädigt“, zumal die Anschuldigungen „kränkend und unrichtig“ seien, wie das Presseamt des Königshofes schrieb. Trotz dieser Auseinandersetzungen brachte Bernhard sein turbulentes Leben mehr und mehr die Sympathie seiner Landsleute ein. Je älter er wurde, desto populärer wird er.

Gerade weil seine Vergangenheit Anlass für Kritik und Spekulationen gibt, konnte der Prinz sich Freiheiten erlauben, die jedem anderen Mitglied des Königshauses verwehrt blieben. So meldete sich Bernhard 2003 bei einem Amsterdamer Gericht mit dem Hinweis, sollte gegen zwei Angestellte einer Supermarktkette eine Geldstrafe verhängt werden, werde er sie übernehmen. Die Angeklagten hatten einen Ladendieb festgehalten und dabei schwer misshandelt. Mit solchen Aktionen sprach Bernhard vielen Niederländern aus der Seele, die sich von der wachsenden Kleinkriminalität im Land bedroht fühlten. Selbst der ehemalige Ministerpräsident Jan Peter Balkenende kam nicht umhin, zuzugeben, der Prinz spreche ihm „aus dem Herzen“. In den Popularitätswerten hatte Bernhard seine Frau längst erreicht. Manche halten den „Mythos Prinz Bernhard der Niederlande“ gar für unsterblich. Nach langer Kranheit starb Prinz Bernhard 2004 im Alter von 93 Jahren in Utrecht. Die Diskussion um Person und Persönlichkeit ging und geht seither weiter.

Autor: Karsten Polke-Majewski
Erstellt: April 2004
Aktualisiert: Februar 2013


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Aalders, Gerard: Leonie - das Leben einer niederländischen Doppelspionin, 2003.

Kikkert, J. G.: De prins in Londen : Bernhard 1940-1945, 2004.

Ross, Thomas: Omville van de troon, 2002.


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